Die Verwandlung

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Simon Borowiak nennt sich einen "Chefglückspilz". Die "Scheiße", das war sein altes Leben. Heute lacht er über die Psychiatrie, die ihm nicht helfen konnte

Simon Borowiak nennt sich einen "Chefglückspilz". Die "Scheiße", das war sein altes Leben. Heute lacht er über die Psychiatrie, die ihm nicht helfen konnte

Weil Borowiak ein Nachtmensch ist und auf diese Weise "auch morgens um zwei noch virtuell die Bude zerlegen" kann, wie Borowiak sagt. Sein Favorit ist und bleibt Beethoven, die Sonaten. "Es gibt Sachen, die habe ich tausende Male gespielt, und sie sind jedes Mal neu. Neuer Blickwinkel, neuer Klang. In dem Augenblick, in dem sich der Mensch, der vor dem Klavier sitzt, auch nur ein Jota verändert, verändern sich die Wahrnehmung und der Ausdruck."
Ob und wie Simon Borowiak sich verändert hat, ist für einen Außenstehenden wohl kaum zu beurteilen. Fest steht, dass er in den Jahren seiner öffentlichen Abwesenheit einiges erlebt hat, darunter: verschiedene Schattierungen von Alkoholmissbrauch bis hin zum Versuch, sich "totzusaufen", Ergebnis: chronischer Alkoholismus; längere Aufenthalte in der Psychiatrie; und eine über viele Jahre mühsam erkämpfte Identitätsanpassung von Simone zu Simon.

Früher sagte man umgangssprachlich "Geschlechtsumwandlung", tatsächlich geht es nicht darum, das biologische Geschlecht eines Menschen "umzuwandeln", sondern das biologische Geschlecht gewissermaßen der subjektiv empfundenen Identität anzupassen, mit Hormonen und Operationen. Voraussetzung ist ein jahrelanger Entscheidungsprozess mit Entscheidungen, die der so genannte Transidentiker über sich und seine Identität treffen muss und die dann von psychiatrischen Gutachtern bestätigt werden müssen. Eine aufwändige, schwierige Sache, oder, in Borowiaks Worten: "Bei Obi gibt's das noch nicht!"

Borowiak wuchs auf in Oberhessen und Frankfurt, kam mit zwölf zum Klavierspielen aufs Konservatorium. Fleißig und talentiert, aber zunehmend unfähig, öffentlich aufzutreten: die Nerven. Er besuchte eine katholische Mädchenschule, die er verlassen musste wegen "sozialistischer Wertmaßstäbe": "Ich war immer äußerst unsicher und schüchtern, ich war nie auf Krawall aus, aber komischerweise habe ich Krawall immer angezogen." Wenn die Klassenlehrerin "knallhart chauvi" erklärte, die Engländer hätten Indien kolonisiert, um den Eingeborenen "die Kultur zu bringen", fragte Borowiak, "ob es nicht auch wirtschaftliche Gründe gegeben haben könnte". Wenn der Schulpfarrer gegen Kommunismus und Sozialismus wetterte und den Schülerinnen sagte, alles, was auf "ismus" ende, sei abzulehnen, rutschte Borowiak "Katechismus" raus. Derlei Vorfälle reichten noch Anfang der achtziger Jahre aus, um eine katholische Schule verlassen zu müssen. "Ich wollte nicht weg, ich würde ja auch jederzeit wieder auf eine Mädchenschule gehen, nur dass die mich heute nicht mehr nehmen würden. Aber angenehm fand ich das. Nur die Erwachsenen hätten nicht dabei sein dürfen." Simon Borowiak lacht viel und herzlich, wenn er von dieser Zeit erzählt.

Der "zweite heftige Schlag" kam, als er das Konservatorium abbrechen musste, weil ihm klar wurde, dass er mit seinem Lampenfieber nie würde Solist werden können. "Ich hätte Musiklehrer werden können, aber das kam für mich nicht in Frage. Dann lieber gar nichts. Und daraufhin habe ich mit 19 aufgehört. Von einem Tag auf den anderen habe ich kein Klavier mehr angefasst. Und ich konnte keine Klavierklänge mehr hören. Ich habe sofort geheult."

  • BRIGITTE Heft 02/08
    Text: Till Raether
    Fotos: Fabian Bimmer
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