So klingt Argentinien

Vor drei Jahren habe ich es zu meinem eigenen Erstaunen geschafft, meinen Freund zu einem Tango-Kurs zu überreden. Man muss dazu sagen, dass meinem Freund schon das Fußwippen in der Disko peinlich ist, und als sich alle seine Klassenkameraden auf die Tanzstunden freuten, zog er es vor, an seinem Mofa herumzubasteln. Doch beim Tango machte er eine Ausnahme. Und das liegt an der Musik. Sehnsüchtig, leidenschaftlich, melancholisch - ohne dabei kitschig zu sein, entführt der Tango uns in eine Welt lauer Sommernächte, schummriger Bars und feuriger Temperamente. Hier ein paar Musik-Tipps, mit denen auch Sie sich das argentinische Lebensgefühl nach Hause holen können.

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Carel Kraayenhof: "Street Tango" (Universal)

Tango ist nicht nur ein argentinisches Phänomen. Längst wurden die südamerikanischen Klänge auch nach Europa exportiert, wo sie sich zu eigenen Stilrichtungen entwickelt haben, etwa dem Finnischen Tango. Die jüngste Eroberung des Tangos sind die Niederlande: Seit der holländische Bandoneon-Virtuose* Carel Kraayenhof vor vier Jahren die Hochzeit von Prinz Willem und Maxima mit dem Stück "Adios Nonino" von Astor Piazzolla begleitete und die Braut damit zu Tränen rührte, können die Niederländer gar nicht genug bekommen vom Tango. Und Carel Kraayenhof wurde von einem Tag auf den anderen berühmt; kaum ein Konzert von ihm in der Amsterdamer Concertgebouw, das nicht ausverkauft wäre. Dabei hat Kraayenhof, wie sich das für einen anständigen Tango-Musiker gehört, ganz bescheiden angefangen: nämlich auf der Straße. So ist "Street Tango" auch als Tribut an das Leben auf der "calle" zu verstehen, wo der Tango im 19. Jahrhundert seinen Ursprung fand. Kraayenhof interpretiert einfache, emotionale Stücke, die - getreu dem Piazzolla-Motto - oft traurig sind und auch mal dramatisch, "aber niemals pessimistisch". Vor diesem Hintergrund passt es auch, dass Kraayenhof auf seinem Album neben Werken des verstorbenen Komponisten und Bandoneon-Spielers Piazzolla auch Songs aus Leonard Bernsteins Musical "West Side Story" ausgesucht hat - ein Stück, das ebenfalls im Straßenstaub spielt, das traurig ist, dramatisch, und doch ganz fest an die Kraft der Liebe glaubt.

Trio Yengibarjan: "Tango Passion" (BMC)

Das Trio Yengibarjan ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Argentinier den Tango nicht für sich gepachtet haben. Gründer David Yengibarjan stammt aus Armenien und lebt seit zehn Jahren in Ungarn, wo er sich schnell zu einem der gefragtesten Akkordeon-Spieler Europas entwickelt hat. Theatermusik, Filmvertonung, Tourneen und seit 1999 eine „Band“ - der Tango lässt den 30-Jährigen selten zur Ruhe kommen. Stilistisch bewegen sich seine Kompositionen irgendwo zwischen dem traditionellen Tango Argentino, dem Tango Nuevo von Astor Piazzolla sowie verschiedenen Folk-Gattungen. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: nämlich einfach schön.

Gotan Project: "La Revancha del Tango - live" (DVD)

Sechs Jahre ist es nun schon her, dass die Gruppe um den Argentinier und Wahl-Pariser Philippe Cohen Solal mit ihrem Album "La Revancha del Tango" schlagartig die Tango-Szene revolutionierte und einen neuen Stil schuf: Elektrotango. Die gelungene Mischung aus akustischen Instrumenten und elektronischen Beats war im Jahr 2000 in nahezu jeder Bar und jedem Wohnzimmer Europas zu hören. Es folgten einige umjubelte Welt-Tourneen und seitdem - nichts. Seit sechs Jahren kein neues Album, lediglich eine von Solal zusammengestellte Compilation ("Inspiración - Espiración"), die den Hunger der sehnsüchtig wartenden Fans kaum stillen konnte. Auch die neueste Veröffentlichung des Gotan Projects, eine Live-DVD, ist nur ein Aufguss des alten Erfolgsalbums - allerdings ein sehr gelungener. Denn die Live-Auftritte der Band sind liebevoll arrangierte Kunstwerke, voller Überraschungen und sinnlicher Erlebnisse. Für Fans von Gotan Project auf jeden Fall ein Muss.

Carlos Libedinsky: "Narcotango" (New Sound Dimensions)

Eine weitere Möglichkeit, sich das Warten auf ein neues Album von Gotan Project zu versüßen, bietet diese Kombo um das musikalische Multitalent Carlos Libedinsky aus Buenos Aires. Auch hier werden herzzerreißende Violin- und Bandoneon-Melodien mit elektronischen Elementen unterlegt, wobei das Ergebnis sehr viel trippiger und technoider ist als die sanften Songs der Vorreiter aus Paris. Ein Album, das Spaß macht - in den Szene-Clubs von Buenos Aires ist "Narcotango" der Renner!

*Das Bandoneon ist eine Art Ziehharmonika, ähnlich dem Akkordeon nur etwas kleiner.

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