"Es war uns eine Ehre, Sophie Scholl zu sein"

Sophie Scholl - Heldin oder ganz normale Frau? Zwei Schauspielerinnen haben diese Rolle verkörpert - eine jetzt im neuen Film "Sophie Scholl - die letzten Tage", die andere vor 22 Jahren in "Die Weiße Rose". Ein Gespräch mit beiden über eine Frau, die uns nicht loslässt.

Lena Stolze

Für die damals 26-Jährige war Sophie Scholl in Michael Verhoevens Film "Die Weiße Rose" 1982 ihre erste Filmrolle, die gleich mit einem Filmband in Gold belohnt wurde. Die gleiche Rolle spielte sie später in Percy Adlons Film "Fünf letzte Tage". Wie sehr ihr mutige Frauen gefallen, bewies sie auch eindrucksvoll 1990 in Michael Verhoevens Film "Das schreckliche Mädchen", für den sie das zweite Filmband in Gold erhielt. Heute ist die 48-Jährige überwiegend im Theater und Fernsehen zu sehen.

Julia Jentsch

Die 26-Jährige ist seit 2001 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele und wurde 2002 von der Zeitschrift "Theater heute" als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Parallel dazu startete sie 2000 ihre viel beachtete Filmkarriere. Zuletzt war sie zu sehen in "Der Untergang", "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Schneeland".

BRIGITTE: In allen Umfragen, gerade bei jungen Leuten, gilt Sophie Scholl als Heldin, als Vorbild, als größte Frauengestalt des letzten Jahrhunderts. Wie erweckt man eine so unantastbare Ikone zum Leben?

JULIA JENTSCH: Wenn man weiß, dass man diese Rolle spielen wird, denkt man nicht daran, eine Heldin spielen zu wollen. Man versucht herauszufinden, was diesen Menschen ausgemacht hat, mit was hat sie sich beschäftigt, worüber Gedanken gemacht. Was hat sozusagen den Boden bereitet, der es ihr ermöglicht hat, durch die Situation, in die sie geraten ist, zu einer Heldin zu werden. Wir wollten zeigen, dass sie eine normale junge Frau war, die immer wieder bewusst Entscheidungen getroffen hat und dabei konsequent geblieben ist. Sie ist unter größtem Druck und trotz der Angst um ihr Leben ihrem Freiheits- und Gerechtigkeitssinn treu geblieben, nicht von ihrer Überzeugung abgewichen. Aber sie ist eben nicht als Heldin geboren worden. Dass es sie auch innere Kämpfe und Anstrengungen gekostet hat, so aufrecht durch die Verhöre und Verhandlung in den Tod zu gehen, also dieses Wachsen mit der Aufgabe zu zeigen, war uns sehr wichtig.

BRIGITTE: Fanden Sie es nicht schwer, eine so starke Heldin zu spielen?

LENA STOLZE: In Inge Aicher-Scholls Buch "Die Weiße Rose" hatte ich Sophies Briefe gelesen. Wie intelligent und lebensklug sie war! Ein spontaner Mensch, da war nichts von starrer Ideologie. Und ich habe mir immer wieder die Fotos von Sophie angesehen, ich fand das Gesicht so wunderschön. In dieses junge Mädchengesicht konnte ich mich leicht hineinversetzen, auch in ihre Liebe zur Natur...

JULIA JENTSCH: Diese Fotos mag ich auch sehr, auch die von den anderen Mitgliedern der "Weißen Rose", weil man sieht, das waren lebensfrohe junge Menschen, die haben gefeiert, Wein getrunken, geraucht, sind schwimmen gegangen.

BRIGITTE: Möchte man selber so sein wie Sophie Scholl, ist sie ein Vorbild für Sie?

JULIA JENTSCH: Vor den Dreharbeiten hatte Sophie Scholl keine Vorbildfunktion für mich, einfach weil sie in meinen Gedanken nicht präsent war, muss ich zugeben. Trotzdem würde ich mir wünschen, in ähnlicher Situation ihre Stärke zu besitzen. Sie ist ohne Frage ein Vorbild für extreme Zivilcourage, und die wird immer wieder nötig sein. Auch wenn es nicht immer um Leben und Tod geht, es geht immer darum, die eigene Angst oder Unsicherheit zu überwinden und sich für jemand anderen einzusetzen oder für seine Meinung zu kämpfen. Insofern sollte sie eigentlich jedem ein Vorbild sein. Ich habe aber vor allem die Eltern von Hans und Sophie bewundert. Wie die ihre Kinder ernst genommen, mit ihnen diskutiert haben und wie tolerant sie waren. Sie wollten ihren Kindern auch eigene Erfahrungen nicht nehmen. So hat der sozialdemokratische Vater Sophie auch in den BDM eintreten lassen, wollte, dass sie selbst erkennt, dass das falsch ist. Auch den Glauben haben die Kinder nicht aufgezwungen bekommen. Sie bekamen die Möglichkeit, vieles zu lesen, ihre Mutter war sehr gläubig. Aber was Gott für sie bedeutet, haben sie durch eigene Erfahrungen und Gespräche mit Freunden herausgefunden.

LENA STOLZE: Genau. Die Familie hat ihnen so viel Vertrauen, Kraft und Selbstbewusstsein gegeben, dass sich die Scholl-Kinder sicher waren: Unsere Meinung ist so wichtig, dass wir sie nach draußen tragen müssen, dass wir gegen das Regime argumentieren müssen. Der Mut, sich nicht anzupassen - das ist nicht nur Charakterfrage, das ist eine Frage der Liebe und des liberalen Klimas, in dem man aufwächst. In Sophies Aufzeichnungen wird auch der Umgang in der Familie beschrieben. Sie geht mit ihrem Vater an der Donau entlang, er hört sich ihre Meinung an und "stellt seine dagegen", schreibt sie. "Er stellt seine Meinung dagegen" - dieser Satz hat auf mich großen Eindruck gemacht. Ich hatte immer Sehnsucht nach einem solchen Verhältnis.

BRIGITTE: Sind Sie autoritärer erzogen worden?

LENA STOLZE: Nein, aber meine Eltern waren beschäftigt mit ihren eigenen Biografien. Dieses Zuhören und diese Offenheit der Scholl-Eltern basiert ja auf dem Respekt vor den Kindern. Ja, und um den als Vater oder Mutter zu haben, da muss man auch wissen, wer man selber ist.

BRIGITTE: Hatten Sie mit Ihren Eltern oder Großeltern Gespräche über das Dritte Reich?

JULIA JENTSCH: Meine Eltern sind dafür zu jung, sie sind beide nach dem Krieg geboren. Meine Großeltern haben nur über ihr persönliches Leben in dieser Zeit gesprochen.

LENA STOLZE: Mein Vater war gerade mal 19 bei Kriegsende. Er ist noch eingezogen worden, als Flakhelfer, und schließlich in belgische Kriegsgefangenschaft gekommen. Meine Mutter hat die Bombardierung Dresdens und den Einmarsch der Russen erlebt. Beide haben die Verbrechen der Nazis, der Holocaust, sehr getroffen, ihre eigenen Erfahrungen haben ihr Leben aber noch mehr geprägt... Erst die nächste Generation, die 68er, hat die "deutsche Schuld" in die politische Auseinandersetzung geführt. Auch Michael Verhoeven wollte mit unserem Film "Die Weiße Rose" das Geschichtsbild korrigieren. Man hatte es sich bequem gemacht, Sophie Scholl auf einen Sockel gestellt, eine ziemlich realitätsferne Heldenverehrung! Und das hat schließlich unter anderem dazu geführt, dass der Film nicht mehr vom Goethe-Institut gezeigt werden durfte.

JULIA JENTSCH: Warum das denn?

LENA STOLZE: Bis in die 80er Jahre waren die Nazi-Urteile gegen die Mitglieder der Weißen Rose noch nicht aufgehoben. Hätte man die Rechtskontinuität zwischen Volksgerichtshof und unserem Bundesgerichtshof in Frage gestellt, hätte man alle Richter zur Rechenschaft ziehen müssen, die im Dritten Reich Urteile gesprochen haben. Offiziell galten 1982 die Menschen des Widerstandes gegen Hitler immer noch als Verbrecher, Überlebende als vorbestraft. Verhoeven forderte im Nachspann die Aufhebung der Urteile, ihm wurde Nestbeschmutzung vorgeworfen. Endlich gab es eine Anhörung im Bundestag - und die Urteile wurden aufgehoben.

JULIA JENTSCH: Unser Film fand schnell Unterstützung.

BRIGITTE: "Die Weiße Rose" konzentrierte sich auf die ganze Widerstandsgruppe, Sophie Scholl war im Gegensatz zum jetzigen Film nur eine unter mehreren mutigen Menschen.

JULIA JENTSCH: "Sophie Scholl – die letzten Tage" konzentriert sich auf den Zeitabschnitt von der Verhaftung bis zur Hinrichtung. Er führt die Geschichte dort weiter, wo "Die Weiße Rose" zeitlich aufhört, genau zu erzählen. Er bleibt bei der Entwicklung Sophies und bezieht sich besonders auf die Gestapo-Verhörprotokolle der weißen Rose, die erst nach der Öffnung der Stasi-Archive in Berlin zugänglich wurden. Ich glaube, diese neuen Erkenntnisse waren überhaupt der Grund für Drehbuchautor Fred Breinersdorfer und Regisseur Marc Rothemund, diesen Film zu machen.

LENA STOLZE: Historisch gesehen war Hans zwar der Initiator der Gruppe. Aber Sophie hatte schon ganz früh eine radikale Position. 1942 hat sie sogar zu einer Freundin gesagt: "Wenn der Hitler mir entgegenkäme und ich eine Pistole hätte, würde ich ihn erschießen. Wenn es die Männer nicht machen, muss es eben eine Frau tun." Aber ihr politischer Widerstand kam ganz von innen her, war einer der Wahrheit, der Wärme, des Geistes.

JULIA JENTSCH: Sophie hatte nicht nur eine radikale Seite, das geht auch aus ihren Briefen hervor, die sie aus dem Arbeitsdienst schrieb. Sie berichtet da über den Umgang mit Kindern und liebte diese Arbeit. Sie war auch ein sehr mitfühlender Mensch, und ich glaube, gerade dieses starke Mitgefühl und ihr Gerechtigkeitssinn haben sie überhaupt so weit gehen lassen. Deshalb ist sie zuerst mit Be- geisterung in den BDM gegangen, das hat sie im Verhör gesagt. Sie dachte, da geht es um Gemeinschaft, um Natur, das suchte sie. Aber sie war so wach, dass sie schnell erkannt hat, es geht um Uniformierung, um Unterordnung, und ist ausgetreten.

BRIGITTE: Was kann die Geschichte der Sophie Scholl den Menschen in Ihrem Alter bedeuten, Julia?

JULIA JENTSCH: Es geht um Zivilcourage und das Eintreten für seine Überzeugung auf der Basis von Mitgefühl und Menschlichkeit. Oder wie Hans und Sophie Scholl es sich immer wieder gesagt haben, um sich Kraft zu geben: "Ein harter Geist, ein weiches Herz", "Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten!"

BRIGITTE: Sie, Lena, waren über zwei Jahrzehnte "das" Gesicht der Sophie Scholl, war es eine Last, die Rolle übernommen zu haben?

LENA STOLZE: Wenn es eine Last war, dann war es eine schöne Last. Nein, nicht einmal das. Ganz ehrlich, es war mir eine Ehre, Sophie Scholl zu sein.

Die Weiße Rose

In den Jahren 1942/43 verbreiteten die Studenten Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und der Philosophie-Professor Kurt Huber sechs Flugblätter, in denen sie unter dem Namen "Die Weiße Rose" zum Widerstand gegen das Hitler- Regime aufriefen. Das sechste Flugblatt richtete sich an die Münchner Studenten und forderte sie auf, sich nach dem Desaster der Schlacht um Stalingrad von der nationalsozialistischen Herrschaft zu befreien. Als hans und Sophie Scholl die Papiere am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität auslegten, wurden sie verhaftet. Nur vier Tage später wurden die Scholls und christoph Probst in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet.

Interview: Eva MeschedeFotos: Christine FenzlBRIGITTE 03/05

Bild Montagsnl

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"Es war uns eine Ehre, Sophie Scholl zu sein"

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