Festivals: Die Wiese rockt! Oder lieber nicht?

Die Saison der Open-Air-Festivals hat begonnen. Aber muss man wirklich tagelang auf morastigem Grund zelten, nicht duschen und lauwarmes Bier trinken - nur um Musik zu hören?

Festivals? Ich bin dabei, sagt Sonja Niemann

Sonja Niemann, 33, ist freie Journalistin und lebt in Berlin

Sonja Niemann, 33, ist freie Journalistin und lebt in Berlin

Ich gebe es zu: Ich bin über 30 und gehe immer noch gern auf Open- Air-Festivals. Leider wird der Kreis meiner Freunde und Bekannten, die mitkommen wollen, mit jedem Jahr kleiner - ganz so, als sei das eine Sache, die man ab einem gewissen Alter einfach nicht mehr macht, so wie Bauchnabel-Piercings oder bei "" anrufen. Gut, da ist noch mein alter Freund Daniel. Er hat etwa 37 verschiedene Lifestyle-, Musik- und Stadtmagazine abonniert und geht zu jedem Konzert jeder neuen Hip-Band aus England, die in der laufenden Woche gerade mal wieder als das heißeste Ding überhaupt angepriesen wird. Aber wenn Daniel zu Festivals geht, quartiert er sich im nächstgelegenen "Westin Grand Hotel" ein und schaut sich dann doch nur den Auftritt von Radiohead an. Das ist nicht die richtige sportliche Einstellung, finde ich.

Auf Open-Air-Festivals muss man zelten, das gehört einfach dazu. Man muss sich alberne Mützen kaufen und alte T-Shirts tragen und mit bunten Gummistiefeln im Schlamm rumwaten (ich verweise auf ein Foto von Kate Moss beim total verregneten Glastonbury-Festival - nie sah sie besser aus). Man muss sich Pommes rot-weiß und chinesische Nudelpfannen an Imbissständen kaufen. Man sollte bei den langweiligeren Bands irgendwo mit seinen Freunden auf dem platt getretenen Festival- Rasen rumliegen und sich, falls vorhanden, die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Und wenn die Band kommt, auf die man wartet, sollte man mitten in den Pulk reingehen und mit der Masse hüpfen und mitsingen - man muss nur aufpassen, dass einem keiner diesen Menschen, die sich auf Händen über die Menge tragen lassen, plötzlich auf den Kopf fällt.

Und übrigens: Ja, man überlebt es tatsächlich, mal ein Wochenende nicht warm zu duschen. Das Schöne an Festivals ist, dass es überhaupt nicht nottut, Fan irgendwelcher dort auftretender Bands sein. Erstens spielen die bekannten Gruppen ja alle ohnehin nur ihre Greatest Hits. Und zweitens ist es recht wahrscheinlich, dass man plötzlich nachmittags um zwei mit wildfremden Menschen zu der komplett unbekannten Band aus Uruguay abrockt, während der Headliner abends manchmal eher enttäuscht. (Die Beastie Boys beim "Hurricane" 1998 natürlich nicht! Die waren wirklich das Highlight damals.)

Na ja, es gibt ein paar Sachen, die müssen nicht mehr sein. Zum Beispiel: Statt uns auf dem Festival-Campingplatz drei Tage lang von kalten Ravioli oder Fünf-Minuten- Terrinen zu ernähren, haben wir im letzten Sommer Lachsfilets gegrillt. Und statt lauwarmes Dosenbier in Orangensaft- Tetrapaks abzufüllen und es so aufs Festivalgelände zu schmuggeln, kaufe ich jetzt tatsächlich das Bier dort am Stand. Eine Alternative zu den Dixi-Klos ist mir allerdings leider noch nicht eingefallen. Ein Open-Air-Festival ist letztlich nichts anderes als ein Zeltwochenende im Sommer auf dem Land mit Freunden und Live-Musik, und manchmal ist sogar ein See zum Baden in der Nähe. Und was, bitte, kann es Tolleres geben?

Deshalb fahre ich immer noch gern einmal im Jahr nach Scheeßel, Hohenfelden, Neustrelitz oder Gräfenhainichen. Alles Orte, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Muss man ja auch mal so sehen.

Auf der nächsten Seite: BRIGITTE-Musikexperte Stephan Bartels ist da ganz anderer Meinung!

Festivals? Nein, danke, sagt Stephan Bartels

Stephan Bartels, 40, ist der BRIGITTE-Musikexperte und lebt in Hamburg

Stephan Bartels, 40, ist der BRIGITTE-Musikexperte und lebt in Hamburg

Ich glaube, am Ende waren es die Norweger. Die waren der letzte Baustein zu der massiven Mauer der Ablehnung, die ich zwischen mich und das Open-Air-Festival als solches gebaut habe. Ich bin den Norwegern im Sommer 1989 begegnet. Damals fuhr ich mit ein paar Freunden nach Dänemark, drei Tage Roskilde. An Tag zwei hatte ich zwölf Stunden Konzerte hinter mir, zehn davon im Stehen, neun davon überflüssig. Mein Knöchel war dick, weil mir bei einer dänischen Wave- Combo ein Suffkopf in Ekstase draufgesprungen war. Nachts um zwei war ich wieder nüchtern, roch aber am ganzen Körper nach Bier, hatte einen tierischen Brummschädel und wollte nur noch schlafen. Da traten vier Norweger von nebenan an unser Zelt, grölten im Chor den abgewandelten Queen-Klassiker "We will, we will fuck you!" und pinkelten synchron gegen unsere Zeltplane. Der Bierdunst vermischte sich mit Urinaroma. Sollte das hier etwa Rock'n'Roll sein? Nee, danke. In Zukunft ohne mich.

Es war nicht mein erstes Festival gewesen. Ich bin in Köln in acht Stunden fünfmal nass und viermal trocken geworden, habe mir in Rothenburg ob der Tauber einen Sonnenstich abgeholt und bin auf einer Wiese im schleswig-holsteinischen Niemandsland von einer Frau mit grüngelbem Gesicht angekotzt worden. All das ist mir in den letzten 19 Jahren nicht passiert, weil ich seit Roskilde '89 einen erdumlaufbahngroßen Bogen um diese Art Veranstaltung mache. Es fehlt mir an nichts, danke der Nachfrage, im Gegenteil: Ich empfinde es als Befreiung, mich vom Festival-Kult meiner Freunde gelöst zu haben. Ich bin in einer Generation groß geworden, in der Woodstock als überlebensgroßes Happening in unseren Köpfen waberte: frei, lässig, mittendrin. Ich habe eine Zeitlang gebraucht, um zu merken, dass ich das nie gefühlt hatte. Das ist auch keine Frage des Alters, sondern der Haltung. Und ich sehe nun mal keinen Sinn darin, ein ganzes Wochenende Überlebenskampf mit Reizüberflutung durchzustehen.

Festivals sind im Grunde gigantische Sado- Maso-Partys mit Hintergrundmusik. Zu mehr taugt die Beschallung nämlich nicht, wenn man den Haupt-Act aus ungefähr 200 Metern Entfernung spielen sieht. Nein, nein, nein. Ich will das nicht. Ich will Musik in kleinen Clubs, in denen ich das Weiße in den Augen des Gitarristen sehe. Will dabei trocken bleiben. Will nicht eine halbe Stunde an einem Dixi-Klo anstehen, um das loszuwerden, wofür ich vorher eine weitere halbe Stunde am überteuerten Bierstand angestanden habe. Will hinterher in einem vernünftigen Bett einschlafen.

Ach, das ist spießig? Unrockig? Und was ist mit den Musikern? Die fallen nach ihrem Auftritt auch nicht auf ihre klamme Isomatte, sondern in ihr Hotelbett. Muss man ja auch mal so sehen.

BRIGITTE 12/08 Fotos: doubleju/photocase.de, Christian Schmid

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