Nie wieder Schlussverkauf

Zweimal Schnäppchenjagd im Jahr? Vorbei. Heute startet der Winterschlussverkauf zum letzten Mal. Dafür gibt es jetzt immer und überall Rabatte. Schade eigentlich, findet Franziska Wolfheim.

"Die Schuhe für Sie? Der linke kostet 49,90 Euro, aber wenn Sie den rechten dazunehmen, kostet der nur 29,90 Euro. Macht zusammen 79,80 Euro." Die Verkäuferin strahlt. Wie bitte? Was soll ich mit einem Schuh? "Kleiner Scherz. Sie bekommen natürlich fürs Paar 20 Prozent Rabatt. Sollen es die dann sein?" Ich zerknülle den kleinen Zettel, den ich im Schuhgeschäft aus einem Loseimer gezogen habe. "20 Prozent" steht da drauf. Mit etwas Glück hätte ich auch ein 30-Prozent-Los ziehen können, sagt die Verkäuferin. Na und? Ich will Schuhe, die mir passen, kein Lotteriespiel. Nichts wie weg hier.

Seit dem Fall des Rabattgesetzes ist ganz Deutschland zu einem Basar mutiert. Warum bleibt nicht alles wie früher? Nach einer neuen Studie des Kölner Marktforschungsinstituts ifm sind Deutschlands Verbraucher zunehmend genervt von der Lawine der Rabatte, Coupons, Kundenkarten und Treueprämien, die auf sie zuwalzt. Im Einzelfall, so die Marktforscher, könnten Angebote zwar zum Kauf verleiten, insgesamt jedoch seien die Konsumenten durch die panische Rabattschlacht verunsichert und hätten es satt, ständig rechnen zu müssen. Sie möchten wieder transparente Marktverhältnisse und Spaß am Einkaufen. Und dazu gehört ein ordentlicher Schlussverkauf, der jetzt leider zum letzten Mal stattfindet. Bei diesen Saison-Schnäppchen wusste man noch, woran man war. Zwei übersichtliche Wochen lang, einmal im Sommer, einmal im Winter, und dann Schluss mit Rabattz.

Stattdessen stapeln sich so viele Bonus verheißende Plastik-Rechtecke in unseren Portemonnaies, dass wir kaum noch den Überblick behalten. Dafür haben die Karten-Konzerne immer besseren Durchblick: Wann habe ich mir zuletzt eine Flasche Champagner gegönnt? Wie häufig reiße ich mir eine Laufmasche und brauche neue Strümpfe? Gucke ich noch Videos oder schon DVDs? Wenn wir Pech haben, werden wir obendrein noch mit Werbe-E-Mails oder -Infos per SMS zugemüllt. Trotzdem wette ich eine Million HappyDigits, dass die vom Handel verordnete Kaufregung anhält. Wehe denen, die nicht wissen, wer "die Mutter aller Schnäppchen" (Media Markt) ist. In Zeiten des Teuro ist Geiz geil und "Falschgeiz" (Saturn) verhängnisvoll. Aber was heißt das - Falschgeiz? Dann ja wohl auch Richtiggeiz! Oder Kluggeiz. Dummgeiz. Coolgeiz. Hipgeiz.

In der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs lockt der Accessoire-Shop TieRack: Beim Kauf einer Seidenkrawatte (27,95 Euro) gibt's die zweite zum halben Preis. Mir gefällt sowieso nur eine. Aber wenn ich die jetzt kaufe, spare ich nichts, und wer in diesen Zeiten nichts spart, ist blöd. Also keine Krawatte. Aus einer Zeitung fliegt mir der Prospekt eines Möbelhauses entgegen: Wer heute seinen 20. Geburtstag feiert, bekommt einen Warengutschein von 50 Euro (ich habe nicht Geburtstag und bin doppelt so alt), wer den 20. Hochzeitstag hat, bekommt 200 Euro (noch ewig hin). Schon wieder verloren. Aber dann lacht mich im Blumenladen schließlich doch die Uroma aller Schnäppchen an: "Nehmen Sie 10, bezahlen Sie 8." Das klingt wunderbar einfach. Ja, ich will! Zehn rote Rosen. Dass eine kopflos ist, werde ich erst zu Hause merken ...

Unsere Empfehlungen

KlickstarterNewsletter
Bild Montagsnl

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Nie wieder Schlussverkauf

Zweimal Schnäppchenjagd im Jahr? Vorbei. Heute startet der Winterschlussverkauf zum letzten Mal. Dafür gibt es jetzt immer und überall Rabatte. Schade eigentlich, findet Franziska Wolfheim.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden