Berlin auf dem Fahrrad entdecken

Wer Berlin aus nächster Nähe erleben will, schwingt sich in den Sattel: Auf der BRIGITTE-Radtour durch Berlin kommt ihr an den aufregendsten Ecken vorbei.

Berlin und die Aufregung sind untrennbar miteinander verbunden. Erstens, weil Berlin eine aufregende Stadt ist. Zweitens, weil sich Berliner leidenschaftlich gern aufregen. Da bin ich keine Ausnahme. Ich kann mich wahnsinnig aufregen. Vor allem über Radfahrer, die über Gehwege heizen, rote Ampeln ignorieren und mit Kopfhörern über Hauptverkehrsstraßen gondeln, als wären sie allein auf der Welt.

BRIGITTE-Radtour: Dösen statt düsen auf der dritten Etappe: am Urbanhafen des Landwehrkanals in Kreuzberg

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Berlin macht kein großes Aufhebens um seine Gewässer. Spree und Havel sind eben da, scheinbar nichts Besonderes. Allenfalls zwei Schätze von vielen im Zentrum der Welt, für das Berliner ihre Stadt gern halten. Da stand ich also mit meinem Fahrrad am Havelstrand und dachte: Irre! Wie großartig der Fluss ist, hatte ich bislang nicht zur Kenntnis genommen. Ich radelte am beinahe menschenleeren Spreeufer in Richtung Kanzleramt und lernte mehr über das grüne Berlin: Dass der Tiergarten der schönste und zweitgrößte Stadtpark Deutschlands ist. Und dass auf dem ehemaligen Flughafen Starts und Landungen jetzt in anderen Dimensionen erfolgen, denn das Tempelhofer Flugfeld ist nun Vogelschutzgebiet.

Guerilla-Gärtnern ist in noch angesagter als Häuser zu besetzen; es gibt einen sehr guten Stadthonig, für den 3000 Bienenvölker Nektar sammeln, und sogar einen innerstädtischen Weinberg. Im Prenzlauer Berg wurde nun ein alter Friedhof zu einem Park umgerüstet - zwischen den windschiefen Grabsteinen hat der Bezirk Hängematten aufspannen lassen, so dass auch lebendige Berliner etwas von der sprichwörtlichen "Grabesstille" haben. Die Zehlendorfer Villenbesitzer klagen Jahr für Jahr über ganze Wildschweinrotten, die sich über ihre Vorgärten hermachen - und ich schwöre, am frühen Abend des dritten Tages meiner Tour einen Fuchs auf dem Fahrradweg überholt zu haben.

BRIGITTE-Radtour: Macht neugierig: "Gedenkstätte Berliner Mauer", internationale Kunst im "me Collectors Room", "Jüdisches Museum": 2000 Jahre Historie

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Was ich damit sagen will: Berlin ist so viel mehr als Backstein und Beton, Kunst- und Clubszene. Berlin ist eine der grünsten Städte Europas. Also kommen Sie und genießen Sie es, bevor hier demnächst sogar Wölfe frei herumlaufen! Ich bin ein ziemlicher Angsthase. Berlin ist groß und wild, und als Radfahrerin sah ich mich schon in der Notaufnahme liegen, niedergemäht von forschen Fahrradkurieren, umgenietet von Sportwagenfahrern, platt gemacht von der Fahrzeugkolonne der Bundeskanzlerin oder einfach nur dämlich gestürzt beim Versuch, über Kopfsteinpflaster zu fahren.

BRIGITTE-Radtour: Checkpoint Charlie

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Aber träumen Sie nicht versonnen vor sich hin, vor allem, wenn Sie Kontakt mit Einheimischen haben. "Wollnse nur kieken oda och wat koofen?", berlinerte es mir entgegen, als ich mich in einer Tret-Pause beim Bäcker nicht gleich entscheiden konnte. Dass die Berliner unfreundlich sind, ist natürlich ein altes Klischee. In Wahrheit sind sie ein freundliches Volk. Man muss aus ihrer schroffen Rotzigkeit bloß den eigentlich freundlich gemeinten Kern ihrer Aussagen herauslesen. Knurrt der Berliner: "Na, watn nu?", meint er: "Ich sehe, Sie haben Probleme, sich zu entscheiden. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?"

Lassen Sie sich von einem frostigen Erstkontakt mit einem Eingeborenen nicht irritieren und vertrauen Sie darauf, dass Berliner auch nur geliebt werden wollen. Sagen Sie etwas Nettes über die Stadt, erwähnen Sie weder das Flughafen-Desaster noch die Steuermillionen, die der hoch subventionierte Berliner Kulturbetrieb Jahr für Jahr verschlingt. Ich etwa log der grantigen Bäckerin ins Gesicht und behauptete, ihre belegten Schrippen seien die besten nördlich der Donau, und nur deshalb fiele mir die Wahl schwer. Daraufhin bekam ich das Brötchen geschenkt. Und ich wette, dass ich auf ihre Frage nur deshalb so nett reagieren konnte, weil mich das Radfahren in beste Stimmung versetzt hatte.

BRIGITTE-Radtour: "Tempelhofer Freiheit": nicht nur für Windskater

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Auch wenn das nicht immer gleich auffällt: Berlin wird von Frauen gerockt. Als Gesicht der Stadt hält sich zwar der schluffige Klaus Wowereit, doch an wichtigen Schalthebeln sitzen Frauen: Eine vierfache Mutter ist Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe; zur Führungsspitze der Berliner Polizei gehört eine Frau als Vizepräsidentin, die Finanzen der Berliner Flughäfen verantwortet neuerdings eine Managerin. Das "KaDeWe" ist in Frauenhand, ebenso der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Chefredaktion der "taz".

Aber auch im Kleinen sind es die Frauen, die vorangehen: Sie eröffnen die coolsten Läden, Hotels und Cafés, sie produzieren die spannendste Kunst und das aufregendste Design. Einige werden Sie auf der BRIGITTE-Radtour treffen, wenn Sie die Service-Adressen (ab Seite 132) ausprobieren. Und bevor Sie durchs Brandenburger Tor radeln, schauen Sie nach oben: Eines der wichtigsten Berliner Baudenkmäler zeigt nicht umsonst eine Frau, die stolz und selbstbewusst die Zügel in der Hand hält und vier anderen zeigt, wo's langgeht.

BRIGITTE-Radtour: Berlin auf dem Fahrrad entdecken

Alena Schröder, 36, ist seit 16 Jahren Wahl-Berlinerin mit dem stadttypischen Hang zum Größenwahn. Nach dieser Radtour traut sie sich eine Weltumradelung oder die Rettung des Berliner Großflughafens ohne Weiteres zu.

Radtour/Text: Alena Schröder; Fotos: Dagmar Schwelle, Jahreszeitenverlag, Getty Images, Ullsteinbild, Espen Eichhöfer Illustration: freierstricher.com

Kommentare (4)

Kommentare (4)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe BabsiB,

    leider ist die Radtour nicht als Heft erschienen. Sie können sich den Text natürlich gern ausdrucken. Wir wünschen Ihnen viel Spaß auf der Tour!

    Herzliche Grüße vom BRIGITTE Team
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo liebes Brigitte Team, kann man die Radtouren durch Berlin auch als Heft bestellen?
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich bin zwar nur als Tourist dieses Jahr in Berlin gewesen, aber ich muss sagen: es ist das tollste die Stadt per Rad zu erkunden! Wenn man sich das ganze selbst nicht zutraut kann man auch einen geführte Radtouren (also mit einem Guide, der sich auskennt) machen. Den Tipp dazu habe ich auf dieser Berlin-Infoseite entdeckt: http://www.guiders.de/wochenende-in-berlin/info



    Viele Grüße

    David N.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Brigitte, liebe Frau Schröder, was für ein netter Text. Ich lebe seit 13 Jahren in Berlin und bewege mich ebenfalls hauptsächlich mit dem Rad durch die Stadt! Das ist toll und mit ein bißchen Toleranz gegenüber Taxifahrern und Rad-Rowdis komme ich gut klar. Allerdings ist Berlin eine Großstadt - wer zu Hause hauptsächlich über Wald- und Feldwege radelt, sollte hier wirklich vorsichtig sein! Radfahrende Touri-Trupps vor dem Brandenburger Tor sehen zwar die Architektur, sind aber für Fußgänger, Kinder, andere Radfahrer oder kleine Hunden eine echte Gefahr! Und die Berliner? Wer sich an ihren trockenen Humor und die ruppige Ausdrucksweise gewöhnt hat, entdeckt sehr oft ein sprichwörtlich goldenes Herz! Ich liebe diese Stadt!

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