Weltreise durch Wohnzimmer: Bali liegt um die Ecke

Zwei Blocks weit radeln und schon ist man in Japan, Ruanda oder Spanien: Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden, öffnen ihre Wohnungen als Enklave ihrer Heimat. Bei der "Weltreise durch Wohnzimmer" gibt’s sogar Stempel in den Weltreise-Pass.

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Aus welchem Land kommt eigentlich die afrikanische Familie, die mir immer wieder im Supermarkt begegnet? Und wo ist wohl die junge Frau von drüben aufgewachsen, deren Sprache ich nicht zuordnen kann? Spricht sie maltesisch? Oder baskisch? Selbst, wenn wir ihnen in unserem vollgepackten Alltag meist wenig Beachtung schenken – eigentlich interessieren uns doch die Menschen in unserer Umgebung, die aus anderen Ländern kommen.

Das weiß Catrin Geldmacher sehr gut. Die Erfinderin der "Weltreise durch Wohnzimmer" hat Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule in Rheda-Wiedenbrück gelehrt, als sie 2010 unangemeldet bei einem irakischen Schüler vorbeischaute. Die Familie war gerade bei Hähnchen und Reis um den Küchentisch versammelt und lud die Lehrerin spontan zum Essen ein. Es gab kein Besteck, die Familienmitglieder erzählten von ihrem Leben im Irak und zeigten ihr ein Hochzeitsvideo. Catrin Geldmacher war begeistert: "So eine fremde Welt hier in meiner Stadt – das ist so spannend!" Der Besuch war ein Schlüsselerlebnis. Geldmacher beschloss, die Schätze und Geschichten zu heben, die hinter verschlossenen Türen schlummern, und startete das Projekt "Weltreise durch Wohnzimmer".

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Bei der " durch Wohnzimmer" öffnen Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden, für zwei Stunden ihre Wohnungen und erzählen zehn Gästen von ihrer alten Heimat - von Sitten, Gebräuchen, Werten, Gerüchen und Klängen. “Dass man miteinander spricht und nicht übereinander, dass man nicht in Volksgruppen denkt, sondern in Menschen, nicht an ‚die Polin‘, sondern an Barbara" – das ist Catrin Geldmachers erklärtes Ziel. Sie möchte Menschen aus unterschiedlichen Ländern ermöglichen, sich vorurteilsfrei auf Augenhöhe zu begegnen.

Das gelang ihr bereits mit ihrer ersten Reise nach Indien, die sie 2011 in ihrer Heimatstadt auf die Beine stellte. Die Gäste lernten viel mehr als nur, dass ein schwarzer Punkt auf der Stirn einer Frau bedeutet, dass sie ledig, und ein roter, dass sie verheiratet ist. Auch, wenn die Reise vielleicht nur um die Ecke führt - die Gäste wissen vorher nie, was sich hinter einer Haustür verbirgt. In der privaten Wohnzimmeratmosphäre sehen sie Fotos, lauschen den Geschichten und Erinnerungen ihrer Gastgeber. Oft gibt es auch etwas zum Anfassen: typische Gegenstände wie Stoffe oder Handwerkskunst, manchmal ein Willkommensgetränk oder einen landestypischen Snack.

Die "Reisegruppen" sind heterogener als bei jedem Reiseveranstalter: Es kommen alleinreisende Männer und Frauen, Mütter mit ihren Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln. Während manche aus schierem Interesse an anderen Kulturen reisen, wollen andere ihre Urlaubserinnerungen auffrischen oder sich auf eine bevorstehende Reise vorbereiten. Viele buchen auch einen zweistündigen Kurztrip, weil ihnen Geld oder Zeit fehlen, um wegzufahren, oder weil sie nicht mit ihrer Flugangst konfrontiert werden oder von Impfvorschriften behelligt werden möchten.

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Auch die Gastgeber profitieren von den Reisen, weiß Catrin Geldmacher. Klar, dass Migranten sich in wohler fühlen, wenn sie wahrgenommen werden und ihnen Interesse entgegengebracht wird. Sie sind stolz und glücklich, von ihrer Heimat erzählen zu können. Und sie sind die idealen "Reiseleiter": Sie sind in ihrem Land aufgewachsen, kennen Sprache und Mentalität aus erster Hand.

Zehn Euro kostet so ein Blitzurlaub - inklusive Reisepass, falls man auf den Geschmack kommt und weitere Reisen buchen möchte. Die Reiseleiter stempeln die Pässe bei der Einreise in ihr Wohnzimmer. Unbezahlbar jedoch sind das gegenseitige Verständnis und die Zugewandtheit, die die Wohnzimmerreisen kreieren.

Infos

Was in Rheda-Wiedenbrück begann, gibt es mittlerweile in 13 Städten in Nordrhein-Westfalen und startet in den nächsten Monaten auch in Berlin, Niedersachsen, Hessen und Bayern. Interesse aus Detroit, Toronto, Birmingham, Melbourne und Christchurch wurde auch schon bekundet. Das Projekt ist so erfolgreich, dass Catrin Geldmacher ihre Lehrtätigkeit an den Nagel gehängt hat, um sich ausschließlich und ehrenamtlich darum zu kümmern.

Wer eine "Weltreise durch Wohnzimmer" in der eigenen Stadt erleben oder organisieren möchte, sollte sich an die örtliche Volkshochschule wenden. Weitere Infos und die Termine aktueller Reisen unter www.weltreisedurch.de.

Video: Mal kurz nach Ruanda reisen?

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