Cornwall: Immer an der Küste lang

Schroffe Klippen, verträumte Buchten und Meerblick immer inklusive: unterwegs auf dem Coast-Path in Cornwall.

Auf welcher Trauminsel sind wir hier? Das Meer ist so klar, so blau und jadegrün, als müsste es mit dem Himmel um die Wette leuchten.

Mit weißen Schaumköpfen brechen die Wellen an den Klippen und alle paar Kilometer lädt ein goldgelber Strand in einer kleinen versteckten Bucht zum Baden ein. In der Stadt wandeln wir unter Palmen, auf Wegen, gesäumt von haushohen Rhododendren und riesigen Fuchsienbüschen und lassen uns unterwegs den Blütenrausch in den Parks und Gärten erklären: mannshoch sind die Blütenkerzen der Echinacea, dazu Azaleen, Kamelien, Zedern und sogar Bananenstauden. Später, am Nachmittag, gibt's den obligatorischen Cream Tea, mit Clotted Cream - cremig geschlagenem Rahm - und dazu süß gefüllte Brötchen. So lässt sich's leben.

Die Palmen sind tatsächlich echt, die Blumen exotisch und der Tee 'very british'. Der Golfstrom macht's möglich, dass sich ausgerechnet im hinterletzten Winkel des Königreichs, im Herzogtum Cornwall, diese zauberhafte Mischung aus mediterranem Flair und feiner englischer Lebensart entfalten kann. 'How lovely' - da geraten selbst die Engländer ins Schwärmen.

Dabei wurde die Schönheit Cornwalls schon so oft und überschwänglich beschrieben, dass man bereits anreist mit einem Bild von der lieblichen Landschaft und der wilden Küste im Kopf. Aber in Wahrheit ist ja alles noch viel schöner: Wanderer, kommst du nach Cornwall, du wanderst auf Wiesen, weich und federnd und mit tausenderlei blühenden Wildblumen übersät. Gehst an Steilküsten entlang, turmhohen Klippen und Kliffs aus farbigem Sandstein und grau-schwarzem Granit, bizarr zerklüftet oder rundgeschliffen und zu Skupturen geformt wie von gigantischer Künstlerhand bearbeitet. Wo die Natur so gewaltig wirkt, wird der Mensch ganz winzig und verschwindet geradezu in der Landschaft als kleines buntes Pünktchen im allseits dominierenden Grün und Blau.

Versteckte Buchten werden umrundet, alle mit Namen versehen, die sich sowieso keiner merken kann, Kynance Cove oder Ogo-Dour Cove, ehemalige Piratennester vielleicht oder heimliche Schmugglerverstecke. Denn dafür war die Küste einst berüchtigt. All die Schiffwracks, die hier auf dem Meeresboden modern, ob von Irrlichtern absichtlich fehlgeleitet oder vom Sturm wehrlos auf die Klippen getrieben, finden kaum Platz auf den Seekarten. Dafür wird einem unterwegs das Wehklagen der Wracktonnen ständig um die Ohren geweht. Und dann gibt es natürlich noch all die kleinen Fischerdörfer am Weg: Mullion, Portreath, oder Lelant, wo am Hafen sich die Hummerkörbe stapeln, bereit für die nächste Ausfahrt. Dazwischen immer wieder aufblitzend: leuchtende Strände am azurblauen Meer, dass man am liebsten gleich Schuhe und Strümpfe ausziehen möchte, um hineinzuspringen.

258 Meilen oder gut 470 Kilometer schlängelt sich der "Coast Path" an Cornwalls Küste entlang, immer begleitet vom Rauschen des Meeres , dem Geschrei der Möwen und dem feinen Sprühnebel der Gischt. Ein paar Meilen hinter dem Künstlerstädtchen St. Ives geht's dann richtig los: tosend werfen sich die Wasser gegen die Klippen von Land's End, wo Ärmelkanal, Atlantik und Irische See zusammen treffen. Ein Muss für jeden Cornwall-Touristen, auch wenn Englands westlichste Spitze sich jahrmarktähnlich und lärmend als bunter Themenpark präsentiert: Hier ist nun wirklich Schluss mit dem britischen Kontinent. Noch weiter westlich liegen noch die Scilly-Inseln, aber dann kommt nur noch Amerika.

Wer sich von Süden kommend dem selbst ernannten "letzten und ersten Café" auf dem britischen Festland nähert, kommt über Porthcurno. Das unscheinbare Drei-Häuser-Nest wurde einst berühmt, weil von hier aus das erste Transatlantik-Kabel über den Meeresboden verlegt worden ist. Inzwischen ist es das Minack Theatre hoch über der Bucht, das allabendlich die Besucher anlockt. In Decken gewickelt und in Regenzeug verpackt, wird bei Wind und Wetter ausgeharrt, um den Gastspielen englischer Theatertruppen auf der Freilicht-Felsenbühne zu lauschen, derweil dahinter im Meer vielleicht gerade ein paar Delfine ihren Sonderauftritt haben. Heute allerdings verursachen ganz andere Besucher eine ziemliche Aufregung: Zwei Fünf-Meter-Riesenhaie, angeblich harmlose Basking Sharks, tummeln sich in der Bucht und sorgen dafür, dass sich unten am Strand niemand ins Wasser traut. Nicht mal in good old England ist man mehr sicher...

Berühmt ist Cornwall auch als King Arthur's Country, das Land vom Sagenkönig Artus, dessen angebliche Wirkungsstätten als magische Wallfahrtsorte gelten, genau wie die prähistorischen Steinkreise und rätselhaften Menhire. Aber wenn es auf den ersten Blick auch so aussehen mag: die Ruine am Klippenrand ist kein Castle aus dem Land der Mythen und Legenden, und des Königs Tafelrunde hat (angeblich) auch woanders stattgefunden. Jedenfalls nicht bei St. Agnes dem einstigen Bergbauzentrum Cornwalls, wo die Schlote und Maschinenhäuser der Zinnminen bis dicht an die Klippen heranreichen - heute allerdings nur noch als Industriedenkmäler, die von der Blütezeit des cornischen Bergbaus zeugen. Von "Copper, fish and tin", Kupfer, Fisch und Zinn, den drei wichtigsten Erwerbsquellen im 18. und 19. Jahrhundert ist heute nichts geblieben. Selbst die Sardinenschwärme sind verschwunden und ziehen heute irgendwoanders vorbei. Warum, weiß keiner.

Auf der Lizard-Halbinsel wird die Landschaft wieder lieblich. Der Coast Path verläuft weitab vom restlichen Treiben der Welt. Allein mit Wasser, Wiesen und Wind - da tut das Laufen gut. Sogar den Füßen, die sich auf den leicht federnden, weichen Wiesenwegen besonders wohl fühlen. So könnte es immer weiter gehen, am liebsten bis zum Leuchtturm Lizard Point, dorthin, wo England sogar über den 50. Breitengrad hinausragt. Schon eine Woche Cornwall ist Balsam für Körper und Geist, wohl weil sich hier alles so leicht und zwanglos zusammenfügt. Es ist die Freundlichkeit der Menschen, die so angenehm berührt, die Stille, die beruhigt, die Landschaft, die verzaubert, das Essen, das den Gaumen verwöhnt wird, die Luft, das Licht, die Farben und natürlich die Bewegung. Als ob in diesem Wohlfühl-Klima nicht nur die Blumen üppiger aufblühen, sondern auch die Menschen besser gedeihen, kriegt hier jeder eine frischere Farbe, ein freundlicheres Wesen. Und manche haben plötzlich ein Leuchten in den Augen, dass man meint, Cornwall wirke Wunder. Ist da etwa doch ein bisschen Magie mit im Spiel?

Reise-Infos Cornwall

Von Bude bis Plymouth umrundet der Coast Path einmal ganz Cornwall. Wer viel Zeit hat, mag die ganze Strecke auf eigene Faust auf einmal absolvieren, bequemer geht's mit gut portionierten Tagesetappen bei fester Unterkunft. Zum Beispiel in dem malerischen Fischerort St. Ives. Von dort starten die Touren der britischen Wanderreisen-Organisation Holliday Fellows, die in eigenen Hotels Wanderurlaub in mehreren Regionen Großbritanniens anbietet. Grundkenntnisse in Englisch sollten vorhanden sein. Buchung: direkt unter HF Holidays, Imperial House, Edgware Road, London, NW9 5 AL, United Kingdom. Auch Wolters Reisen hat die Wanderreise von HF im Programm.

Wandern von Ort zu Ort mit Gepäcktransport und Bed & Breakfast organisiert Natours.

Klima: Der Golfstrom macht's möglich, dass in Cornwalls mildem Klima mediterrane Pflanzen gedeihen: Palmen, Zypressen, Zedern, Magnolien, Kamelien, Rhododendren, Bananenstauden, Riesenfarne - alles wächst und gedeiht in üppiger Farbenpracht. Allerdings gehört das Herzogtum auch zur windigsten Ecke in Großbritannien. Der Vorteil: wenn's mal regnet, dann nie lange.

Beste Reisezeit: Im Mai und Juni kann man noch die ganze Blütenpracht genießen. Ab Juli wird's voll, weil dann die Briten Ferien haben.

St. Ives

Virginia Woolf verbrachte hier ihre Sommerferien, Rosamunde Pilcher ist gleich um die Ecke aufgewachsen und hat St. Ives als 'Porthkerry' in ihren Romanen unsterblich gemacht. Wie gemalt schmiegt sich der alte, verwinkelte Fischerort in die Bucht, von drei Seiten gesäumt vom Meer, welches diesem Ort sein ganz besonderes Licht verleiht. Das sagen jedenfalls die Maler, die sich seit den Tagen, als die Bildhauerin Barbara Hepworth und ihr Mann, der Maler Ben Nicholson, in St. Ives ihre Ateliers eingerichtet haben, zahlreich in den alten Fischerstuben einquartieren. Vielleicht auch, um vom vergangenen Ruhm des Ortes als Künstlerkolonie zu profitieren. In den kleinen Gassen reiht sich Galerie an Galerie und mittlerweile hat auch die berühmte Tate eine Dependance direkt am Strand. Die Kunst mit Meerblick lockt auch die Surfer aus dem Wasser - für die gibt's hier eine Extra-Garderobe.

Tate Galerie in St. Ives Porthmeor Beach, Di-So 10.30-17.30 Uhr. wwww.tate.org.uk

Barbara Hapworth Museum und Garten das Trewyn Studio, Wohnhaus und Skulpturengarten der Bildhauerin (1903-1975) heute Museum. Barnoon Hill, März bis Oktober täglich von 10 - 17.30 Uhr.

  Kunst mit Meeblick: Tate Galery St.Ives

Kunst mit Meeblick: Tate Galery St.Ives

  Im Barbara Hepworth-Museum

Im Barbara Hepworth-Museum

  Werkstatt von B. Hepworth

Werkstatt von B. Hepworth

Sehenswürdigkeiten

Eden Project: Mitten in der Kraterlandschaft des Kaolin-Tagebaus bei St. Austell, in einer ausgedienten Grube, hat der Holländer Tim Smit seine Vision von einem künstlichen Paradies verwirklicht: In sechs riesigen bienenwabenähnlichen Treibhäusern, die die verschiedenen Klimazonen der Erde simulieren, wurden Hundertausende von Pflanzen angesiedelt und mehr als 5000 Arten eingebracht.

St. Michael's Mount: Der schroffe Felsen in der Bucht von Penzance ist sozusagen das britische Gegenstück zum französischen Mont St. Michel und ebenso wie dieser nur bei Ebbe über einen Granitweg zu Fuß zu erreichen. Zuerst gab es hier ein Kloster, das später zu einer Festung und dann im 16. Jahrhundert zum Herrenhaus umgebaut wurde.

Minack Theatre: Über der Bucht von Porthcurno hat sich die Schaupielerin Rowena Cade mit ihrem Klippentheater einen Traum verwirklicht. 50 Jahre lang hat sie daran gearbeitet, um die Stufen in den Felsen zu hauen. Die erste Aufführung gab es 1932.

Die Lost Gardens of Heligan gelten als das Dornröschen unter den Cornischen Gärten. Mehr als 70 Jahre ließ man das Areal verkommen und verwildern, bis der Holländer Tim Smit 1990 damit begann, die historische Anlage zu rekonstruieren, mit Dschungel, Nutzgärten und kilometerlangen Fußwegen. www.heligan.com

Text und Fotos: Uta Bangert

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