Rauf aufs Pferd!

Schritt, Trab und (mit etwas Glück) Galopp. BRIGITTE-Redakteurin Kristina Maroldt ist am Wochenende durchs Havelland getrabt. Mit zitternden Knien. Das erste Mal im Sattel seit zwölf Jahren.

Wie war das mal noch? Pferd von der Weide holen, aufzäumen, satteln und los. Ach, wenn Reiten doch immer so einfach wäre...

Wie war das mal noch? Pferd von der Weide holen, aufzäumen, satteln und los. Ach, wenn Reiten doch immer so einfach wäre...

Es ist ein friedlich dösender Samstag in einem Kiefernwäldchen am Ruppiner See, der Wind schweigt, die Welt ruht - mein Puls rast. Schweiß tropft mir von der Stirn. Erschöpfung kribbelt in den Beinen. Da vorn, kaum noch sichtbar, galoppieren die anderen. Fünf Berberpferde, kraftvoll, anmutig, ein erhabener Anblick.

Hier, im gefühlten Abstand von einem Kilometer, zockeln wir, Honorinchen und ich. Eine kleine, dralle Fuchsstute mit etwas zu kurzen Beinen und wenig Lust aufs Galoppieren und eine Frau mit wundem Hintern, die ab und zu matt "Hopp" oder "Los jetzt" schreit. Gut, dass manche Gegenden Brandenburgs noch so einsam sind.

Natürlich war die Idee gewagt: nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder im Sattel - und dann gleich ein dreitägiger Wanderritt durchs , jenem von Kanälen durchzogenen, verwunschenen Flecken Erde nördlich von Berlin. Sechs Stunden pro Tag im Sattel, egal, wie gut oder schlecht das Wetter, egal, wie schlimm der Muskelkater ist. Es gibt halt Träume, die haben sich so hartnäckig im Herzen festgekrallt, dass man ihnen irgendwann einfach nachgeben muss. Einer dieser Träume von mir sieht so aus: Reiten. Im Galopp. Auf einem Pferd, das zu mir hält wie Hatatitla zu Old Shatterhand. In einer Landschaft, die so wildromantisch ist wie die Prärie, durch die Fury trabt.

Schuld an diesem Traum ist Heidi. Ein schwarzes Shetlandpony, auf das mich meine Eltern als Vierjährige hoben, fürs Urlaubsfoto. Heidi hörte damals kurz auf zu fressen, pupste und ignorierte mich weitgehend. Ich aber thronte auf dem leise malmenden Berg von Fell und Muskeln und fühlte mich so stark und geborgen wie noch nie. Zum ersten Mal im Leben lag mir die Welt zu Füßen.

Nicht immer wollen Pferd und Reiterin dasselbe. Wer zuletzt lacht, hat immerhin Spaß gehabt

Nicht immer wollen Pferd und Reiterin dasselbe. Wer zuletzt lacht, hat immerhin Spaß gehabt

Gestern Morgen war es plötzlich wieder da, das Heidi-Gefühl. Zu Beginn unseres Ritts hatte uns Sabine Zuckmantel, die Tourleiterin, auf die Koppel geschickt. "Kristina, du nimmst den Fuchs, Honorinchen. Die ist eine Lebensversicherung." Ich bahnte mir den Weg durch sechs mich neugierig beäugende Pferde, hin zu dem fremden Tier - und fühlte mich wie beim Blind Date in einer vollbesetzten Kneipe. Honorinchen wartete höflich, bis ich neben ihr stand. Dann hob sie den Kopf. Schnupperte mit feuchten Nüstern an meiner ausgestreckten Handfläche. Und machte leise "Hmmm". Für mich klang das eindeutig wie "Wir werden das Ding schon schaukeln". Ich war sofort verknallt. Ich war naiv.

Es war so kitschig-schön, wie ich es mir erträumt hatte

Das Einzige, was seit zehn Minuten schaukelt, ist mein Oberkörper. Vor, zurück, links, rechts. Wie ein wild gewordenes Stehaufmännchen. Sicher, das ist nicht nur Honorinchens Schuld. Sondern auch die meiner butterweichen Rückenmuskulatur. Und doch, verdammt: Warum kann dieses Pferd nicht einfach angaloppieren? Galopp sitzt sich viel leichter als Trab. Außerdem könnten wir dann endlich zur Gruppe aufschließen.

Bis jetzt hatte alles verdächtig gut geklappt: Satteln, aufsitzen, anreiten - alle Handgriffe und Bewegungen waren mit einem Schlag so vertraut wie damals, als ich kurz vor dem Abi zum letzten Mal im saß. "Reiten ist wie Schwimmen", hatte mich zuvor Sabines Freund Ulf beruhigt. "Das verlernt man nie." Er hatte Recht.

Den ganzen Freitag über war ich deshalb wie berauscht. Ließ mich entrückt durch lichte Wälder und klatschmohnumrandete Felder schaukeln, folgte mit den Blicken Störchen und Reihern, sog den Duft von Pferdeschweiß ein und fiel abends zufrieden wie ein Kleinkind ins Bett. Ein Tag im Pferdemädchen-Wunderland. Fast so kitschig-schön, wie ich es mir als "Wendy"- und "Black Beauty"-versessene Zwölfjährige erträumt hatte.

Jahrelang hatten mich damals meine Eltern zu den entlegensten Höfen kutschiert, um dort mit anderen Müttern und Vätern pferdeverrückter Mädchen in unwirtlichen Reithallen zu warten, bis ihre Tochter von all den Bellas oder Dickys wieder heruntergeklettert war. Staubig und stinkend und mit dem festen Plan, so bald wie möglich eine Karriere als Reitstallbesitzerin zu starten, um die armen Ponys dieser Welt aus ihren dunklen Boxen zu befreien und mit ihnen in den Sonnenuntergang zu galoppieren.

Nach einem gelungenen Wandertag möchte man als Pferd am liebsten selbst Purzelbäume schlagen

Nach einem gelungenen Wandertag möchte man als Pferd am liebsten selbst Purzelbäume schlagen

Es kam anders, es war gut so. Für mich und wohl auch für die Ponys. Doch der Traum vom Mensch und Tier verbindenden Freiheitsgalopp ist geblieben. Und eigentlich wäre jetzt genau der richtige Moment, ihn zu erfüllen. Honorinchen und ich haben den Waldrand erreicht, vor uns erstreckt sich die Heide. Ich versuche es ein letztes Mal: Setze mich tief in den Sattel, lege den rechten Fuß an den Gurt, den linken zurück, presse die Schenkel zusammen. Honorinchen schnaubt beleidigt und trabt für ein paar Sekunden schneller. Das ist alles. Ich sacke zusammen. Erschöpft.

Gedemütigt. Und - darf man das sagen, bei einem Pferd? - menschlich zutiefst enttäuscht von Honorinchen. Wie kann sie mich so auflaufen lassen? Unsere Verabschiedung am Abend ist frostig.

Später sitze ich mit Sabine bei einem Glas Wein. Und löchere sie mit Fragen: Warum ist Honorinchen nur so stur? Was mache ich falsch? Als Antwort erzählt mir Sabine zwei Geschichten. Die erste handelt von einer Frau, die zu ihr kam und einen Tag reiten wollte. Doch das Pferd befolgte einfach keinen Befehl. Irgendwann stieg die Frau genervt ab. Die ganze Woche über müsse sie andere Menschen führen, schimpfte sie, beim Reiten wolle sie sich zurücklehnen, das Tier machen lassen. "Es war der falsche Sport für sie", sagt Sabine. "Wenn du reiten willst, musst du bereit sein, die Führung zu übernehmen."

Die andere Geschichte handelt von Honrinchen: Als die Stute drei Jahre alt war, verletzte sie sich schwer an der Brust. Der Züchter holte ein Gewehr, wollte sie erschießen, um ihr Leid zu ersparen. Doch als er wiederkam, konnte er Honorinchen in der halb wild lebenden Herde nicht mehr finden. Erst Monate später tauchte sie wieder auf - gesund. Sie hatte sich abgesondert, wie es schwer kranke Pferde oft tun. Hatte wie durch ein Wunder überlebt. Seitdem sei sie anders als die anderen, sagt Sabine. Gelassener, sturer. Vor allem aber mache es ihr nichts aus, hinter einer Gruppe zurückzubleiben. Schließlich wisse sie, dass sie auch ohne die anderen zurechtkomme.

Honorinchen ist anders als andere. Kein Wunder bei dem Lebenslauf

Rauf aufs Pferd!

Als ich am nächsten Morgen Honorinchen von der Koppel hole, sehe ich sie mit anderen Augen. Da steht nicht mehr die kleine Fressmaschine, die einfach zu faul zum Rennen ist. Da steht die Berberstute Honorine de Montjay: Überlebenskämpferin, Heldin, coole Sau. Ehrfürchtig stecke ich ihr den Apfel zu, den ich vom Frühstück mitgenommen habe. Dann brechen wir auf.

Und zum ersten Mal an diesem Wochenende reite ich tatsächlich: Halte den Körper angespannt. Spiele mit den Zügeln. Treibe an. Immer wieder. Und tue mein Möglichstes, damit Honorinchen merkt: Dieses Bündel Mensch lässt sich nicht einfach als konturloser, willenloser Sack durch die Landschaft schaukeln. Sondern weiß, was es will. Und setzt es auch durch.

Natürlich klappt das nicht immer. Eigentlich eher selten. Und leicht ist es auch nicht. Schon im Schritt schwitze ich wie gegen Ende eines Halbmarathons. Bei jeder längeren Trabstrecke zittern meine Knie wie Götterspeise. Und zum Angaloppieren brauche ich am Ende doch einen Zweig, mit dem ich Honorinchen einen festen Schlag auf den Hintern verpasse. Doch dann rennt sie los. Gemeinsam mit den anderen. Wir jagen am Ufer des Flusses entlang, durch Mückenschwärme und Schmetterlingspärchen, immer schneller, immer wilder.

Der Wind weht mir ihre Mähne ins Gesicht, ich höre sie schnauben, mich keuchen, wir sind ein rasendes Knäuel aus Fell und Haaren. Als wir schließlich anhalten, dampfend, schwer atmend, starrt mein T-Shirt vor Mückenleichen, und wegen der Knie muss ich morgen wohl mal zum Arzt. Trotzdem: Ich bin glücklich. Und als ich abends heimfahre, steckt eine rote Strähne in meiner Hosentasche. Ein bisschen Pferdemädchen-Kitsch geht nämlich manchmal schon in Ordnung, finde ich. Auch noch mit 30.

Infos zum Wanderreiten

Was ist das? Beim Wanderreiten ist man mehrere Tage bis Wochen zu Pferd unterwegs, meist auf robusten, leistungsstarken Rassen wie Arabern, Berbern oder Isländern. Übernachtet wird auf Höfen, beim Bauern oder unter freiem Himmel. Buchtipp: Christine Lange, "Erlebniswelt Wanderreiten", 152 Seiten, 19,80 Euro (zu bestellen über www.fnverlag.de)

Wo gibt's das? Der beschriebene dreitägige Ritt durchs Havelland wird von Sabine Zuckmantel als "Rhinlandritt" angeboten, weitere Angebote (u. a. auf Gräfin Dönhoffs Spuren durch Polen) unter www.wanderreiten-havelland.de, Tel. 033 04/ 25 32 28. Die Deutsche Wanderreiter-Akademie (DWA) hat im Internet eine Liste mit Wanderreitbetrieben in Deutschland veröffentlicht und veranstaltet Lehrgänge zum Thema. Reiterreisen ins Ausland kann man unter anderem hier buchen: www.urlaubspferd.de.

Was brauche ich? Grundkenntnisse in Schritt, Trab und Galopp sind empfehlenswert, werden aber nicht immer verlangt. Am besten vorher fragen. Wetterfeste Kleidung, Reithose, Reitstiefel oder feste Schuhe mit Absatz auf jeden Fall selbst mitbringen. Reithelm, Minichaps (zum Schutz der Unterschenkel bei Halbschuhen), Reitgerte etc. werden oft gestellt.

Text: Kristina Maroldt Fotos: Brita Sönnichsen BRIGITTE Heft 20/07

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

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