Urlaub in Wales: My Bulli is My Castle

Urlaub in Wales mit Bulli

Was wollen zwei Freundinnen, die zusammen Urlaub machen? Schöne Gefühle, schöne Landschaften, schöne Männer. Wer im Retro-VW-Bus durch Wales fährt, kriegt alles!

Flo erweist sich als nützlich - in vielerlei Hinsicht

Ein Bulli hat vier Räder, logisch, aber jetzt sind da auch zwei Beine. Die Beine stecken in Jeans, und aus den Jeans ragt ein nackter Oberkörper. Keine üblen Bauchmuskeln. Neugierig linse ich unter unseren VW-Bus: Ach, Darren, du alter Süchtling, dachte ich es mir doch! Hatte dich vorhin schon bei Flo rumlungern sehen, als ich die Steilküste hinunterkam. Verlegen krabbelt Darren hervor: „Sorry, wollte nur gucken, ob alles original ist.“ Dass er früher selbst so einen Bulli hatte und total besessen davon war, hat der nette Engländer uns gestern schon erzählt, als wir auf dem Campingplatz eintrafen. Bereits jetzt wird klar: Flo ist ein Männermagnet. Bringt gut gebaute Exemplare dazu, sich halbnackt vor uns auf den Rücken zu legen – in vollkommen wehrloser Haltung.

Dabei hatten wir gar keinen Männermagneten gesucht, als wir das Netz nach Ferienideen durchkämmten, meine Freundin Anna und ich. Frei wollten wir uns endlich mal wieder fühlen, drauflosurlauben, bleiben und gehen, wann und wohin wir wollten – ein bisschen wie die Hippies, die in den 70ern mit ihren Bullis bis nach gondelten. Bloß wohin, wenn man kein halbes Jahr zum Reisen hat? Nicht mal einen halben Monat?

Wales: Fahrt zum Bergsee Tal-y-Llyn

Gang rein und  rollen lassen – zum Picknick am Bergsee Tal-y-Llyn. Und nicht vergessen: immer schön links bleiben!

Als Flo uns dann im Internet aus freundlichen Scheinwerferaugen anblickte, wussten wir: Diese rollende Retro-Ferienwohnung sollte es sein. Mit Flo – so nannte der VW-Bus-Vermieter seine Bulli-Dame liebevoll – wollten wir durch fahren, durch samtgrüne Berge zu einsamen Stränden, mächtigen Märchenburgen und Menschen, die immer für ihre Freiheit gekämpft haben. Wir planten eine Tour durch die stolze Provinz Gwynedd im Nordwesten, wo die Leute noch „Os gwelwch yn dda“ – „Ja, bitte!“ sagen zu Welsh Tea am Nachmittag und „Dim diolch“ – „Nein, danke!“ zu Soja Latte Macchiato. Wo der von Artussagen umwobene Mount Snowdon in den Himmel ragt und die Halbinsel Llyn in die Irische See wie der Rüssel eines durstigen Elefanten.

Schade, wild campen ist in Wales verboten

Unsere erste gemeinsame Nacht verbringen wir auf einem „Caravan Park“ bei Welshpool. Flo sieht toll aus zwischen all den rentnerbeigefarbenen Wohnmobilen mit Plastikfenstern und Angebernamen wie „Crusader“ und „Conqueror“. Türkis wie das Meer, weiß wie die Brandung strahlt sie wie eine Lady von Welt. Von unseren männlichen Mit-Campern wird sie entsprechend begeistert aufgenommen: „Eine Schönheit!“, lobt Phil im Vorbeigehen. „Scharfer Bus!“, sagt Tom aus Manchester; und der knorrige Steve knufft mir den Ellenbogen in die Rippen und raunt mit konspirativem Unterton: „Ein Prachtstück, die Kleine!“

Wales: Am Strand des Campingplatzes Aberafon auf der Halbinsel Llyn

Wo Berge ins Meer fließen: Susanne und Anna atmen abendliche Stille am Strand des Campingplatzes Aberafon auf der Halbinsel Llyn

So charmant hier alle sind, uns drei zieht’s zur Küste – über Kurvensträßchen tuckern wir gen Westen, durch grasgrüne Hügel, die erstaunlich konsequent mit Schafen garniert wurden. Bis wir die Algen riechen, das feuchte Salz. Aber was hat das Watt in den Bergen verloren? Kurz vor der Küste weichen die Höhenzüge einer riesigen Sandfläche. „So was kenn ich nur von Neuseeland“, sagt Anna mit großen Augen. „So was kenn ich gar nicht“, staune ich: Zwischen Bergflanken ankern Segelboote auf fein gewellten Sandbänken, blitzen Rinnsale und Pfützen; am schiefergrauen Ufer trocknen umgedrehte Paddelboote wie verblichene Walnusshälften. Wir blättern im Reiseführer: Das hier muss das Ästuar des Dovey-Flusses sein, eine trichterförmige Flussmündung ins Meer, die je nach Tidenhub mal mehr, mal weniger trockenliegt.

Wir steigen aus und lassen Flo verschnaufen. Unter unseren Füßen knirschen die Miesmuscheln wie berstendes Eis, als wir der Flussmündung bis zum Seebad Aberdovey folgen. An der viktorianischen Strandpromenade holen wir uns eine Portion Ingwereis, die wir dann am endlosen Dünenstrand verspeisen, wo ein paar Teenager mit sonnenverbrannten Waden Bierdosen leeren und knutschen. Schweren Herzens drehen wir um, damit Flo uns zum Campingplatz bringt. Wild campen ist in Wales verboten.

Wales: Chirk Castle

Burgen gibt's an jeder Ecke: Hier das Chirk Castle

„Näher dran wär drin!“, brülle ich kurze Zeit später auf dem Campingplatz „Cae Du“ und fuchtle ein hektisches „Stopp!“ in die Luft, damit Anna Flo nicht ins Meer setzt. Zwischen uns hat sich eine klare Arbeitsteilung eingespielt: Anna fährt, ich sage, wohin; Anna kocht, ich wasche ab. Und Flo führt uns in die Camping-Communitys ein: Ray, der ein paar Meter weiter mit seinem 54er-Bulli steht, schlendert zu uns rüber, um unser zu bewundern, die kleine Florence alias Flo kommt vom Strand und freut sich, dass unser Bus genauso heißt wie sie. Nachbar David hatte auch mal einen „T2“, bis der zu eng wurde für eine fünfköpfige Familie; und ein Typ mit zotteligem Haar und zerzaustem Hund berichtet, dass seiner mal wieder kaputt sei – wie so oft.

Wir sind frei wie die Hippies, die in den 70ern mit ihren Bullis nach Indien gondelten

Flo ist nicht nur eine erstklassige Kontaktbörse, mit Flo sitzen wir auch in der ersten Reihe, wenn das Glück ausgehändigt wird: Am Rand des Kliffs lassen wir die Beine von Flos Dach baumeln und sehen dabei zu, wie die Sonne im Meer zerrinnt. Um uns herum werden Marshmallows gegrillt, Hunde gekrault, selbst gefangene Fische verzehrt, und es wird gestrahlt, was das Zeug hält, weil dieser Abend so ausnehmend schön und dieser Ort so einzigartig ist. Ein Schwarm schwarzer Quietscheentchen marodiert am Strand, ein Reiher schwingt übers Meer, und ein Delfin webt in schönster Gleichmäßigkeit seine Bahn durch die Bucht.

Als es dunkel wird, klettern zwei Walrösser vom Bullidach: Anna und ich, schwerfällig vom Wein, betrunken vom Wunder. Wir krabbeln in Flos Bauch, stecken unsere kalten Füße in die Schlafsäcke und leeren die restliche Flasche beim Flo-TV: Über die nostalgische Mattscheibe flimmern die Scherenschnittberge der Halbinsel Llyn, die verglühenden Feuer unserer Mit-Camper – und die unvermeidlichen Schafe, die wir aber nicht zu zählen brauchen, um in den Schlaf zu finden.

Hartgesottene Wales-Reisende gehen baden: Anna vor der Kulisse des Dörfchens Porthdinllaen auf der Halbinsel Llyn

Hartgesottene Wales-Reisende gehen baden: Anna vor der Kulisse des Dörfchens Porthdinllaen auf der Halbinsel Llyn

Am Morgen brutzelt Nachbar Joseph Baked Beans auf seinem Feuer und will wissen, wo wir als Nächstes hinfahren: die Küste entlang nach Norden, erzählen wir, zu den Burgen Harlech und Caernarfon, wo 1969 zum Thronfolger gekrönt wurde, dann hoch in die Berge. Der Mann nickt zufrieden und ergänzt: „The Spit“ am Mawddach-Ästuar sei der schönste Ort der Welt – eine Nehrung mit Blick auf die Flussmündung, den Berg Cadair Idris und das Seebad Barmouth mit seinen Schieferhäusern. Und dann verrät er uns noch, was er gestern vorm Einschlafen zu seiner Frau gesagt hat: „Zum Glück haben wir keinen Bulli, sonst würden uns dauernd irgendwelche Leute anquatschen!“

Ein Riese, der auf dem höchsten Gipfel ruht, ein heiliges Schwert im See: Wales ist voller Mythen

Als die Sonne an unserem letzten Strandtag am Horizont zerfließt, ahnen wir nicht, dass wir sie so schnell nicht wiedersehen werden: In den Bergen des Snowdonia National Park ist die Landschaft schraffiert. Wir fahren trotzdem hoch zum Pen-y-Pass, lassen Flo im Regen stehen und stapfen gen Mount Snowdon, den mit 1085 Meter höchsten Berg von Wales, auf den die Waliser zahlreiche Mythen gehäuft haben: Auf dem Gipfel soll der Riese Rhita begraben sein, den König Artus getötet hat, und über den Bergsee Llyn Llydaw soll der keltische König gen Avalon gesegelt sein. Manche Leute glauben, dass in diesem See auch Artus’ Zauberschwert Excalibur vor sich hinrostet. Kein Mythos: Das Team, das 1953 den Mount Everest bezwang, hat am Snowdon trainiert.

Wales: Höhenluft! Auf dem Weg zum Mount Snowdon

Höhenluft! Susanne auf dem Weg zum Mount Snowdon

Noch vor dem Aufstieg begegnen wir Enid – sie macht nur einen Spaziergang und ist per Walkie-Talkie mit ihrer Tochter verbunden, die schon fast oben am Gipfel ist. Die vergnügte Dame erzählt, dass sie den Snowdon zuletzt vor fünf Jahren bestiegen habe, das jetzt – mit 85 – aber lieber lasse. Und dass Prinz William, der auf der nahen Insel Anglesey als Rettungspilot stationiert ist, in dieser Gegend schon Wanderer gerettet habe. Wir erwägen, uns einen Felsen hinunterzustürzen, aber Enid winkt ab: Das lohne nicht, William sei gerade in Kanada. Enttäuscht setzen wir uns ans Ufer des kupfergrünen Llyn Llydaw und hören uns an, was die Schafe wieder zu meckern haben; ungehalten fordern sie einander zum Mähen auf. „Wusstet ihr, dass es in Wales fast doppelt so viele Schafe wie Menschen gibt?“, fragt Enid. Wir nicken und sind uns einig: Die kurzgefressenen Waliser Hügel müssen den Märklin-Designern als Inspiration gedient haben. Ob die Hügel hier auch hohl sind?

Es nützt nichts, wenn wir hoch wollen, müssen wir weiter, und die gute Enid steckt uns zum Abschied eine Handvoll Sahnebonbons zu. Zwei Kurven später thront er vor uns: Mount Snowdon, düster, zerklüftet, abweisend. Sonnen- jagen Schattenflecken, eine Wolke rollt über die Bergflanke auf uns zu wie eine Rauchwalze, der kalte Wind frisst sich beim Aufstieg in unsere Hände und färbt sie rot. „Sag mal, wollen wir da wirklich ganz hoch?“, fragt Anna. „Klar“, entgegne ich ungerührt und schiebe sie weiter. Drei Stunden später liegen uns grüne Samthügel zu Füßen, die Täler mit Wasser gefüllt, die Schafe nur noch verirrte Sahnespritzer. Ich drehe mich im Kreis, um das Panorama einzusaugen, bis Anna mich in die Seite boxt: „Na, glücklich?“ Erst jetzt merke ich, dass sich ein Grinsen in mein Gesicht gefroren hat: „Und wie!“

Als wir am Ende durchnässt und erschöpft auf Flos gemütliche Sitze plumpsen, ist das wie Heimkommen, und ich weiß: Flo ist eine multiple Persönlichkeit – mal strahlende Schönheit, mal süßer Geselle mit Kulleraugen, Freund, Freundin, Gefährt und Gefährte. Flo schenkte uns Freiheit und Geborgenheit plus unvergleichliche Bettaussichten. Und die Einsicht, dass Anna und ich sogar auf allerengstem Raum ein Dreamteam sind. Zum Abschied legen wir die Hendrix-CD ins Handschuhfach, die wir so oft gehört haben – damit Flo noch was von uns hat, wenn sie künftig fremde Menschen durch Wales kutschieren muss. Als keiner schaut, küsse ich Flo auf den polierten Po und flüstere: Sobald wir das Geld haben, kaufen wir dich frei! Versprochen!

Pole Position auf Shell Island: Nur noch kurz Zähne putzen – und dann auf Flos Dach klettern und zugucken, wie die Sonne versinkt

Pole Position auf Shell Island: Nur noch kurz Zähne putzen – und dann auf Flos Dach klettern und zugucken, wie die Sonne versinkt

Reise-Tipps: Urlaub in Wales

Urlaub in Wales: My Bulli is My Castle

Bulli mieten: Wenige Kilometer östlich des Snowdonia National Park warten hübsche Bullis auf Urlaubsabenteuer. Ab 680 Euro/Woche (Ty Hywel, Llangynog, Oswestry, Shropshire, Tel. 01 691/ 860 12 54, www.celticcamperco.co.uk). Auch  www.vwcampervanhire.com vermietet Retro-Bullis. Zum Preis kommen meist Steuern und Gebühren hinzu, z. B. wenn man mit deutschem Führerschein fahren will; Endpreis erfragen!

Campingplätze: Der Reiseführer "Cool Camping Wales" von Jonathan Knight stellt die 60 charmantesten Campingplätze in Wales vor (18,95 Euro, Punk Publishing Ltd.).

Mit oder ohne Bulli: Die fünf schönsten Boxenstopps

1. Seeluft tanken: Aberdovey Kleines viktorianisches Seebad mit breitem Strand an der Flussmündung des Dovey. Im "Sweet Shop" das hausgemachte Eis probieren, z. B. Heavenly Honey (Sea View Terrace 2). "Cae Du", unser Lieblings-Campingplatz am Meer, liegt nur 20 Minuten die Küste hoch. Zwei Erw./Bulli 15 Euro (Rhoslefain, Tywyn LL36 9ND, Tel. 016 54/71 12 34).

2. Bummeln: Dolgellau Städtchen im Landesinneren mit blumengeschmückten Schieferhäusern, aus dem man gar nicht mehr wegmöchte. Besonders, wenn man sich im Café "T.H. Roberts" durch die Torten isst (Parliament House, Heol Glyndwr, Tel. 013 41/42 35 52). Wer doch loswill: In 15 Minuten ist man oben am Bergsee Tal-y-Llyn Lake, und im Biergarten des "Pen-y-Bont-Hotel" gibt's Makrele mit Seeblick (Tel. 016 54/ 78 22 85, www.pen-y-bonthotel.co.uk). Picknicken? Dann weiter durchs Schafgatter bis zum Bach - und am Ufer die Decke auf Kleewiesen ausbreiten.

3. Strandvergnügen: Halbinsel Llyn In Morfa Nefyn parken und am Strand entlang ins autofreie Dörfchen Porthdinllaen bummeln. Stärkung gibt's im Pub "Ty Coch Inn" - mit dem Strand als Terrasse. Essen bis 16 Uhr, Wellenplätschern open end (Tel. 017 58/72 04 98, www.tycoch.co.uk). Wer dableiben möchte, findet auf dem Campingplatz "Aberafon" schöne Stellplätze am Meer. 2 Erw./Bulli 15 Euro (Gyrn Goch, Tel. 012 86/66 02 95, www.aberafon.co.uk).

4. Einmal Burgprinzessin sein: Caernarfon Die größte Burg von König Eduard I. zählt zum Unesco-Welterbe. Hier wurde Prinz Charles gekrönt (www.cadw.wales.gov.uk). Und nach dem Sightseeing ins "Y Tebot Bach" zu Apfelkuchen, Waffeln und Scones, serviert an weiß gedeckten Tischen (13 Castle St, Tel. 012 86/67 84 44).

5. Gipfel stürmen: Mount Snowdon Ihr wollt auf den höchsten Berg von Wales im Snowdonia Nationalpark? Bulli am Pen-y-Pass abstellen und loslaufen: Der "Miners' Track" führt an der Ruine der Britannia Kupfermine vorbei, der "Pyg Track" ist einsamer (hin und zurück 6 Std.). Eine Homebase für die Besteigung ist der Campingplatz "Gwern Gôf Isaf Farm" - wenn man sich ans Bachufer stellt, ist die Straße nicht zu hören. 2 Erw./Bulli 13 Euro (A5 zwischen Capel Curig und Bethesda, schräg gegenüber des Sees Llyn Ogwen, Tel. 016 90/ 72 02 76, www.gwerngofisaf.co.uk).

Telefon: Vorwahl für Großbritannien: 00 44

Info: Walisisches Fremdenverkehrsamt, www.visitwales.com.

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