Die neue Lust am Stricken

Am 14. Juni findet der dritte "World Wide Knit In Public Day" statt: Stricken ist wieder angesagt. Auch dank des Internets.

ist spießig? Altmodisch? Uncool? Von wegen. Seit einigen Jahren greift in Europa und Nordamerika eine neue Strick-Begeisterung um sich, besonderes unter jungen Menschen. Seit den 70ern wurden nicht mehr so begeistert - und so öffentlich - gestrickt. In Mailand und Paris erobert Strickschick die Haute Couture, und selbst Stars wie Kate Moss und Russell Crowe hängen an der Nadel.

Daniela Johannsenova (re.) beim öffentlichen Stricken.

Daniela Johannsenova (re.) beim öffentlichen Stricken.

Dennoch wird das Stricken sein verstaubtes Image nur schwer los. Ein junger Mensch, der im Bus eine Socke strickt, fällt heute mehr auf als ein von oben bis unten gepiercter Punker. Der "weltweite Tag des öffentlichen Strickens" soll das ändern. "Wir wollen den Leuten zeigen, dass Stricken kein Rentner-Hobby mehr ist", sagt Daniela Johannsenova, in diesem Jahr schon zum dritten Mal öffentliches Strick-Happening in Köln organisiert hat.

Born in the USA

Erfunden wurde der Strick-Tag 2005 von einer damals 22-jährigen Amerikanerin. Danielle Landes aus Colorado war aufgefallen, wie viele Leute sich mit ihrem Strickzeug zu Hause versteckten. "Mit dem 'World Wide Knit In Public Day' wollte ich Strickbegeisterte zusammenbringen und ermutigen, ihrem Hobby ungeniert nachzugehen", schreibt Danielle auf ihrer Website. Egal, ob im Park, in der U-Bahn oder der Kneipe, ob allein oder in der Gruppe - Hauptsache, die Welt kann dabei zuschauen.

Die Idee kommt an. In Köln versammeln sich jedes Jahr rund 40 Leute, um vor Daniela Johannsenovas Strick-Atelier ihre Maschen zu heben. Die 31-Jährige begann als kleines Mädchen mit dem Stricken und hat nie wieder aufgehört. Nicht mal in den 90er Jahren, als das Stricken völlig aus der Mode kam. Und jetzt freut sie sich, dass das Interesse in den letzten Jahren wieder gestiegen ist. Monatliche Stricktreffs werden sehr gut besucht, Handarbeitsläden melden steigende Umsätze, und auch an den Schulen klappern wieder öfter die Nadeln. "Erstaunlicherweise begeistern sich vor allem die kleinen Jungs für das Stricken", so Daniela. Aber spätestens nach der Grundschule suchten sich die meisten ein weniger feminines Hobby. Männer sind in Strickkreisen nach wie vor die Ausnahme.

Jung, männlich, stricksüchtig

Die neue Lust am Stricken

Einer davon ist Victor. Der 25-Jährige hat erst vor wenigen Jahren mit dem Stricken angefangen, doch seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht zu den Nadeln greift. Selbst im Hochsommer strickt er weiter, "aber natürlich mit leichteren Garnen, zum Beispiel aus Baumwolle". Für den gebürtigen Thailänder, der seit sieben Jahren in München lebt und Politik studiert, ist vor allem das Internet schuld am Strick-Boom um Nadel und Garn. "Im Netz findet man nicht nur unendlich viele Anleitungen, sondern auch Gleichgesinnte, mit denen man sich über Muster und Materialien austauschen kann." Besonders begeistern Victor die zahlreichen Weblogs zum Thema. "Es ist ein fantastisches Netzwerk: Eine Bloggerin strickt etwas und stellt das Bild vom fertigen Projekt online, ein anderer Stricker sieht den Eintrag, strickt das Muster nach und stellt es in seinen eigenen Blog, und so weiter." Auf diese Weise entstehe eine unendliche Quelle an Ideen.

Inspiration durch Blogs and Podcasts

Die neue Lust am Stricken

Seit drei Jahren schreibt Victor unter dem Pseudonym Elemmaciltur einen eigenen Weblog, in dem er regelmäßig von seinen neuesten Strickkreationen berichtet; Schals, Socken, Handschuhe, Mützen, sogar eine bayerische Trachtenjacke hat der fleißige Student schon gestrickt. Gerade hat Victor mit zwei Freundinnen einen Strick-Podcast gestartet. "Das ist sehr aufregend."

Auch Daniela betreibt einen Blog sowie zwei Strick-Podcasts - und war sehr überrascht, als kürzlich Victor in ihren Laden spazierte. Bisher kannten sich die beiden nur in der virtuellen Welt. "Ich höre Danielas Podcast regelmäßig, und als ich übers Wochenende in Köln war, musste ich einfach bei ihr vorbeischauen", erzählt Victor. Sofort begannen sie, stundenlang über die neuesten Wollsorten, Muster und das Treiben in der Blogosphere zu fachsimpeln. "Mein armer Begleiter musste sich das alles anhören - dabei kann er nicht mal stricken", lacht Victor.

Freude am Schaffen

Was ist denn nun das Faszinierende am Kreativsein mit Nadeln und Wolle? "Mir gefällt, dass man sich nicht einfach nur die Zeit vertreibt, sondern etwas Nützliches produziert", erklärt Victor. "Es ist ein wunderbares Gefühl, etwas mit den eigenen Händen herzustellen." Daniela stimmt ihm zu. "Früher hatte ich einen Bürojob, bei dem ich die Erfolge meiner Arbeit nie direkt sehen konnte", sagt sie. "Beim Stricken sieht man etwas wachsen und hat am Ende ein greifbares Ergebnis. Das ist sehr befriedigend."

Wie Victor hat Daniela für ihren Podcast Secret Knitting die englische Sprache gewählt. Denn die meisten Strickbegeisterten leben nach wie vor in , Großbritannien, Australien und Neuseeland. Doch die deutschen Stricker sind im Kommen. In rund 15 deutschen Städten haben sich am Samstag Gruppen zusammengefunden, um öffentlich mit den Nadeln zu klappern. Wer keine Gruppe in seiner Nähe findet, geht eben allein auf die Straße. Victor verbrachte den letzten 'Knit In Public Day' strickenderweise in einem Münchener Biergarten. "Es muss schon sehr ungewöhnlich ausgesehen haben - ich, männlich, asiatisch, mit meinem Strickzeug in der Hand", erinnert sich Victor lachend. "Manche Leute haben sogar Fotos von mir gemacht. Was für ein Spaß!"

miro Fotos: www.numenna.blogspot.com, www.maschenkunst.de

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