Telefonsex: Hallo, ich bin's

Telefonsex: Hallo, ich bin's

In einer Fernbeziehungen zusammen und doch getrennt - das bedeutet viel Sehnsucht und Lust, die sich gedulden muss. Warum eigentlich? Es gibt schließlich ein Telefon

Sie haben sich verabredet. Im Bett. Sie haben es lange nicht getan. Zu lange. Noch länger hält es keiner von beiden aus. Er hört ihren Atem. Ein wenig lauter als sonst. Genau wie seiner. "Irgendwie hast du noch viel zu viel an." "Ja, das sollten wir ändern …" Ihr wird heiß. Im Gesicht. Aber nicht nur da. Er atmet schneller. Noch ein bisschen schneller, bis es irgendwann nicht mehr schneller geht...
Als sie nachts erwacht, sucht ihr Arm seinen Körper. Und findet das Telefon. Ob sie ihn noch einmal anrufen soll? Sie könnte schon wieder. Nein, lieber nicht, er schläft jetzt sicher. In seinem Bett, viele Kilometer entfernt von ihrem. Sein Bett steht in Regensburg, ihres in London. Martin ist 28 und wissenschaftlicher Assistent an der Uni. Antje ist ein Jahr jünger und Unternehmensberaterin. Im Idealfall sehen sich die beiden gerade mal alle 14 Tage. Wer sich nicht immer fühlen kann, der will sich umso öfter hören: "Das Telefon hilft uns über die Distanz hinweg", sagt Antje. "Plötzlich ist der andere ganz nah, auch wenn er noch so weit weg ist."

Hunderte von Kilometern Sehnsucht. Jede achte Liebe in Deutschland ist eine Fernliebe. Er in Hamburg, Berlin, Paris, sie in München, Düsseldorf, Rom oder umgekehrt. Living apart together nennt Trendforscher Prof. Peter Wippermann diese Lebensform, die unsere Zukunft bestimmen wird: getrennt zusammenleben, sich verbunden fühlen, auch wenn man die längste Zeit des Tages, des Monats, des Jahres nur über Fernmeldedrähte in Verbindung ist. So werden gerade diese modernen Kommunikationskanäle immens wichtig, um sich zu versichern, dass der Partner immer noch der Partner ist, auch wenn er eben nicht direkt neben einem auf der Couch sitzt. "Wir nennen das mediales Kraulen", sagt Wippermann. "Über Telefon, SMS oder E-Mails drückt man seine starke Verbundenheit aus, bleibt aber trotzdem eigenständig, mobil und flexibel."
An manchen Tagen ist Kraulen Antje und Martin aber nicht genug. Mediales schon gar nicht. Da wollen sie nur eines. Also tun sie es. Am Hörer. Antje liegt dabei gern auf dem Bett, Martin sitzt lieber auf dem Sofa. Die Augen haben beide geschlossen. Mal schneller, mal langsamer entstehen Phantasien, Bilder. Am besten funktioniert das abends. Da ist es still in der Wohnung. Noch. Aber nicht mehr lange...
"Dem medialen Sex gehört die Zukunft", meint Trendforscher Wippermann. Auch Ragnar Beer, Psychologe an der Universität Göttingen, bestätigt, dass Telefonsex ein immer wichtigeres Thema für viele Paare wird. Denn immer mehr leben wegen des Jobs für eine begrenzte Zeit oder sogar dauerhaft eine Fernbeziehung.

Schon mal eine mobile Nummer gehabt? Eine heiße Vorstellung, die nicht nur den Telefonanbietern gefallen mag: Zwischen Deutschlands Fernliebenden glühen die Drähte. Aber, wo sind all die anderen, die am Telefon stöhnen? Gezählt hat sie noch niemand, und bei einer Umfrage im fern- und nahliebenden Freundeskreis will niemand Telefonsex haben oder wenigstens schon gehabt haben. Zumindest gibt es niemand zu. Das Image der verbalen Höhepunkte scheint schwer angeschlagen: nicht auszudenken, am Ende hat man noch wie Miranda in "Sex and the City" einen George an der Strippe, der gleichzeitig auf mehreren Leitungen Ohr-Sex hat, oder eine Lois wie in "Short Cuts", die beim Windelnwechseln ihre Haushaltskasse mit Telefonsexdiensten aufbessert. Da hilft es wenig, dass Promis wie Kylie Minogue, Angelina Jolie oder Colin Farell sich als praktizierende Telefonsexuelle outen. Denn hatte nicht auch Charles mit Camilla... Genau, da war was, und schön war das nicht.

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