Was muss ich tun, um meine Ziele zu erreichen?

Was bin ich bereit, für ein Ziel zu tun — und auch aufzugeben? Wer etwas erreichen will, muss sich etwas trauen, mein die Mentaltrainerin Antje Heimsoeth, die Leistungssportler und Manager coacht.

BRIGITTE: Frau Heimsoeth, wie denken denn Gewinner?


Antje Heimsoeth: Sie schauen nicht auf die Probleme, sondern auf die Lösungen. Viele Menschen blicken zurück statt nach vorn. Sie verheddern sich in Fehlern und Niederlagen, statt sich zu fragen: Was habe ich gelernt? Woran muss ich arbeiten, um nächstes Mal besser zu sein? Sportler tun das, sie haken den misslungenen Wettkampf ab, gehen wieder ins Training und trainieren, was trainiert werden muss.

Was kann man von Sportlern lernen, wenn man ein Ziel verfolgt?

Sportler denken langfristig, sie formulieren Zwischenziele und richten ihr Training darauf aus. Ein Ziel in Teil- oder Zwischenziele mit Erledigungsterminen zu unterteilen ist wichtig, um dranzubleiben, die Motivation nicht zu verlieren. Ich als Selbstständige mache das auch jedes Jahr. Ich überlege mir: Was will ich an Umsatz und Gewinn einnehmen, was sind meine Stundensätze, wie viele Neukunden möchte ich gewinnen?

Kann es nicht ganz schön frustrierend sein, wenn man das Ziel dann nicht erreicht?


Klar, ein Ziel sollte realistisch und positiv formuliert sein, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, es zu erreichen. Die meisten Menschen denken aber zu klein. Wir sollten groß denken, Ziele hoch ansetzen. Gerade uns Frauen fällt das oft schwer, weil wir Angst vor dem Scheitern haben. Wir glauben nicht an uns und trauen uns zu wenig zu. Wenn man sich aber kein größeres Ziel vornimmt, ist man heute schon gescheitert. Man macht sich gar nicht erst auf den Weg und kommt nicht ins Handeln.

Welche Art Ziel ist denn am erfolgreichsten?

Ergebnisziele erzeugen oft Frust. Im Sport ist jemand eine Hundertstelsekunde schneller, und schon hat man sein Ziel nicht erreicht. Daher sind für mich Handlungsziele effektiver, bei denen das "Wie will ich das Gewünschte erreichen?" im Mittelpunkt steht, der Weg zum Ziel und die Handlungen näher beschrieben werden. Auch von Mottozielen bin ich überzeugt. Sie zielen auf die innere Haltung ab. Ein Beispiel: Ein Bekannter reist viel und ist übergewichtig, weil er sich in Hotels am Buffet zu viel auf den Teller füllt. Seit er sich das Mottoziel "Ich gehe mit einem leichten Magen vom Buffet weg" gesetzt hat, klappt das viel besser. Im Sport arbeite ich allerdings meistens mit einer Kombination aus Ergebnis- und Handlungszielen.

Wenn man sich kein größeres ziel vornimmt, ist man heute schon gescheitert. 

Und das funktioniert?

Ich coache zum Beispiel eine erfolgreiche Golferin, die immer zu kurz geputtet hat. Das lag daran, dass sie sehr pessimistisch war und mit dieser Haltung auch aufs Grün ging. Sie dachte daran, wie sie wieder am Loch vorbeischlägt, hielt die Luft beim Putten an und schwang nicht richtig durch. Ihre Strategie ist daher: ruhig atmen, positive Selbstgespräche führen und eine Putt-Routine einhalten. Sie sagt jetzt mantraartig vor sich hin: "Ich putte konzentriert und atme tief" und sieht im Kopfkino, wie sie den Ball im Loch versenkt – ihre Ergebnisse sind seitdem viel besser geworden.

Im Alltag haben Menschen aber oft eher weiche Ziele wie "Ich will abnehmen", "Ich möchte mehr Abenteuer in meinem Leben" oder "Ich wünsche mir mehr Sex mit meinem Mann".

"Mehr" ist kein Ziel, sondern ein Wunsch. Und was ist "mehr"? Man muss sich den Kopf wie eine Bio-Festplatte vorstellen: Je genauer das Gehirn programmiert wird, umso besser kann es uns unterstützen. Viele Menschen programmieren ihren Bio-Computer nicht. Man muss, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, erst mal definieren, was man unter Abenteuer versteht — drei Monate über drei Kontinente reisen? Und zu „Ich will abnehmen“ könnte eine Zielformulierung lauten: "Am 31. 12. habe ich mein Gewicht von jetzt 80 auf 70 Kilo reduziert." Das Gehirn braucht klare Bilder, nur so kann es gut unterstützen. Wichtig ist auch, dass man im Kopfkino sieht, wie man schlank ist, dass man spürt, dass der Gürtel nicht mehr drückt.

Was, wenn die Pfunde trotzdem nicht purzeln?


Dann muss man sich fragen, woher das Übergewicht kommt. Was lässt uns immer wieder zur Sahnetorte greifen? Oder ist Angst die Ursache dafür? Übergewicht kann auch eine Art Schutz sein. Gegen Radtouren, die man sonst mit seinem Partner unternehmen müsste, obwohl man keine Lust hat, den Berg hochzufahren. In diesem Fall muss man zuerst lernen, nein zu sagen und seine Denkblockaden zu lösen.

Und wenn ich mir einen Job suchen will, wie könnte dann mein Ziel lauten?


Hier sollte man zuerst eine Werte- Analyse machen, also aufschreiben, was wichtig ist. Wer bin ich? Was spielt in meinem neuen Job eine bedeutende Rolle für mich? Was habe ich davon? Welcher Beruf könnte mir Erfüllung bringen? Visualisierungen können helfen: Ich stelle mir vor, wie ich mich am 1. Januar beim neuen Arbeitgeber in meinen Bürostuhl setze und vom Chef begrüßt werde. Ich empfehle übrigens, lieber einen Job anzunehmen, der nicht so gut bezahlt ist, aber für den ich brenne. Jedes Ziel hat einen Preis, nicht unbedingt materiell, aber irgendwas kostet es mich. Viele Menschen wollen keine Kompromisse machen, alles muss passen. Aber das gibt es nicht. 

Viele Menschen blicken zurück statt nach vorn. Und verheddern sich in Niederlagen.

Braucht mein Leben denn überhaupt immer Ziele? Oder geht es auch ohne?

Wenn ich erfolgreich und zufrieden sein möchte: auf jeden Fall. Aber dazu muss ich aktiv werden und meine Komfortzone verlassen. Ich muss bereit sein, mich hinzusetzen, mich mit meinen Werten, Stärken, Zielen und Visionen zu beschäftigen. Was würde ich tun, wenn Misserfolg ausgeschlossen wäre? So kann ich aus meinen Wünschen persönliche Ziele herausarbeiten. Ziele zu haben heißt ja, sich auf den Weg zu machen. Sie sind Antreiber für unsere Handlungen. Bloße Vorsätze bleiben häufig folgenlos. Viele Menschen kommen nicht ins Tun, sie jammern, weil dieses und jenes nicht gegeben ist.

Was raten Sie dann?

Erst mal die Stärken zu analysieren: Was kann ich besonders gut? Dann eine Werte- und Ziel-Analyse machen, zum Beispiel in Form einer Ziel-Collage: Man klebt auf, was wichtig ist, was man erreichen will – beruflich, gesundheitlich, bei Hobbys, in der Beziehung.

Und wenn ich an Erfolg gar nicht so interessiert bin, sondern nur an einem sinnerfüllten Leben und Glück?

Selbst dann. Wenn ich eine harmonische Partnerschaft möchte, muss ich mit meinem Partner über die Ziele für die Partnerschaft sprechen. Was ist Glück? Was gibt meinem Leben einen Sinn? Wie können wir uns gegenseitig dabei unterstützen, damit wir unser Ziel nicht aus den Augen verlieren?

Wie unromantisch.

Ja. Eine Beziehung erfordert Beziehungsarbeit. Viele Beziehungen scheitern, weil sich die Partner nicht darüber austauschen, was ihnen wichtig ist, welche Ziele sie verfolgen und wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Beziehung ist ein aktiver Prozess, der gemeinsam reflektiert und gelebt werden will.

Loslegen ist aber nicht für
 jeden was, oder?

Klar, es ist auch eine Typfrage. Aber herausfinden, was man wirklich will, was glücklich macht, was wichtig ist und dafür den passenden Beruf, Partner oder Lebensstil zu finden — das kann jeder. Bloß: Ich erlebe zu wenig Menschen, die aufhören zu jammern, die aktiv werden und ihr Leben in die Hand nehmen. Denn es hat ja Konsequenzen, wenn ich sage, ich will einen neuen Arbeitsplatz und finde ihn nicht gleich und muss mich rechtfertigen. Das ist unangenehm.

Veränderungen machen ja auch erst mal Angst.

Veränderungen sind aber absolut unvermeidlich und gehören zum Leben dazu. Um Neues kennenzulernen, gilt es, Altes loszulassen. Veränderungen schaffen Raum für Neues, für Wachstum und Weiterentwicklung.

Wenn ich ein Ziel gefunden 
habe  wie bleibe ich dran? 

Sportler gehen immer wieder mental in die Situation rein, die sie erleben wollen: zum Beispiel den WM-Sieg. Über ihre fünf Sinne stellen sie sich vor, dass sie am Tag X auf dem Podest stehen. Sie hören die Zuschauer klatschen, die Nationalhymne, sie sehen die Funktionäre, die ihnen die Goldmedaille umhängen, spüren, wie ihnen die Tränen runterlaufen. Sie tauchen in das Erleben des Sieges ein.


Was treibt denn eigentlich Menschen zu Höchstleistungen an?

Willensstärke, Siegermentalität, Mut, Entschlossenheit, Disziplin, Fleiß, Vertrauen, der Glaube an sich, richtige Strategien. Und man braucht Unterstützer.


Eine Art Ziel-Buddy?

Genau. Man kann mit einer Freundin vereinbaren, dass sie einen begleitet, nachfragt, ein bisschen Druck macht. Wichtig ist, dass man der Freundin dafür einen Auftrag erteilt. Man sollte das nicht ungefragt machen. Und man darf von einer Freundin nicht zu viel erwarten, sie nicht überfordern. Dann ist professionelle Hilfe besser.

Wenn ich auf dem Weg bin, kommt irgendwann mit Sicherheit ein Tiefpunkt. Wann sollte ich umdrehen?

Wenn der Preis zu hoch wird und Bedingungen sich verändern. Kommen Selbstzweifel, muss man sich fragen, ob man das Ziel wirklich unbedingt will, und es gegebenenfalls korrigieren.


Und wie gehe ich damit um, wenn ich mein Ziel nicht erreicht habe?


Akzeptieren, dass es eine Niederlage war, denn Scheitern gehört zum Leben dazu. Analysieren, was passiert ist und aus welchen Gründen es nicht geklappt hat. Und dann: abhaken. Stellen Sie die Buchstaben des Wortes "FEHLER" mal um – dann wird daraus "HELFER". Es liegt in unserer Verantwortung, ob wir aus Fehlern Helfer machen oder anderen die Schuld geben. Es liegt an uns, ob wir gemachte Fehler für uns nutzen. Und dann versuchen, neue Erfahrungen zu sammeln. Sportler machen viele Wettkämpfe, um Erfahrungen zu sammeln, dazu sind viele Menschen nicht bereit. 

Antje Heimsoeth ist Skirennen gefahren 
und war Halbprofi im Reitsport, bis sie einen schweren Reitunfall hatte. Heute coacht sie Leistungssportler und Manager. Mehr Infos unter www.heimsoeth­-academy.com 

BRIGITTE Psychologie Spezial 03/2017

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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