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Affäre: Wenn der Geliebte bleibt

Als Geliebte hat sie davon geträumt, den Mann statt nur als Affäre ganz für sich zu haben. Leider ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen....

Als es an der Haustür klingelte, küsste Meredith ihren Dr. McDreamy in "Grey's Anatomy" so leidenschaftlich, dass ich nicht öffnen wollte. Ich hatte es mir mit Chips und einem Glas Rotwein auf dem Sofa gemütlich gemacht und erwartete niemanden. Dann klingelte es Sturm. Ich band meinen ehemals rosafarbenen Bademantel zu, guckte durch den Spion - und sah Johannes, rechts und links einen Koffer. Ich riss die Tür auf. "Ich hab's ihr gesagt. Wir haben uns getrennt." Ich starrte ihn nur an. Freude, Triumph, Panik - meine Gefühle tobten wild durcheinander. "Du hast was?", flüsterte ich heiser. "Ich habe meine Frau verlassen", sagte er, "freust du dich etwa nicht?"

Fast zwei Jahre hatte ich auf diesen Satz gewartet. Seit fast zwei Jahren war ich Johannes' Geliebte. Es hat mich zerrissen, dass er kaum Zeit für mich hatte. Dass er nach dem Sex jedes Mal duschte, damit seine Frau mich nicht an ihm riechen konnte. Dass er einmal, als wir zusammenn in seinem Auto saßen, meinen Kopf nach unten drückte, weil der Patenonkel seiner Tochter die Straße überquerte.

"Willst du mich nicht reinlassen?", fragte Johannes. "Klar, komm rein", sagte ich, betäubt von seinem Satz, den ich zwar lang ersehnt, aber nicht mehr erwartet hatte. Johannes war mein Mr. McDreamy, der Mann, den ich mir hundertprozentig für mein Leben vorstellen konnte. Ich hatte ihn im ICE von Hamburg nach Hannover kennen gelernt. Er fummelte an einem neuen Handy herum, und sein leises "Scheiße, Scheiße" klang so niedlich-genervt, dass ich mich einfach neben ihn setzte und ihm sein Handy erklärte. Als wir in Hannover einfuhren, wusste er, dass "Vom Winde verweht" mein Lieblingsfilm ist, und ich erfuhr, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat, für die, wie er sich ausdrückte, "das Wort Pubertätsstress neu erfunden werden müsste". Ich weiß noch, wie er dabei lachte, und ich dachte: "So ein verdammtes Pech! Das könnte der Richtige sein."

Als der Zug hielt, sagte er: "Noch Lust auf einen Kaffee?" Drei Stunden später fielen wir in einem Hotelzimmer übereinander her. Es war ein Erdbeben, ich hatte so etwas noch nie erlebt. Und Johannes wohl auch nicht, denn so begann unsere Affäre. Ich hatte den besten Sex meines Lebens. Mit einem Mann, dem ich danach vom Stress mit meiner neuen Chefin vorjammern konnte, der zuhörte, nett war und hinreißend komisch.

Johannes ging mir so in Fleisch und Blut über, dass ich im ersten Jahr total verdrängte, dass er eine Familie hat. Sie war einfach kein Thema. Dann kam die Panik. Ich wollte mehr, wollte ihn ganz für mich. Wie ein süßes Gift tröpfelte ich meine Verführungskünste in seine 15-jährige Ehe. War die ideale Geliebte. Hatte immer Lust auf Sex, massierte ihn, was ich eigentlich hasste. Und ich sagte nie ein böses Wort über seine Familie, ließ nur bei passender Gelegenheit sanfte Sätze wie diesen fallen: "Du bist doch erst Anfang vierzig, ist das nicht viel zu jung, um in einem Reihenendhaus zu versauern?" Eine Frage, die Johannes nie beantwortete, über seine Ehe erfuhr ich nur, dass er seine Frau seit der 7. Klasse kannte. Mehr zu erzählen käme ihm unloyal vor, sagte er einmal, das fand ich richtig.

Trotzdem hoffte ich auf eine Nacht, nur wir zwei, oder eine Woche Urlaub am Strand, im Schnee, egal. Aber es blieb bei zwei Abenden die Woche, die er als erfolgreicher Autoverkäufer zu Hause nicht groß erklären musste. Doch irgendwann reichte mir das nicht mehr. Alle meine Freundinnen waren inzwischen verheiratet, waren schwanger oder hatten Kinder, das wollte ich auch. Als ich Johannes damit drohte, die Kondome anzupieksen, um endlich klare Verhältnisse zu schaffen, gab es einen Riesenstreit. Er ging, Türen knallend. Ich blieb zurück, heulend. Im Allerallerinnersten fühlte ich mich aber auch ganz merkwürdig befreit, weil ich merkte, wie sehr ich doch unter diesem Schwebezustand gelitten hatte.

Zwei Wochen lang meldete er sich nicht. Dann stand er mit zwei Koffern vor meiner Tür. "Auf den Schreck brauche ich erst mal einen Schnaps", sagte ich. Wir tranken dann beide einen, und er erzählte mir, dass es schrecklich gewesen war, mehr wollte er nicht sagen, und mehr wollte ich auch nicht wissen. Ich wollte mich nicht schuldig fühlen müssen. Irgendwann fielen wir beide ins Bett, wo wir zum ersten Mal keinen Sex hatten. Und während Johannes sofort einschlief, kriegte ich kein Auge zu. Noch nie hatten wir die Nacht gemeinsam verbracht, noch nie hatte ich sein schlafendes Gesicht gesehen. Ich betrachtete ihn, den Mann, den ich gerade erfolgreich aus seiner Ehe geknackt hatte. Ich wusste, wie ich mich zu fühlen hatte: glücklich bis in die Zehenspitzen. In meinem Bauch aber lag ein schwerer Klumpen. Was war bloß los mit mir?

So lange hatte ich diesen Moment herbeigesehnt. Und jetzt kam mir auf einmal meine Wohnung zu eng für uns beide vor. Ich liebte ihn, klar, aber ich war keine zwanzig mehr, ich war 39, bis auf meine WG-Zeit als Studentin hatte ich allein gewohnt. Das ist die Aufregung, das Neue, sagte ich mir. Das gibt sich. Nach einer schlaflosen Nacht stand ich auf und ging zum Bäcker. Als ich mit den Brötchen und einer Zeitung wiederkam, stand Johannes mit einem Espresso auf dem Balkon. "Ich bin kein Frühstücksesser, vor 12 Uhr kriege ich keinen Bissen runter", entschuldigte er sich, und gerade wollte ich in seine Arme schlüpfen, um unseren Stress ein bisschen wegzukuscheln, da ging in seiner Hosentasche der Samba los - sein Handyklingelzeichen. Seine 13-jährige Tochter Mona hatte es für ihn ausgesucht, und sie war es auch, die ihm jetzt die Hölle heiß machte.

"Sag mal, freust du dich eigentlich?", fragte Johannes, als wir abends in meiner Küche saßen und uns eine Tiefkühl-Pizza teilten, "falls du es tust, zeigst du diese Freude nämlich ziemlich verhalten." Ach, wenn ich ihm meinen Gefühlswust doch nur hätte erklären können! Doch zum ersten Mal fühlte ich mich befangen, konnte ich ihm gegenüber nicht ehrlich sein. Ich traute mich einfach nicht. Außerdem begriff ich ja selber nicht, was mit mir los war. Zwei Jahre lang hatte ich davon geträumt, dass Johannes und ich ein Paar sind. Doch in meiner Fantasie hatte ich uns in einer schicken Penthouse- Wohnung gesehen, auf exotischen Reisen. Naiv, wie ich war, hatte ich eines total ausgeblendet: den normalen Alltag. "Ich freue mich", sagte ich zu Johannes, aber ich hörte selbst, wie unecht und verkrampft meine Stimme klang, "ich muss mich nur erst an diese neue Situation gewöhnen." Und ich versuchte es, ich versuchte es wirklich. Ohne mein Drängeln wäre Johannes noch bei seiner Familie, das wusste ich. Ich fühlte mich verpflichtet, ihm den Übergang so schmerzlos wie möglich zu machen, aber genau das war das Problem. Dass sich auf einmal Pflichtgefühl und Alltag in eine Liebe schlichen, die bis dahin nur Leidenschaft gewesen war. War vorher jede Minute zwischen uns kostbar gewesen, so brach jetzt die Normalität mit Wucht über uns herein. Und ich lernte einen Mann kennen, der mir teilweise völlig fremd war.

Johannes war ein äußerst pingeliger Esser, der es befremdlich fand, dass ich nicht kochen konnte. Der einen sehr gepflegten Haushalt gewohnt war, für den er selbst nicht einen Handschlag rühren musste. Und der natürlich ein schlechtes Gewissen hatte und deshalb Tag und Nacht für seine Kinder erreichbar sein wollte. Wovon seine Tochter Mona zumindest telefonisch reichlich Gebrauch machte - Samba rund um die Uhr. Als ich mich einmal an seinem Handy meldete, rief sie: "Lass Papi in Ruhe!"

Die erste Zeit als Paar erlebte ich wie im Nebel. Funktionierte irgendwie. Versuchte mich zu freuen. Aber nichts passte mehr. In meinem Freundeskreis wurde Johannes nicht heimisch, wir feiern gern, er aber ist ein richtiger Einsiedlerkrebs. Was mich früher nicht gestört hatte: Da wollte ich ihn nur für mich.

Auch in meiner Wohnung fühlte er sich nicht wohl. "Mein Gott, bist du vollgerümpelt", rief er einmal, als er vor meiner Elefantensammlung im Wohnzimmer stand, und so erfuhr ich, dass er es gern weiß gestrichen und spartanisch mag.

Dass man von gutem Sex nicht auf ein gutes Leben zu zweit schließen darf, wurde mir in den nächsten Wochen und Monaten immer klarer. Ich fühlte mich grässlich beklommen, dachte: Jetzt hab ich ihn und will ihn nicht mehr. Was ich natürlich komplett mit mir selbst ausmachen musste. Was hätte ich auch sagen sollen? "Schatz, ich hab's mir anders überlegt, nimm dir bitte eine eigene Wohnung"? Nachdem er seine Familie ins Chaos gestürzt hatte? Wegen mir. Johannes spürte, dass es mir schlechtging, aber ich sagte immer nur: "Das wird schon, das schaffen wir." Der Sex danach war schön, aber kein Vergleich zu früher. Die Leichtigkeit von damals gab es nicht mehr.

Das Ganze ist jetzt vier Monate her. Ich beiße die Zähne zusammen. Versuche, mir meine wachsende Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. Verfluche mich und meine Liebesblödheit hundermal am Tag. "Bereust du es?", hat Johannes kürzlich gefragt. "Non, je ne regrette rien", habe ich geflachst. Dabei hätte ich am liebsten gesagt: "Schatz, geh zu deiner Frau zurück und lass mich wieder deine Geliebte sein." Vor ein paar Tagen hatte ich tatsächlich schon den Telefonhörer in der Hand, um sie anzurufen.

BRIGITTE 1/2008 Protokoll: Evelyn Holst

Kommentare (1)

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  • Anonymer User
    Anonymer User
    Mit dem Wünschen muss der Mensch vorsichtig sein - er könnte sich erfüllen!

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