Andrea und Achim bei einer Radtour
"Wir wissen, dass wir uns einen Luxus leisten", sagt Andrea, "aber das ist es uns wert. Die Kombination aus Stadt und Land finden wir super." Die 37-Jährige lebt in einer kleinen Altbauwohnung mitten in Hamburg, ihr Freund Achim 45 Kilometer südlich der Hansestadt. Die beiden werden im Sommer heiraten, und auch dann steht fest: Er bleibt in seinem Dorf, Andrea in der Stadt. Trotz Eheversprechen werden sie sich wie bisher nur zwei, drei Mal die Woche sehen und die Wochenenden gemeinsam verbingen - meist bei ihm auf dem Land, weil beide leidenschaftlich gern Radfahren. Dass sie mit ihrem unkonventionellen Liebes-Leben Unverständnis ernten, damit müssen sie leben.
Dabei sind Andrea und Achim längst nicht mehr die große Ausnahme. Eine repräsentative Studie des "Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung" (DIW) zeigt: Der Anteil der Paare, der in getrennten Haushalten lebt, ist von 11,6 Prozent im Jahr 1992 auf 13,4 Prozent im Jahr 2006 gestiegen. Fast jedes sechste Paar in Deutschland leistet sich zwei Wohnungen, rechnet Psychologe Birk Hagemeyer vor, der sich dem Thema im Rahmen eines großen DFG-Projekts widmet. Und zwar nicht mehr nur als vorübergehende Wohnform vor der Familiengründung, sondern als dauerhafte Alternative - besonders beliebt bei Paaren jenseits der 40, die die Kinderfrage bereits abgeschlossen haben. Sie entscheiden sich nicht für getrennte Wohnungen, weil die Jobs es erfordern oder die Kinder aus früheren Partnerschaften. Sie entscheiden sich dafür, weil es für sie die ideale Lebensform ist, die das Beste aus zwei Welten vereint.
"Living Apart Together (LAT)", also "getrennt zusammen leben", ist ein Trend, der gar nicht so neu ist wie er scheint: 1978 wurde der Begriff erstmals verwendet. Schon Woody Allen und Mia Farrow, Frida Kahlo und Diego Riviera, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben "LAT" praktiziert und sich trotz fester Beziehung für zwei Adressen entschieden. Was früher höchstens in Künstler- und Intellektuellenzirkeln akzeptabel war, ist zunehmend auch bei bürgerlichen Paaren eine willkommene Lebensform. So wünscht sich Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, auch dann noch zwei Wohnungen, wenn sie und ihr Mann einmal in derselben Stadt wohnen sollten - "mit mindestens 30 Kilometern Abstand." Denn: "Eine zu lang andauernde räumliche Nähe ist der Tod jeder Beziehung."
Beziehungskiller Alltag? Abend für Abend bei Tee und Stullen am Küchentisch sitzen, der eine liebt das kreative Chaos, der andere die Ordnung, und die Beziehung stumpft ab, weil man Zeit automatisch teilt. Wer getrennt wohnt, vermeidet zermürbendes Kleinklein und lebt Beziehung bewusster. Man genießt die Schokoladenseiten des anderen, so wie es sonst nur bei einer Affäre möglich ist: Man verabredet sich, freut sich auf die Treffen, gibt sich ein klein wenig Mühe für den anderen, und kann morgens auch mal alleine aufwachen, wenn einem nach viel Platz im Bett, einem guten Buch und ganz viel Ruhe zumute ist. Das schätzt Catherine (29) ganz besonders an ihrer Wohnung, die sie trotz vierjähriger Beziehung behalten hat: "Es ist schön, sonntagmorgens neben jemandem aufzuwachen. Aber manchmal ist es noch schöner, alleine aufzuwachen."
Für Anke (41) ist der Grund fürs Getrenntleben dann auch nicht so sehr die Vielfalt, die zwei Wohnorte mit sich bringen. Es ist die Angst vor dem gemeinsamen Alltag. Zwar genießt sie zu Hause in Berlin das große Kulturangebot und bei ihrem Freund Uwe in Rostock (46) den Ostseestrand vor der Tür. Doch die Mutter einer 19-jährigen Tochter war 15 Jahre lang verheiratet und hat schon erlebt, "wie schnell die Liebe im Alltag auf der Strecke bleiben kann." Heute macht sie mit Uwe aus jedem Wochenende ein Fest: "Wir freuen uns die ganze Woche aufeinander, selbst das gemeinsame Einkaufen am Wochenende macht Spaß!"
"Living Apart Together" ist ein Kompromiss aus Singleleben und Partnerschaft. Ob ein Paar mit ein oder zwei Wohnungen besser klar kommt, ist eine Frage der persönlichen Präferenzen: Der eine legt Wert auf Leidenschaft und Pepp in der Beziehung, dem anderen sind Vertrautheit, Kameradschaft und Unterstützung wichtiger. Jeder sollte das passende Modell für sich finden. "In Beratungen sehe ich häufig, was es für Menschen bedeutet, wenn sie sich aufgrund von Konventionen gezwungen fühlen, in einer Wohnung - womöglich ohne Rückzugsbereiche - zusammenzuleben. Hier ist die Krise vorprogrammiert", erzählt die Berliner Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Berit Brockhausen.














ich bin Studentin im Fach Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Rahmen meines Studiums führe ich eine Studie zum Thema "Living Apart Together" durch. Da sich die Studie auch auf empirische Daten stützen soll, möchte ich Personen befragen, die sich derzeit in einer "Living Apart Together" Partnerschaft befinden. Zu diesem Zweck suche ich noch Freiwillige, die bereit wären, an einem Interview in Form eines Fragebogens teilzunehmen. In dem Fragebogen wird es vor allem um Themen wie tägliche Routine, gemeinsam verbrachte Zeit, Vor-und Nachteile dieser Partnerschaftsform etc. gehen. Die Teilnahme erfolgt natürlich anonym. Ich bitte diejenigen, die zu einer Teilnahme bereit wären, mich kurz unter marahlou@gmail.com zu kontaktieren. Ich sende Ihnen dann den Fragebogen zu. Vielen herzlichen Dank!
Marah Lippert