"Du bist doch so eine tolle Frau"
Mir ist tatsächlich einer über den Weg gelaufen. Erfolgreich. Schmuck. Großartiger Tänzer. Sexy. Wir sind zusammen ins Kino gegangen und ins Theater oder zum Essen, aber hauptsächlich waren wir abendfüllend toll. Das war in den dritten drei Monaten nach meiner Trennung. Eine Zeit, in der ich mich oft gefragt habe, warum der tolle Mann und ich nicht endlich Fahrtgeschwindigkeit aufnehmen. Wir trafen uns immer wieder, und irgendwann ist mir klar geworden, dass er und ich, dass wir beide so intensiv mit dem Tollsein beschäftigt waren, dass dabei alles andere auf der Strecke blieb.
Wir haben uns dekorative Anekdoten aus unserem Leben erzählt und von Reisen und eindrucksvollen Leuten gesprochen, aber offen waren wir nicht. Ich habe ihm gesagt, dass ich noch gar nicht über eine neue Beziehung nachdenke, aber dass ich mich am liebsten kopflos in ihn verlieben würde, habe ich natürlich für mich behalten. Ich wollte mir keine Blöße geben und nie diejenige sein, die zuerst anruft. Und er? Blieb in der Deckung. Nach all den Wochen wusste ich nicht wesentlich mehr über ihn als nach unserer ersten Begegnung. Es gab kein Risiko, keine Hingabe, keine Neugier, nichts von dem, was einen Mann für eine Frau aufregend macht und umgekehrt. Ganz abgesehen davon war der Typ einfach nur ein hübscher Angeber und trotzdem ein Geschenk des Himmels. Ich hatte Spaß mit ihm zu einer Zeit, die wenig Spaßiges zu bieten hatte. Vor allem aber hat er mir die Augen geöffnet: Seit dieser Episode weiß ich, wie ich nicht enden will.
Ich will nicht, dass mir die wirklichen tollen Männer durch die Lappen gehen, weil ich bei der Partnersuche nach merkantilen Gesichtspunkten vorgehe und vergeblich nach verborgenen Schätzen hinter Hochglanzverpackungen bohre. Würde ich weiterhin meine Zeit damit verbringen, möglichst makellos zu werden, damit es an mir nix zu meckern gibt, wäre absolut nichts gewonnen. Denn wenn ich irgendwann alle Gipfel des Tollseins erklommen hätte, müsste ich mich nur darüber empören, warum niemand das wirklich zu würdigen weiß und keiner mir gewachsen ist. Ich bin keine tolle Frau und will es auch nicht werden. Ich bin eine selbstbewusste Frau und manchmal eine traurige. Ich bin eine ratlose und überforderte Frau, eine ungehaltene Frau, eine zupackende Frau, eine fröhliche Frau. Und zwischendurch, zum Glück immer seltener, bin ich eine Frau, die daran verzweifelt, dass ihr Mann gegangen ist.
Die letzten drei Monate habe ich überwiegend damit verbracht, mir all das genauer anzuschauen. Ich entdecke eine ganze Menge Schwächen, und langsam lerne ich sie besser kennen. Noch mag ich sie nicht besonders. Aber da werde ich auch noch hinkommen. Und dann bin ich im Rennen. Wer Schwächen mag, hat auf der Suche nach dem richtigen Mann eine verdammt große Auswahl.













