Fernbeziehung: Nach dem Zusammenziehen

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Interview: "Ein Trainingslager für die Liebe"

Die Liebe auf Distanz ist viel besser als ihr Ruf. Peter Wendl, Diplom-Theologe und Kommunikationstrainer für Paare, über die Chancen einer zunehmend verbreiteten Beziehungsform

BRIGITTE: Er ist Banker in Frankfurt, sie Lehrerin in München. Welche Welt ist ihre gemeinsame Welt?

Peter Wendl: Wer sich unter der Woche als Single fühlt und nur am Wochenende als Paar auftritt, bekommt auf Dauer Schwierigkeiten in der Partnerschaft. Ich muss mir bewusst eine gemeinsame Welt aufbauen, indem ich auch aus der Ferne am Alltag des Partners teilnehme.

BRIGITTE: Aber wie kann ich den Alltag meines Partners teilen, wenn ich weit entfernt lebe?

Peter Wendl: Ich muss vom Bürostress erzählen, vom Kegelabend und von dem Buch, das ich lese. Ich muss erzählen, was mich unter der Woche beschäftigt, damit mein Partner weiß: Wer kommt da am Freitag? Sonst steht dann tatsächlich ein Fremder vor der Tür. Wenn ich den anderen teilhaben lasse am Alltag und darum ringe, dass auch er mich teilhaben lässt, entsteht aus der Bankerund der Lehrerwelt eine gemeinsame Welt.

BRIGITTE: Männer haben aber oft Schwierigkeiten, über ihre Gefühle und Gedanken zu reden.

Peter Wendl: Auch die Männer müssen lernen, sich mitzuteilen. Wenn eine Fernbeziehung funktionieren soll, gibt es keinen anderen Weg. Sie müssen sagen, warum sie gut oder schlecht gelaunt sind, warum sie keinen Bock auf ein Telefongespräch haben und was sie bewegt. Sonst passiert, was alle Paare fürchten: Man lebt sich auseinander und hat sich irgendwann nichts mehr zu sagen.

BRIGITTE: Welche Rolle spielt die Entfernung, in Kilometern gemessen?

Peter Wendl: Im Zeitalter von Flugzeug, Auto und Zug gibt es keine Kilometergrenze. Aber es gibt eine Zeitgrenze. Eine etwa viermonatige Trennung ist machbar, dann tritt eine emotionale und körperliche Erschöpfung ein - die gemeinsame Welt aufrecht zu halten wird verdammt schwer. Als Faustregel gilt, dass man für die Verarbeitung der Trennung etwa halb bis dreiviertel so viel Zeit braucht, wie die Trennung selbst gedauert hat.

BRIGITTE: Aber diese Zeit hat ein Wochenendpaar doch gar nicht!

Peter Wendl: Genau das ist ein Grundproblem dieser Beziehungsform. Wochenendpaare können den Beziehungs-Akku zwar öfter auftanken, aber an einem Wochenende kommt er nicht auf 100 Prozent, sondern auf 60 oder 70. Wochenendpaare brauchen alle ein, zwei Monate ein langes Wochenende, im Idealfall mit Freitag und Montag. Diese Zeitinseln führen zu einer deutlichen Steigerung der Beziehungszufriedenheit. Paaren, die sich diese Zeit nicht nehmen, muss ich klar sagen: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Beziehung langfristig scheitern wird. Jedes Paar braucht Zeitinseln, damit es nicht nur im Kopf merkt, wer mein Partner ist, sondern auch im Herzen fühlt, warum derjenige der meine ist.

BRIGITTE: Abstand und Nähe bekommen in einer Fernbeziehung eine neue Bedeutung. Was schafft Distanz, obwohl man beieinander ist?

Peter Wendl: Der Kopf sagt: Endlich bin ich bei der Person, die ich liebe. Auf der emotionalen Ebene sieht es anders aus. Ich muss mich erst wieder an den Partner gewöhnen, daran, wie er riecht, wie er sich anfühlt. Viele Distanz-Paare haben einen gemeinsamen Haupthaushalt. Trotzdem ist dort einer zu Hause, weil er dort lebt. Der andere kommt quasi zu Besuch. Für den Daheimgebliebenen heißt das: Es kommt jemand, den ich ersehne, den ich liebe, der aber letztlich in mein Leben eindringt. Und der Zurückkehrende kommt nicht nur nach Hause, sondern in die Lebenswelt des Partners. Rituale helfen, die Distanz zu überwinden und Nähe herzustellen, man könnte zum Beispiel beim Wiedersehen erst mal spazieren gehen. Für ein Gefühl des Heimkommens sorgen auch Kleinigkeiten. Wenn ich meine Zahnbürste, mein Deo und den Rasierapparat dort habe, bekomme ich leichter das Gefühl, daheim zu sein.

BRIGITTE: Und wie gelingen Vertrautheit und Nähe, wenn ich räumlich getrennt bin?

Peter Wendl: Einzig über Kommunikation. Ich muss mitteilen, worauf ich mich freue, was mich belastet. Mein Partner braucht das Gefühl, dass er mein Ansprechpartner Nummer eins ist. Es gibt übrigens Paare, die sich in der Entfernung näher sind als am gemeinsamen Wochenende, weil der getrennte Alltag von einer Sehnsucht nach Nähe getragen wird. Am Wochenende treffe ich aber nicht auf meine Sehnsuchtsprojektion, sondern auf eine reale Person, die vielleicht anders reagiert, als ich mir das ausgemalt habe.

BRIGITTE: Das klingt nach Kampf. Hat die Fernbeziehung denn gar keine Vorzüge?

Eine Fernbeziehung ist das Trainingslager schlechthin für jede Beziehung, weil ich lernen muss, über Gefühle zu reden. Wir leben in einer Selbstverwirklichungs-Generation. Paare sehen, dass sich Beziehung und Karriere nicht ausschließen, dass sie eine Beziehung leben und beruflich erfolgreich sein können. Fernbeziehungspaare können sich zunächst beruflich verwirklichen und, wenn die Zeit reif ist, die Sehnsucht nach Geborgenheit leben. Paare, die die Belastungen einer Fernbeziehung meistern, trennen sich langfristig viel seltener.

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  • Artikel vom 13.02.2006
  • Text: Ulrike Thomassen
    Interview: Madlen Ottenschläger
    BRIGITTE Heft 05/2006
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