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Zwei Generationen, viele Fragen: Erzähl doch mal!

Wie ist Großmutter Gudrun aufgewachsen? Was hat sie als Kind bewegt? Und wie wächst ihre Enkelin Matilda auf? Zwei Generationen, viele Fragen.

Die Großmutter: Gudrun, 74 Jahre, geboren in Darmstadt, war Kindergärtnerin und Lehrerin an einer Montessorischule. Sie lebt mit ihrem Mann im Hochtaunus, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.

Die Enkelin: Matilda, 14 Jahre, geboren in München, besucht die 8. Klasse eines musischen Gymnasiums. Sie ist Einzelkind und lebt bei ihren Eltern.

Aussichten

Was haben Sie gesehen, wenn Sie als Kind aus dem Fenster geschaut haben?

Drei Galgen. Ich war am Kriegsende mit meiner Mutter und meiner Schwester im Elsaß in einem ehemaligen Konzentrationslager untergebracht. In der Mitte standen drei Galgen, außen rum war Stacheldraht. Ich war sieben Jahre alt.

Was siehst du, wenn du aus deinem Fenster schaust?

Fünf Kirchtürme und einen Bach, der direkt an unserem Haus entlang fließt.

Lieblingsplätze

Wo war Ihr Lieblingsplatz?

Den gab es nicht, aber ich war immer gerne in der Nähe meiner Mutter. Wir wurden damals allerdings von unseren Müttern getrennt, weil Kinder nicht hinter Stacheldraht leben sollten. Man brachte uns in einem Haus außerhalb des Lagers unter. Die Väter waren im Krieg.

Wo ist dein Lieblingsplatz?

Immer da, wo ich mich wohl fühle, entweder mit Freunden draußen oder beim Lesen im Bett oder mit gutem Essen am Tisch.

Vorlieben

Was haben Sie als Kind am liebsten gemacht?

Mit Puppen gespielt, sehr lange und sehr intensiv. Meine Lieblingspuppe hieß Anna und hatte eine Glatze.

Was machst du am liebsten?

Schlittschuhlaufen, Filme gucken, ratschen, lachen, mit Freunden durch die Stadt schlendern und so.

Eltern

Wo sind Ihre Eltern aufgewachsen?

Meine Mutter ist im Elsaß aufgewachsen, mein Vater in Mainz und in Österreich. Ich habe ihn kaum erlebt. Ich war zwei, als er Soldat wurde, er kam nur zu Weihnachten und vielleicht mal zum Geburtstag nach Hause. Meine Eltern haben sich nach dem Krieg, als ich zehn war, scheiden lassen.

Wo sind deine Eltern aufgewachsen?

Mama ist in Deutschland geboren und in Brasilien aufgewachsen. Papa kommt aus Tübingen und dem Allgäu.

Träume

Was war Ihr größter Traum?

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich dass Papa wiederkommt und die Brüder, die im Internat waren. Aber der Wunsch, dass wir irgendwann einmal alle zusammen sind, hat sich nicht erfüllt.

Was ist dein größter Traum?

Mit einer Freundin nach Italien zu ziehen an den Strand, wo wir mit unseren Männern in zwei Häusern nebeneinander wohnen und gleichzeitig Kinder bekommen. Wir eröffnen einen kleinen Sportclub, in dem man tanzen, surfen und reiten kann. Die Sommer verbringen wir dort und die Winter in München.

Schlimme Erlebnisse

Was hätten Sie lieber nicht erlebt?

Einmal hat mein ältester Bruder seine Zigarette auf den Augen meiner Puppe ausgedrückt. Das hat mich wahnsinnig wütend gemacht. Er war traumatisiert aus russischer Kriegsgefangenschaft gekommen und sein Leben lang ein Zyniker.

Was hättest du lieber nicht erlebt?

Den Tag, an dem meine Eltern mir gesagt habe, dass sie sich trennen wollen. Ich war auch noch krank an dem Tag und das war einfach zu viel für mich. Sie waren ein Jahr lang getrennt, sind aber inzwischen wieder zusammen.

Selbstbetrachtung

Was hätten Sie gerne an sich geändert?

Ich habe mich immer so genommen, wie ich war und mich nicht hinterfragt. Die Generation meiner Eltern hat ja geschwiegen und nicht über sich gesprochen. Ich fand mich nicht perfekt, aber das war unwichtig.

Was würdest du gerne an dir ändern?

Ich kann ziemlich bestimmend und direkt sein. Ich merke zwar, wenn anderen etwas nicht passt, das ist mir aber dann auch egal. Und ich mag nicht, dass ich leicht in eine schlechte Stimmung rutsche, in der ich mich bemitleide.

Veränderungen

Was hätten Sie gerne an Ihren Eltern geändert?

Sie waren, wie sie waren. Wir wurden streng erzogen. Was meine Mutter sagte, das galt. Als meine Kinder in die Pubertät kamen, war das schwer für mich. Ich bin spät erwachsen geworden, habe lange gebraucht, bis ich gelernt habe, Dinge in Frage zu stellen. Aus Selbstschutz wollte ich immer nur Positives sehen. Ich hatte als Kind schon genug Negatives erlebt.

Was würdest du gerne an deinen Eltern ändern?

An Papa, dass er nicht gleich reagiert, wenn er verletzt ist, bis dann das Fass überläuft und er explodiert. Und an Mama, dass sie mir immer neue Aufgaben stellt, die sich anhäufen, wenn ich sie nicht gleich erledige. Irgendwann komme ich nicht mehr hinterher.

An Ihren Lehrern?

Meine Mutter war Lehrerin und ich ein Jahr lang Schülerin in ihrer Klasse. Das war nicht einfach für mich. Ich musste immer alles wissen. Und die späteren Lehrer waren alle boshaft, mein Englischlehrer ein wirklicher Zyniker. Sie waren alle seelisch vom Krieg geschädigt.

An deinen Lehrern?

Manche Lehrer sind Fachidioten und verstehen nicht, dass es noch etwas anderes gibt, als Schule.

Und an der Welt?

Dass nicht geschossen wird. Ich wollte, dass Frieden ist und alle lieb zueinander sind.

Und an der Welt?

Die Menschen sollten mehr Initiative ergreifen und etwas ändern, anstatt dauernd zu sagen, es hilft ja doch nichts. Man kann ja im Kleinen bei sich selber anfangen.

Weltanschauung

Was hätten Sie gerne erfunden?

Eine kleine Kiste mit Motor, die man sich auf den Rücken schnallt, um davonzufliegen. Ich wollte einfach nur mal weg.

Was würdest du gerne erfinden?

Einen fliegenden Sessel mit ganz viel leckerem Essen und allen DVDs, die ich sehen will und Platz für meine Freunde... dann fliegen wir eine Runde ins Ungewisse.

Was haben Ihnen Ihre Eltern aus ihrer Kindheit erzählt?

Sie sind sehr streng erzogen worden. Meine Mutter musste vor ihren Eltern herlaufen mit einem Stock im Rücken, damit sie nicht krumm ging.

Was haben dir deine Großeltern aus ihrer Kindheit erzählt?


Die Eltern von Papa haben sich auf einer Zeltreise verliebt. Die Eltern von Mama erzählen nicht viel, da weiß ich eigentlich gar nichts.

Abenteuer

Was war das größte Abenteuer Ihrer Kindheit?

Das Leben war abenteuerlich genug. Als ich dreizehn war, bin ich mit meiner Kusine im Auto vom Elsaß nach Darmstadt gefahren. Das war wunderbar, diese kurvenreichen Straßen zu fahren. Am Steuer saß ein Freund meiner Kusine. Wir saßen hinten und waren sehr vergnügt.

Was war bisher dein größtes Abenteuer?

Ich erinnere mich noch, wie ich mit fünf Jahren alleine von Frankfurt nach München geflogen bin. Ich habe ganz viele Gummibärchen bekommen und wurde in einem gelben Wagen durch den Flughafen kutschiert. Alle haben mich angelacht und mir zugewunken.

Der größte Wunsch

Was haben Sie sich am meisten gewünscht?

Ich war zufrieden mit dem was wir hatten und habe nichts entbehrt. Aber ich habe mich auch gerne schön gemacht und hätte mir schon mal ein schönes Kleid und schöne Schuhe gewünscht. Meine Mutter hat uns einmal ein Dirndl aus bunt karierter Bettwäsche nähen lassen.

Was wünschst du dir am meisten?

Nichts Materielles, sondern glücklich zu sein und Spaß zu haben.

Glück

Worüber haben Sie sich am meisten gefreut?

Zu meinem elften Geburtstag schickte mir mein Vater Wolle, ein Tuch und Schokolade. Das war das größte, ein Päckchen von ihm zu bekommen.

Worüber freust du dich am meisten?

Über kleine Sachen, zum Beispiel eine SMS von jemandem, der an mich denkt. Und wenn Papa mir Frühstück ans Bett bringt. Und wenn Freunde mich besuchen, wenn ich krank bin.

Unmut

Was hat Sie am meisten gestört?

Schülerin in der Klasse meiner Mutter gewesen zu sein. Sie war Lehrerin im Dorf und wir waren bestimmt 40 Kinder. Ich musste immer alles wissen.

Was stört dich am meisten?

Leute, denen immer alles egal ist, die sich dauernd langweilen, nur rumsitzen und denen nie was einfällt.

Furcht

Wovor haben Sie sich gefürchtet?

Vor dunklen Kellern. In Berlin mussten wir als Kinder immer in den Luftschutzkeller gehen. Wenn die Sirenen heulten, mussten wir uns ganz schnell anziehen. Da saß man dann im Keller und wartete bis es vorbei war. Es wurde nicht viel geredet. Ich hatte ein kleines Lederköfferchen mit meiner Puppe und einem Teddy drin, den ich immer mitnahm. Später erfuhr ich, dass meine Mutter Wertsachen in die Puppe und den Teddy eingenäht hatte, Bargeld und die goldene Uhr meines Vaters.

Wovor fürchtest du dich?

Nachts auf den Dachboden zu gehen, um die Wäsche aufzuhängen. Wenn ich die Taschenlampe vergesse, ist es da stockfinster und ich stolpere und höre Fledermäuse flattern. Das ist gruselig.

Lieblingsmusik

Welche Musik haben Sie gerne gehört?

Vor meinem zwölften Lebensjahr gab es keine Musik bei uns. Wir hatten kein Radio und keinen Plattenspieler. Meine Mutter hat eines Tages für hundert Mark (was ein Vermögen war) ein Klavier gekauft und damit das Loch in der Wand verdeckt. Von da an ging es uns besser. Sie hat Schumann gespielt, das habe ich sehr gerne gehört.

Welche Musik hörst du gerne?

Ich habe keine Lieblingsmusik, höre alles durcheinander je nach Stimmung.

Lieblingsessen

Was haben Sie am liebsten gegessen?

Ich hatte nie Hunger. Man hat mich regelrecht stopfen müssen. Ich kann mich wirklich nicht an eine Lieblingsessen erinnern.

Was isst du am liebsten?

Alles was mit Freude zubereitet ist, besonders Gnocci mit Tomatensauce, Sushi und japanische Suppen, Auberginenpaste und viel Gemüse.

Interview: Beatrix SchnippenkoetterFoto: Anne Wirtz

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