Fußball-EM 2012

Zusammen Fußballgucken: Ein Paar packt aus

Moderne Paare machen heute ja fast alles gemeinsam. Vampirfilme schauen, Auto reparieren, Kosmetik kaufen und natürlich: Fußballgucken. Was Frau und Mann dabei wirklich denken, das verraten die "Stromberg"-Autoren Sonja Schönemann und Ralf Husmann.

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Das sagt ER:

Foto: sturti/istockphoto.com

Kurz vor der letzten EM fühlte ich mich wie Michael Ballack. Ich hatte keinen Spaß mehr am Fußball. Bei Ballack lag's an Löw, bei mir an Ramona.

Meine Freundin hatte zwei Wochen vor dem Eröffnungsspiel einen Spielplan gemacht. "Die Deutschen gucken wir bei Jana!", verkündete sie.
Am Arsch, dachte ich, sagte aber nichts.
"Jana", dozierte meine Freundin, "hat doch den Beamer!"

Jaa, aber Jana hat auch den Finn. Der Finn ist drei, hyperaktiv und hat mir beim letzten Mal auf die Hose gebrochen. Die Jana hat außerdem den Patrick. Der ist 34, Golfer, und glaubt, zum Grillen bräuchte man kein Fleisch. Patrick interessiert sich einen Scheiß für Fußball. Beim letzten gemeinsamen Fußballabend wollte er in der 82. Minute "mal sehen, was sonst noch so kommt", und hat umgeschaltet!!

"Och", entgegnete ich also meiner Freundin, "ich hab gedacht, wir gucken bei Möhre." Möhre ist bei großen Turnieren gesetzt wie Manuel Neuer.
"Bei Möhre können wir ja die doofen Spiele gucken", fand die derzeitige Frau meines Lebens. Die doofen Spiele sind die, wo Spieler spielen, von denen Ramona keine Sammelbildchen hat bzw. haben will. Zwei Wochen vor dem Turnier hatte ich ihr noch nicht gesagt, dass weder Frederik Ljungberg noch Alessandro Del Piero dieses Mal dabei sein würden. Vor vier Jahren war sie plötzlich für Tschechien wegen Milan Baros. "Süß", hieß es, und "Guck mal, wie der lacht!" So gucken Frauen Fußball.

Keine Frau hätte sich je ein Panini-Bildchen von Horst Hrubesch besorgt. Nicht mal Frau Hrubesch.

Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Fußballer noch Gerd Müller hießen, Horst Hrubesch oder Katsche Schwarzenbeck. Und genauso sahen die auch aus. Keine Frau hätte sich je ein Panini-Bildchen von Horst Hrubesch besorgt. Nicht mal Frau Hrubesch. Keine Frau hätte vor dem Bildschirm geklebt, wenn Gerd Müller auf den Gedanken gekommen wäre, sich nach einem Tor das Trikot von der Wampe zu zerren. Aber darauf wäre er eh nie gekommen. Damals war Fußball noch ein Männersport. Die auf dem Rasen sahen im Prinzip so aus wie die auf den Rängen.

Heute heißen deutsche Spieler Mario Gomez, und selbst einer, der Schweinsteiger heißt und im Prinzip auch so aussieht, trägt coole Klamotten, hat eine Modelfreundin und wirkt ohne Trikot wie ein Praktikant bei den California Dreamboys.

Fußball zu gucken, weil die Spieler gut aussehen, ist wie Pornos zu gucken, weil die Frauen so schlau sind. Scheiße ist das! Wie soll man da vor der Glotze ohne schlechtes Gewissen Würstchen essen und Bier trinken? Die alte Nummer mit "Dann erklär mal Abseits!" kontert Ramona seit dem letzten Turnier cool mit: "Dann erklär du mal Menstruation!" Und schon steht's 1:0 für sie.

Aber ich finde, Mann und Frau sind nun mal nicht die Jacob Sisters, die ein Leben lang alles, alles, alles immer zusammen machen müssen. Ramona und ich sind allerdings auf dem Weg in genau diese Richtung. Es fehlen nur noch die Hunde. Sie guckt mit mir Fußball, und ich guck mit ihr Vampirfilme, sie hilft beim Ölwechsel, und ich topf den Hibiskus mit um, sie trägt meine Oberhemden, und ich benutz ihre Nachtcreme. So was endet irgendwann in Swinger-Clubs, wo die Frau dann auch beim Fremdgehen noch mit dabei ist. Irgendwo muss aber mal Schluss sein!

Und die EM wäre ein guter Anfang gewesen. Kein Public Viewing für alle, sondern schön getrennt: Men Viewing mit Grilling, Drinking, Rülpsing und Delling beim Bullshittalking. Ganz woanders: Women Viewing. Zum Beispiel bei Jana. War zu Hause aber nicht durchzukriegen.

Stattdessen eben Halbfinale mit Finn und gegrilltem Gemüse auf dem Schoß! Ich kann nur hoffen, dass Finn zur WM die Masern hat. Oder ich muss mich demnächst für einen Sport begeistern, der bei Frauen nicht so ankommt. 50 Kilometer Gehen, zum Beispiel. Oder Frauenfußball.

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  • Text: Sonja Schönemann, Ralf Husmann
    (Auszug aus dem Buch "Die Kiste der Beziehung - Wenn Paare auspacken", Fischer Verlag)