Der heimliche Liebeskummer
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Vielleicht muss man, um ein Unglück in den Griff zu bekommen, sich einmal ganz darauf einlassen, in die Tiefe seiner Seele absinken, um dann wieder aufzutauchen. Doch ich erlaubte mir nie, richtig um Sebastian zu trauern, aus Angst, entdeckt zu werden. Ich weinte gelegentlich auf dem Klo im Büro, wenn der Kloß im Hals zu dick wurde. Heimlich surfte ich im Internet, las in Chatforen, was andere verlassene Frauen gegen ihren Schmerz unternahmen. Doch ich bekam mein Unglück nicht in den Griff. "Warum bist du so traurig?", fragten mich meine Kinder. Und ich mogelte mich heraus: mit Heuschnupfen für die verquollenen Augen, mit zu viel zu tun für die Niedergeschlagenheit, mit schlecht geschlafen für die Gereiztheit.
Nach einem knappen halben Jahr hielt ich es nicht mehr aus. Ich rief meine Uralt-Freundin in Würzburg an und erzählte ihr alles. Plötzlich war es mir egal, was sie darüber dachte. Es machte mir nichts mehr aus, ob sie mich für meinen Seitensprung verurteilen würde. Sie aber sagte nur: "Komm her." Drei Tage verschob ich die Trauer noch, dann packte ich meinen Koffer mit all den Dingen, die Sebastian mir im Laufe der Zeit geschenkt oder geschickt hatte: Mails, Fotos, CDs. Abends auf dem Sofa erzählte ich ihr alles: von der Liebe und dem Schmerz, vom Ende und der Heimlichkeit. Anfangs klang meine Stimme in meinen Ohren faktisch und ruhig, fast emotionslos. Immer noch sah ich mir selbst von oben zu. Und plötzlich kamen die Tränen. Sie ließ mich reden und weinen, und ich merkte, wie ich allmählich wieder eins wurde, wie sich der funktionierende Automat wieder in eine Frau mit Seele verwandelte. Abends las ich die Mails, wühlte in den Fotos, packte alles in einen Karton und deponierte Sebastians Relikte im Keller meiner Freundin. So konnte ich sie aufheben, ohne dass sie je einer finden würde. Von da an ging es mir besser. Nicht, dass die miesen Gefühle einfach weg gewesen wären. Meine Trauer musste ich auch weiterhin portionieren und vor meiner Familie verheimlichen. Aber ich hatte etwas Wichtiges gespürt: nämlich die Tiefe meines Unglücks. Und die Möglichkeit, sie zuzulassen, wenigstens einmal.













