Der heimliche Liebeskummer

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Interview: "Wer heimlich trauert, lernt auch seine Stärken kennen"

Warum es besser ist, im Verborgenen zu leiden: ein Gespräch mit dem Autor und Psychoanalytiker Dr. Wolfgang Schmidbauer

BRIGITTE: Wer heimlich geliebt hat, wagt es konsequenterweise auch nicht, offen zu trauern. Funktioniert das?

Schmidbauer: Absolut. Ich plädiere immer dafür, solchen Liebeskummer heimlich oder bestenfalls mit einer eingeweihten Freundin durchzustehen. Das ist in jedem Fall das kleinere Übel, als damit an die Öffentlichkeit zu gehen oder gar den Partner mit dem Ende der Nebenbeziehung zu belasten. Das halte ich für unfair und nicht besonders verantwortungsbewusst. Damit würde die Betroffene noch viel mehr kaputt machen - und die noch bestehende Beziehung mit aufs Spiel setzen.

BRIGITTE: Ist es schwerer, Liebeskummer allein, ohne Unterstützung, zu bewältigen?

Schmidbauer: Nicht schwerer - aber anders. Hinter heimlichem Kummer steckt ein interessanter Mechanismus. Während die Fremdbeziehung anhält, quälen sich die meisten Fremdgeher mit Vorwürfen. Die verschwinden ja nicht einfach, nur weil die Beziehung beendet ist. Der Verrat bleibt bestehen. Viele halten deshalb an ihrem Liebeskummer fest, um ihre Schuld zu sühnen. Nach dem Motto: "Ich bin fremdgegangen. Jetzt geschieht es mir recht, dass ich so leide."

BRIGITTE: Wird man denn auf diese Weise wenigstens das schlechte Gewissen los?

Schmidbauer: Nein. Man kann es nicht durch Schmerz abgelten. Da hilft nur: geduldig warten, bis das Gewissen Ruhe gibt - und irgendwann auch der Kummer. Letztlich kann man daran auch wachsen. Ich gebrauche manchmal eine Metapher für den heimlichen Liebeskummer: Diese Liebe stirbt wie ein Tier, das sich in einen Winkel verkriecht und nicht gesehen werden will. Das hat etwas Einsames, aber auch Heroisches.

BRIGITTE: Macht einsames Trauern stärker?

Schmidbauer: Ja. Weil Menschen damit neue Seiten an sich entdecken. Es braucht Willen, Stärke und Autonomie, um eine heimliche Liebesbeziehung zu beginnen. Dieses Lebensgefühl sorgt für einen Höhenflug. Wenn dann die Liebe stirbt, fehlt einem zunächst die Luft unter den Flügeln, weil plötzlich dieses Gefühl der Autonomie weg ist. Die Trauer allein zu verarbeiten bedeutet aber, dass man sich ein Stück dieses Lebensgefühls zurückholt, sich seines Willens bewusst wird, seine Stärken kennen lernt. Und das kann ein echter Gewinn für die Persönlichkeit sein.

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  • Artikel vom 14.09.2007
  • BRIGITTE Heft: 20/07
    Protokoll/Interview: Nadja Toller
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