Intersexualität: Wie sollten Eltern sich verhalten?

Für Eltern ist ein intersexuelles Kind zunächst ein Riesenschock. Aber für die Kinder ist ihre Intersexualität oft weniger schlimm, sagt Professor Dr. Hertha Richter-Appelt, Sexualforscherin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

BRIGITTE: Fast jeden Tag kommt in Deutschland ein Kind auf die Welt, bei dem man nicht sagen kann, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Manche der Eltern kommen sich vor, als hätten sie ein Monster geboren - wie kann man ihnen dieses Gefühl nehmen?

Dr. Hertha Richter-Appelt: Für die meisten Eltern ist ein intersexuelles Kind zuerst ein Riesenschock. Ein Arzt oder Psychologe sollte versuchen, ihnen die Angst zu nehmen. Er sollte deutlich machen, dass es sich bis auf wenige Ausnahmen nicht um einen medizinischen Notfall handelt.

BRIGITTE: Wie können Eltern die Zeit durchstehen, in der sie das Geschlecht ihres Kindes offenlassen?

Dr. Hertha Richter-Appelt: Das psychosoziale Geschlecht sollten Eltern auf keinen Fall offenlassen. Sie müssen - je nachdem, welches der beiden Geschlechter überwiegt - das Kind entweder als Junge oder als Mädchen erziehen. Damit es weiß, auf welche Toilette es gehen darf und ob es beim Spielen in die Mädchen- oder in die Jungengruppe gehen kann. Für ein Kind ist das sehr wichtig.

BRIGITTE: Nimmt ein Kind Schaden, wenn seine Eltern sich vorerst gegen einen operativen Eingriff entscheiden?

Dr. Hertha Richter-Appelt: Ich glaube, es ist unmöglich, ein intersexuelles Kind ohne irgendeine Schwierigkeit großzuziehen. Ich habe mit vielen Intersexuellen gesprochen, die unglücklich darüber sind, dass sie als Kind operiert wurden. Niemand weiß, ob sie sich auch beklagen würden, wenn nichts gemacht worden wäre. Wichtig ist, Experten zu Rate zu ziehen und sich jeden einzelnen Fall genau anzuschauen. Bei manchen Kindern stellt sich erst in der Pubertät heraus, was sie sein wollen. Mit Operationen sollte man daher warten, bis das Kind mitentscheiden kann - außer der Eingriff ist lebensnotwendig.

BRIGITTE: Aber bis es soweit ist, bekommt jeder mit, dass das Kind anders aussieht.

Dr. Hertha Richter-Appelt: Für Kinder ist das häufig weniger schlimm als für die Eltern. Besonders die Erwachsenen müssen aufgeklärt werden, wie sie mit der Situation am besten umgehen.

BRIGITTE: Wie oft kommt es vor, dass Kinder, die operiert wurden, später das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben?

Dr. Hertha Richter-Appelt: Es gibt viele intersexuelle Menschen, die mit dem, was mit ihnen gemacht wurde, unzufrieden sind. In den seltensten Fällen äußern sie jedoch den Wunsch, sich umoperieren zu lassen. Viele hätten einfach gern einen unauffälligeren Körper, sie klagen beispielsweise über breite Schultern, Brüste, große Füße oder einen stämmigen Körperbau. Diese Menschen hadern damit, überhaupt betroffen zu sein.

BRIGITTE: Gibt es so etwas wie ein drittes Geschlecht, eine Zwitteridentität?

Dr. Hertha Richter-Appelt: Es gibt Menschen, die sagen, sie fühlen sich dazwischen. Sie möchten weder als Mann noch als Frau bezeichnet werden und fordern die Einführung eines dritten Geschlechts. Ich folge dem nicht, weil es so viele unterschiedliche Gründe dafür gibt, warum ein Mensch intersexuell auf die Welt gekommen ist, jeder von ihnen fühlt etwas anderes und sieht sich anders. Wenn man jede einzelne Konstellation einem speziellen Geschlecht zuordnen würde, wären wir bei sieben oder noch mehr Gruppen. Generell kann man sagen: Ein intersexueller Mensch bleibt ein Leben lang beides, bei manchen ist das ausgeprägter, bei anderen nur ganz leicht zu merken. Denn egal, wie die Geschlechtsorgane und der Körper dieses Menschen aussehen oder was mit Operationen und Hormonen bewirkt wurde - auch das Gehirn spielt beim Thema Geschlecht eine wichtige Rolle. Und an dem kann man nichts ändern.

Interview: Katrin Schmiedekampf Foto: Getty Images BRIGITTE 02/10

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ein Problem entsteht für intersexuelle Kinder m.E. erst durch die gesellschaftlichen Zuschreibungen und Definitionen des angeblich biologischen Geschlechts. Ich glaube auch, dass sich Vieles im Kopf abspielt. Trans-und Intersexuelle Menschen, aber im Grunde alle Menschen hätten es vielleicht einfacher im Leben, wenn wir unsere Zugehörigkeit nicht so intensiv an Geschlechternormen festmachen würden! Viele Schmerzhafte und falsche Operationen hätten in der Vergangenheit nicht sein müssen, wenn wir nicht scheinbar so sehr auf die Einortbarkeit in "Mann" oder "Frau" angewiesen wären um uns selbst verhalten zu können! Ein spannendes und wichtiges Thema. Und gut, dass es langsam mehr in die Öffentlichkeit rückt. Es gibt viel mehr Menschen als man denkt, die sich in ihrem zugewiesenem "Geschlecht" ,oder den, ihm zugeordneten Rollen nicht zuhause fühlen. Die Gründe dafür sind so vielschichtig wie die Menschen.

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Für Eltern ist ein intersexuelles Kind zunächst ein Riesenschock. Aber für die Kinder ist ihre Intersexualität oft weniger schlimm, sagt Professor Dr. Hertha Richter-Appelt, Sexualforscherin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

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