Sven Hillenkamp: "Ständiges Vergleichen macht liebesunfähig"
BRIGITTE.de: Weil die Welt an uns vorüberzieht, auch wenn wir selbst uns nicht bewegen.
Sven Hillenkamp: Genau. Wir müssen gar nicht aktiv suchen, weil wir auch so permanent mit anderen, ständig wechselnden Menschen konfrontiert werden. Die Welt verflüssigt sich. Und es liegt nicht in unserer Macht zu sagen: Das Strömen, das Vorüberziehen soll jetzt aufhören. Wir müssen permanent unser Lebensarrangement mit den Optionen vergleichen, die vorbeiziehen.
BRIGITTE.de: Und ziehen dabei meist den Kürzeren...
Sven Hillenkamp: Das Problem ist, dass der Einzelne nicht mehr unterscheiden kann: Was bin ich und was ist die Welt? Wenn etwas nicht klappt, dann denken wir: Es klappt nicht, weil ich ein Motivationsproblem habe, mich nicht genug angestrengt habe.
BRIGITTE.de: Sollten wir unsere Ansprüche reduzieren?
Sven Hillenkamp: Wer das macht oder sich dazu zwingt, tappt schon wieder in die Falle der unbegrenzten Möglichkeiten: Bei mir klappt es nicht, weil ich meine Ansprüche noch nicht genügend reduziert habe. Ich müsste mehr Yoga machen, mehr meditieren, weniger arbeiten. Ich bin unreif...
BRIGITTE.de: Was ist Ihre Lösung?
Sven Hillenkamp: Eine vorgekaute Lösung kann ich nicht geben. Was ich mir aber wünsche, ist, dass die Menschen durch das Buch ein bisschen Last und Scham von der Schulter genommen bekommen. Wir freien Menschen empfinden ja eine doppelte Scham. Einerseits schämen wir uns, weil wir nicht das Optimale erreicht haben. Und dann schämen wir uns zusätzlich, weil wir ständig versuchen, das Optimum zu erreichen, und uns deswegen als narzisstisch und neurotisch begreifen. Wer sich bewusst macht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die alle Menschen mit der Unendlichkeit konfrontiert und dass die unendliche Sehnsucht und Scham kein persönliches Reifeproblem sind, dem ist schon viel geholfen. Wir müssen also die Zwänge der Freiheit wahrnehmen. Es ist doch so: Wenn ich vor einer Mauer stehe, dann sehe ich den Zwang. Die Zwänge der Freiheit aber sind unsichtbar. Zu begreifen, dass es etwas außerhalb von mir gibt, das eine sehr große Kraft entfaltet und nicht meiner Kontrolle untersteht, ist zwar keine Lösung. Aber eine Erleichterung.
BRIGITTE.de: Sie schreiben, dass wir alle eine Beziehung mit allen leben, was ebenfalls die Liebe bedrohe. Wie ist das gemeint?
Sven Hillenkamp: Ich glaube, dass wir freien Menschen nicht nur einen perfekten Partner suchen, sondern, dass wir ein Vielwesen suchen. Wir sind schon so vielen Menschen begegnet: Menschen, die gut küssen können. Gut zuhören. Gut aussehen. Im Kopf entsteht dann ein Vielwesen, das all diese Eigenschaften vereint. Die Bedrohung wächst außerdem aus der Wiederholung. Das Klischee ist ja, dass Menschen, die sich binden und ein bürgerliches Leben führen, sehr viel mehr Wiederholung in ihrem Leben erfahren als Menschen, die sich treiben lassen, die reisen, eine Art Künstlerleben führen. Meine Beobachtung ist eine andere. Die, die sich treiben lassen, erfahren mehr Wiederholung, gerade dann, wenn man es auf die Liebe bezieht. Diese Menschen treffen einen anderen Menschen, haben eine kurze Beziehung. Vier-, fünfmal nehme ich die Fülle meines Gegenübers wahr, erkenne ihn als Individuum. Dann aber setzt das Wiederholungsgefühl ein. Schon wieder ein One-Night-Stand. Schon wieder sitze ich mit Wein in der Kneipe, erzähle jemandem mein Leben. All die Dinge, die für uns zur romantischen Einzigartigkeit einer Begegnung gehören, werden zu Wiederholungen. In diesem Moment gibt es keine romantische Liebe mehr. In dem Moment, in dem wir uns quasi von außen beobachten, merken, ich erzähle schon wieder diesen einen Scherz, den ich schon so oft erzählt habe am Anfang einer Beziehung, in diesem Moment kippt es.
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am um
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Klee
am 13.09.09 um 14:35
Herr Sven Hillenkamp schrieb zwei sehr kluge Sätze " Ich müsste mehr Yoga machen, mehr meditieren, weniger arbeiten. Ich bin unreif... "
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ay
am 09.09.09 um 18:05
Sven Hillenkamp bringt die Phänomene der Paar- und anderer Beziehungen, in die wir Menschen miteinander treten, auf den Begriff, bzw. auf eine unübliche Gruppe von Begriffen, die wir bisher noch nicht als Kurantmünze herumgeboten gesehen haben. Mit Hilfe dieser Begriffsklaviatur wird das eigene Beziehungsgeflecht auf eine sehr interessante Weise neu handhabbar und verstehbar, und mit Sicherheit auch "schuldloser" analysierbar. Ob die von Herrn Hillenkamp eingeführten Begriffe und Sehweisen ein langfristig tragfähiger Standard werden, wird sich dann ja weisen. Der Lackmustest wird sein, ob, auf den leidvoll verfahrenen Einzelfall angewandt, seine Begriffs- und Sehweisen zu einer tragfähigen Lösung beizutragen vermögen, oder ob sie nur zur Diskussion auf der Metaebene brauchbar sind. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall reinziehen.
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einewiekeine
am 05.09.09 um 21:47
Mich hat das Interview auch sehr angesprochen, weil ich vieles ähnlich empfinde. Vieles in der Liebe bleibt vorläufig, es gibt keine Entscheidung für den anderen, man bleibt auf der Suche, lässt sich nicht wirklich ein weil man ja nicht weiß, ob man nicht doch noch etwas Besseres findet - und verpasst dadurch vielleicht wirklich zu lieben. Ich finde schon, dass sich das sehr gewandelt hat in den letzten Jahren, dieses ständige Gefühl der Austauschbarkeit kenn ich von früher wirklich nicht, da hat man sich noch mit dem Menschen beschäftigt, der vor einem stand - ohne im Hinterkopf zu haben, es gäbe ja noch unzählige andere Optionen...
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LaPinta
am 04.09.09 um 17:15
Ich finde das, was ich in diesem Interview vom Autor lese, reichlich populistisch und oberflächlich. Aber es passt halt in diese Zeit... bzw. zu dem, was er sich zurechtgelegt hat. ;-)
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Tina
am 04.09.09 um 08:46
Herr Hillenkamp spricht mir aus der Seele! und nicht nur, dass man selber den Partner mit anderen vergleicht, die Umwelt tut es auch. Wie oft hört man, ob das denn wohl wirklich der richtige ist. Alles soll perfekt sein, auch der Partner. Und dann noch die unbegrenzten Möglichkeiten im Internet nach dem "Richtigen" zu suchen. Ich finde es schwer, sich dem zu entziehen. Dabei liebe ich meinen Lebensgefährten von ganzem Herzen. Und so soll es auch bleiben!
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bauschundbogen
am 03.09.09 um 22:49
Wohltuend, danke! Ich dachte schon, ich steh allein mit meinem Unbehangen an der gegenwärtigen Beziehungskultur.
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noemie
am 03.09.09 um 22:11
Das ist der interessanteste und klügste Artikel, den ich seit langem über Liebe und Beziehungen gelesen habe. Viele Aussagen kann ich aus eigenen Erfahrungen heraus unterschreiben. Einiges ergibt mir einen neuen, schlüssigen Blickwinkel auf Erlebtes - ich bedanke mich dafür!
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TanteHotte
am 03.09.09 um 05:05
@stevie
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Coco-Lores
am 02.09.09 um 17:07
hervorragender artikel.
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man-fred
am 02.09.09 um 08:30
Liebe!
mehr (14)Und auch das ist mein Fazit : Es ist spannend seinem brainstorming zu folgen, warum daraus schon ein Buch gemacht wurde und wem das außer dem Autoren Taler etwas bringen soll, erschließt sich mir nicht.
Es ist eine Versuchserklärung für das persönliche Unglücklichsein und das Scheitern von Glückfinden und Partnersuche mancher Menschen.
Im Moment scheinen solche Bücher en vogue zu sein : Autoren in Hoffnung auf Kontemplation Meditation und Erleuchtung..
Unausgegoren finde ich das was ich hier lese.
Ja, wir haben heute viel mehr Wahlfreiheit als die Generationen vor uns. Aber der Autor widerspricht sich selbst, wenn er einerseits von der romantischen Liebe spricht (die ja noch gar nicht sooo lange gesellschaftsfähig ist, früher - und heute noch in anderen Kulturen - gab/gibt es die Vernunftehe) und andererseits von den vielen Verlockungen und Ich-kann-noch-mehr-haben-Gedanken. Denn ich bin der Ansicht, wer liebt (ja, gerade romantisch), der kann diese anderen Verlockungen ganz gut ausblenden, ohne dass es ihm Mühe bereitet. Aber vielleicht verwechselt der Autor ja Verliebtheit mit Liebe, mit typisch deutschen "Liebeskomödien", Hera Lind & Co ...?
Liebe, die sich aufbraucht? Das klingt irgendwie so traurig. Kann man da im Zweifelsfalle nicht einfach ein wenig nachschütten?
Mann oder Frau brauchen für das Ego ein Gegenüber das sie vorzeigen können.
Aber ob wirklich Liebe im Spiel ist,ist nicht so sicher.
In 20 Jahren habe für über 1000 Paare(vom Jugendlichen bis zum Pensionisten,Verliebte und Geschiedene) Berechnungen angestellt,wo festgestellt wird wie gut Paare im "körperlichen,seelischen und geistigen Bereich" zusammenpassen,bzw. was sie trennt!
Alle die sich geschieden oder getrennt haben,hätte ich voraussagen können!
Liebe,gibt es oder gibt es nicht,nur viele verwechseln den ersten Sex mit Liebe.
Natürlich gibt es auch Beziehungen nach dem Motto:"Gegensätze ziehen sich an"