Leseprobe: "Das Ende der Liebe" von Sven Hillenkamp
Die freien Menschen, die permanent wählen müssen, verfeinern ihren Geschmack. Auf diese Weise wollen sie alles Enttäuschende vermeiden, das früher Beglückende wieder finden – ob es sich um Weine, Filme oder Menschen handelt. Die Unendlichkeit ist immer auch die Unendlichkeit des Schlechten, Enttäuschenden. Die Menschen wollen keine Zeit mehr verschwenden. Sie haben schon zu viel verschwendet. Sie sind schon zu oft enttäuscht worden. Sie wollen sich schützen. Also brauchen sie einen verfeinerten Geschmack, um handlungsfähig zu bleiben, um effizient und so gut es geht geschützt zu sein.
Darum sind die freien Menschen Kenner – Weinkenner, Filmkenner, Menschenkenner. Je weiter der Horizont der Möglichkeiten sich vor ihnen öffnet, umso enger wird ihr Blick. Die Überheblichkeit der Menschen, ihr Überdruss und allgemeiner Vorab-Ekel sollen ihnen helfen, das unmenschlich Maßlose wieder aufs Menschliche zu reduzieren, die Unendlichkeit auf ein Endliches, vielmehr: die gemischte, auch schlechte Unendlichkeit auf die Unendlichkeit des Guten und Beglückenden zu reduzieren und eine Wahl zu treffen. Im Fall der Liebe aber überschreitet der feine Geschmack notwendig seinen Gegenstand. Es gibt Spitzenweine, Spitzenfilme, aber keine Spitzenmenschen.
Das liegt daran, dass ein Mensch Tag für Tag genossen werden muss, nicht einmal, nicht ab und zu. Es liegt daran, dass Menschen vielgestaltiger sind als Weine und Filme, dass auch der feinste Mensch ein Ungeheuer ist, das seine Nächsten terrorisiert. Es liegt schließlich daran, dass derjenige, der einen sucht, der seinem Geschmack entspricht, diesem schon vorab alles nimmt, was ihn doch ausmachen soll: die Einzigartigkeit, die sich noch in keinem Geschmack abgebildet hat (die Menschen suchen ja weiterhin nach der Einzigartigkeit, auch wenn sie in der Realität jede Einzigartigkeit enttäuschend finden); eine Überraschung, ein Bruch durch etwas Unbekanntes zu sein; eine Überschreitung des Liebenden, der im Anderen eine Unendlichkeit sehen will, keine Entsprechung seines eigenen - notwendig beschränkten - Geschmacks. Denn Geschmack, das bedeutet ja: Ausschluss, Genauigkeit, Endlichkeit. Der Geliebte aber muss ein Unübersehbarer sein. Ohne Adjektiv. »Und? Wie ist er?« »Unbeschreiblich.« Die Liebe ist eine Geschmacklosigkeit. Oder sie ist gar nicht.
Zum Weiterlesen:
Sven Hillenkamp: "Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit". dtv, 304 S., 9,90 Euro
Zum Autor:
Sven Hillenkamp, 40, ist freier Autor. Er studierte Politik, Soziologie, Geschichte, Philosophie und Islamwissenschaft in Bonn und Berlin und arbeitete als Redakteur bei der »Zeit«. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Stockholm.













