Männer in der Krise: Jetzt reißt euch mal zusammen!

Der Mann ist in der Krise. Und wir Frauen sind daran nicht ganz unschuldig. Aber statt zu jammern, sollten die Männer endlich ihr Leben wieder in die Hand nehmen.

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Psychologen sitzen in ihren Praxen immer häufiger Männern gegenüber, die ein handfestes Identitätsproblem haben. Sie sollen Ernährer sein und Krabbelgruppen-Demokrat, Krieger und Gutenachtgeschichten-Erzähler, Liebhaber, Führungskraft und Fußmasseur. Zu viele Rollen für einen Mann. Zwar arbeiten sich auch die Frauen unermüdlich an den vermeintlichen Defiziten ihrer Weiblichkeit ab, ihr Frausein als solches jedoch steht nicht zur Debatte.

Männer hingegen trifft die Frage nach dem Attribut "männlich" mitten ins Herz. So erstaunlich das klingt. Schnell zweifeln sie daran, ein "richtiger" Mann zu sein. Denn wie die junge Wissenschaft der Männerforschung herausgefunden hat, ist Männlichkeit kein biologisches Faktum, sondern seit jeher ein Kulturprodukt. Und unsere Kultur tut sich mit der Definition schwer. Was macht im frühen 21. Jahrhundert in einer mitteleuropäischen Menschensiedlung einen Mann aus?

Eine interessante Frage - auch für uns Frauen. Und zwar nicht nur, weil wir mit dieser Spezies ein Biotop teilen und also weiter nach adäquaten Formen des Zusammenlebens suchen müssen, sondern auch, weil uns an ihnen liegt. Schlimmer noch: Männer und Frauen sind einander - allem Ungemach zum Trotz - noch immer feinmaschig in Liebe verbunden. Und nun geht es ihm nicht gut, dem starken Geschlecht. Es bröckelt geradezu weg.

Die Fakten sind Besorgnis erregend:

  • Der Mann von heute ist krank.
    Männer sterben viel häufiger als Frauen an Leberzirrhose, Diabetes und Aids. Auch bei Unfällen, Gewalttaten und Selbstmord liegen sie weit vorn. Zudem dringen sie neuerdings in traditionelle Frauendomänen wie Magersucht, Bulimie und Depressionen vor. Im Durchschnitt leben Männer knappe sechs Jahre weniger als Frauen.
  • Der Mann von heute scheitert.
    An den Schulen rekrutiert sich die Mehrheit der Schulversager, Schulschwänzer, Problemkinder und Jungkriminellen aus den Reihen der Jungs. Ihr Anteil an den Gymnasiasten sinkt, während ihr Anteil an den Sonderschülern steigt. Wenn das so weitergeht, wird der Anteil von Männern mit Hochschulbildung in zehn Jahren nur halb so groß sein wie der von Frauen. Und da wir uns zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickeln, in der so genannte Soft Skills gefragt sind wie Kommunikationsfreude, Flexibilität und soziale Kompetenz, gehört die Zukunft, so die Prognose, auch hier den Frauen. Den schlecht ausgebildeten Männern hingegen drohe die Proletarisierung, so der Männerforscher Walter Hollstein. Und damit der Gesellschaft die Gefahr steigender Kriminalität und Gewaltbereitschaft sowie anwachsender Rechtsextremismus.
  • Der Mann von heute verliert die Lust am Sex.
    Und immer mehr Männer werden impotent. Der Bremer Sozialwissenschaftler Gerhard Amendt sieht durchaus einen Zusammenhang zwischen der niedrigen Geburtenrate und den weitgehend vernachlässigten Wünschen der Männer in der Gesellschaft.
  • Der Mann von heute verstummt.
    Die Kommunikationsgesellschaft überfordert ihn. Er hat im Schnitt nicht nur ein deutlich schlechteres Gehör als die Frau. Sondern er hört angeblich auch nur den Inhalt des Gesagten, während die Frau mit beiden Hirnhälften, der verbal-logischen und der intuitiv emotionalen, auch die Zwischentöne hört. Vor allem in der mühsamen Verhandlungskultur moderner Partnerschaften stößt der Mann schnell an seine Grenzen. Hat er zudem noch den Eindruck, mal wieder etwas fühlen zu sollen, was er partout nicht fühlt, macht er die Schotten dicht.

    Um es kurz zu machen: Der moderne weiße Mittelschichtsmann zwischen 18 und 50 ist in der größten existenziellen Krise, die sein Geschlecht je erlebt hat. Und immer wieder wird der Verdacht laut, schuld seien wir. Schuld sei die rigorose und rücksichtslose Emanzipation der Frau.

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  • Anja Jardine
    BRIGITTE 11/05
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