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Mehr Lust auf Kinder - aber später

Die Frauen in Deutschland bekommen offenbar doch wieder mehr Kinder, wie neue Zahlen zeigen. Allerdings schieben sie die Familiengründung immer weiter auf. Im Interview erzählt die Forscherin Michaela Kreyenfeld, was sie noch herausgefunden hat.

Eine Statistik jagt die nächste: Mal bekommen Frauen in Deutschland angeblich zu wenig Kinder, mal wieder nicht. Dabei laufen doch gefühlt überall Mütter mit kleinen Kindern oder kugelrunden Bäuchen durch die Gegend, jedenfalls mehr als früher. Zum ersten Mal können jetzt Forscher des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung Zahlen vorlegen, die belegen, dass es tatsächlich Anzeichen für eine Trendwende in Sachen Gebärfreudigkeit gibt. Joshua Goldstein und Michaela Kreyenfeld benutzen genauere Daten und eine andere Erhebungsmethode als das Statistische Bundesamt. So kommen sie zu dem Ergebnis, dass Frauen, die 1970 oder später geboren sind, wieder mehr Kinder bekommen als die älteren.

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BRIGITTE.de: Frau Kreyenfeld, ich bin jetzt 27, habe studiert und komme aus Westdeutschland: Können Sie mir sagen, wann ich wie viele Kinder haben werde?

Michaela Kreyenfeld: Wir wissen, dass Frauen ihre Kinder immer später bekommen. Gerade für Akademikerinnen stellen wir ein sehr hohes Alter bei der Geburt des ersten Kindes fest. Das deutet darauf hin, dass Sie mit über 30 Ihr erstes Kind bekommen. Und wenn Sie dann eins haben, bekommen Sie wahrscheinlich auch ein zweites. Allerdings bleiben Akademikerinnen häufiger kinderlos als andere Frauen. Es kann also auch gut sein, dass Sie überhaupt keine Kinder bekommen.

BRIGITTE.de: Nun haben Sie mit Ihrem Kollegen Joshua Goldstein das Ergebnis einer Studie veröffentlicht, die optimistischer klingt: Sie kommen zu dem Schluss, dass die deutschen Frauen doch wieder mehr Kinder kriegen. Was hat sich denn getan über die Jahrzehnte?

Michaela Kreyenfeld: Frauen, die zum Beispiel 1950 geboren wurden, waren schon besser gebildet als die Jahrgänge zuvor und konnten eher Karriere machen. Damals und auch für spätere Jahrgänge waren Familie und Beruf noch schwer vereinbar. Seitdem stieg die Kinderlosigkeit stetig. Aber für die Frauen, die 1970 geboren worden sind, deutet sich eine leichte Trendwende an. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau scheint nicht weiter nach unten zu gehen. Natürlich kann man das jetzt noch nicht abschließend sagen, denn die 1970 geborenen Frauen können ja noch Kinder kriegen oder es sein lassen. Aber die Zahlen passen zum internationalen Trend.

BRIGITTE.de: Woran liegt das denn?

Michaela Kreyenfeld: Vermutlich hängt das damit zusammen, dass die jungen Frauen vielleicht langsam mal von den familienpolitischen Veränderungen profitieren. Gerade in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, also zum Beispiel in der Kinderbetreuung, hat sich einiges getan in letzter Zeit. Für die meisten Frauenjahrgänge war das ja wirklich ein Dilemma, ein Entweder-Oder, sich zwischen Karriere und Kindern zu entscheiden.

BRIGITTE.de: Welches Ihrer Ergebnisse hat Sie am meisten erstaunt?

Michaela Kreyenfeld: Die Trendwende hat mich schon erstaunt. Ich bin eigentlich immer sehr vorsichtig und stelle nicht gern Prognosen, aber da scheint sich tatsächlich was abzuzeichnen. Was mich auch erstaunt hat, ist dass die Familiengründung immer noch weiter aufgeschoben wird, sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland.

BRIGITTE.de: Aber irgendwann stößt man ja an eine natürliche Grenze und kann das Kinderkriegen nicht weiter aufschieben.

Michaela Kreyenfeld: Ja, aber diese Grenze ist offenbar für Deutschland noch nicht erreicht. Wir sind jetzt hier bei gut 28 Jahren (Westdeutschland) für die Geburt des ersten Kindes, in der Schweiz beispielsweise sind die Frauen dann durchschnittlich 30 Jahre alt. Es gab Zeiten, in denen die Demographen gesagt haben: Ab 30 kann man die Skala abschneiden, ab da kriegt doch keiner mehr ein Kind! Das ist aber natürlich nicht mehr zeitgemäß.

BRIGITTE.de: Sie haben auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland festgestellt. Welche sind das?

Michaela Kreyenfeld: Im Westen sind knapp über 20 Prozent der Frauen, die das Ende ihrer reproduktiven Phase erreicht haben, also keine Kinder mehr bekommen können, kinderlos. In Ostdeutschland sind das viel weniger Frauen. Das hat wohl auch historische Gründe. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass Kinder in den Lebensläufen von ostdeutschen Frauen viel selbstverständlicher sind, die sind einfach eingeplant. Und ich denke, das ist dort auch viel einfacher zu realisieren. Kinderbetreuung ist in Ostdeutschland noch weiter verbreitet. Außerdem sieht man dort Kinder nicht so sehr als Konkurrenz zu anderen Lebensentwürfen. Im Westen glauben viele, dass Kinder und Karriere sich gegenseitig ausschließen. Außerdem hängt im Westen die Familiengründung oft von der Erwerbssituation des Partners ab. Im Osten sind das keine zwangsläufige Voraussetzung fürs Kinderkriegen.


Michaela Kreyenfeld, 41, hat zwei Töchter im Alter von 7 und 4 Jahren, war also bei der Geburt ihres ersten Kindes 34. "Das ist für Akademikerinnen fast normal", sagt sie.

Foto: Plainpicture

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Max Planck Institute sind nicht so frei in der Forschung wie oft gedacht wird – was ich aus der Innenansicht kenne (ein Direktor, den ich nicht näher bezeichnen darf, sagte vor ein paar Jahren „eigentlich sind wir eher eine Bundesbehörde“). Daher nehme ich diese Ergebnisse nicht ganz ernst. Ich denke eher, es handelt sich um einen stark gewünschten Trend, dem man versucht, auf die Sprünge zu helfen. Mag sein, dass es am Prenzlauer Berg einen gefühlten Kinderboom gibt – ob das aber wirklich repräsentativ ist, wage ich sehr zu bezweifeln.

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