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Fühlen Sie sich in Ihrer Beziehung ausgenutzt?

Werden Sie in Ihrer Beziehung ausgenutzt oder ist es manchmal auch umgekehrt? Ein Plädoyer gegen das Aufrechnen von BRIGITTE-Autorin Theresa Bäuerlein.

Wir Frauen können uns beglückwünschen, dass wir jetzt leben und nicht früher. Früher, als Paarbeziehungen reine Zweckgemeinschaften waren. Als nicht die Liebe bei der Wahl des Gefährten die wichtigste Rolle spielte, sondern die Fragen, wie viel teures Geschirr in der Aussteuerkiste steckte und ob der Zukünftige einen großen oder einen kleinen Hof erben würde. Wir dagegen können es uns leisten, romantisch zu sein, einfach unserem Herzen zu folgen. Aber stimmt das wirklich? Klar, Beziehungen sind heute anders als früher, aber unser Alltag ist keineswegs frei vom Zweckdenken in der Liebe. Ja, wir taxieren unsere Beziehungen vielleicht sogar noch kühler als unsere Vorfahren. Die Soziologin Eva Illouz nennt es „emotionalen Kapitalismus“. Das bedeutet: Wir gestalten unsere Partnerschaft immer mehr nach ökonomischen und politischen Verhandlungsmodellen. Schauen genau darauf, dass sie im Vergleich zum Alleinsein einen Mehrwert für uns bringt.

„Wer investiert wie viel?“ ist der Grundsound der Liebe. Wir führen geistige Strichlisten darüber, wer wie oft wessen Socken wäscht und die Kinder abholt. Wie viel jeder in seine Karriere buttert. Wir registrieren genau, wer wie oft „Ich liebe dich“ sagt und wie lange der Blowjob im Vergleich zum Cunnilingus dauert. Das klingt brutal. Aber wir haben es so gelernt. Weil wir in einer Kultur leben, in der wir aufgefordert sind, immer und überall unseren Nutzen zu maximieren. Natürlich wirkt sich diese Denkart auch auf unsere Beziehungen aus. Die Frage ist bloß: Was macht das mit uns? Lohnen sich Liebesbeziehungen, nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung betrachtet, überhaupt noch? Eigentlich brauchen wir ja keinen festen Partner mehr. Er ist weder zum Kinderkriegen zwingend notwendig noch als finanzielle Stütze unerlässlich. Könnten wir romantische Liebe und Sex also nicht einfach an vorübergehende Partner outsourcen und ansonsten unsere Ruhe vor dem ja doch auch immer wieder anstrengenden Beziehungsalltag haben?

Ideal wären eigentlich vier Partner

Die amerikanische Autorin Sandra Tsing-Loh kam in einem in den USA viel beachteten Essay zu genau dieser Bilanz: Sie beschrieb darin das Phänomen von Karrierefrauen, die, ökonomisch unabhängig von ihren Männern, diese nur noch als Störfaktor sähen, sobald sich der Schleier der Verliebtheit verzogen habe. Ideal, schlägt Tsing-Loh satirisch vor, seien für eine solche Frau nicht einer, sondern vier Partner: Mr. X als Mann für die anstrengende Alltagsverwaltung und vielleicht noch als Kindsvater, Mr. Y als romantischer Lover, der tanzen kann und Chardonnay anbietet, Mr. Z als eine Art Hausmeister, der alles repariert, und Mr. Q als Praktikant, für den Rest.

Sieht so die Zukunft aus? Entwickeln wir uns allmählich allesamt zu Beziehungsunternehmern, die ihren Marktwert im Internet angeben und Gefühle kalkuliert investieren?

Nicht unbedingt. Zumindest dann nicht, wenn uns neben ökonomischen und praktischen Erwägungen auch noch das eigene Glück am Herzen liegt. Das ahnt auch Tsing-Loh, die in ihrem Essay auf eine Langzeitstudie der renommierten Wharton School of Business verweist, die festgestellt hat, dass Frauen heute im Vergleich zu früher eindeutig unglücklicher sind – aller gesellschaftlichen Fortschritte zum Trotz. Wer daraus folgert, dass es Frauen in den 50ern besser ging, weil die Rolle der Hausfrau eben besser zu ihnen passt, denkt jedoch zu oberflächlich. Man kann aus der Studie auch einen anderen Schluss ziehen: dass eine Lebenswelt, die bis ins Privatleben und in Liebesbeziehungen hinein vom Prinzip der Profitmaximierung durchdrungen ist, niemanden wirklich glücklich macht.

Vielleicht ist es also eine im wahrsten Sinne unglückliche Entwicklung, wenn wir in unseren Beziehungen immer mehr aufrechnen und verhandeln. Vielleicht müssten wir öfter mal wirklich unserem Herzen folgen. Die Liebe an sich, das wird in Zeiten des Individualismus und der Selbstoptimierung gern vergessen, ist ein Gefühl, das Einheit will und skandalöserweise gar kein Interesse an persönlichen Profiten hat. Gegenseitiges Aufrechnen ist Verstandessache, Liebe aber ist irrational.

Sind wir zu hart geworden?

Wenn wir besonders tief lieben, das hat jeder schon einmal erlebt, drückt sich das sogar in einem unwiderstehlichen Drang zum Geben aus. Das steht scheinbar im Widerspruch zu dem, was die Frauen unserer Generation von Kindheit an gelernt haben: dass wir immer darauf pochen müssen, nie zu kurz zu kommen, schon gar nicht „aus Liebe“ zu einem Mann.

Keine Frage, es gibt Momente in Beziehungen, in denen es dumm ist, einfach aus Zuneigung zu handeln: wenn es um Dinge geht, die langwierige finanzielle Konsequenzen haben, zum Beispiel. Aber manchmal scheint es, als wären wir zu hart geworden, als hätten wir vergessen, dass es Momente gibt, in denen ein Stück Selbstaufgabe möglich und sogar tief befriedigend ist. Mal ehrlich: Die schönsten Momente in Beziehungen sind nicht diejenigen, in denen man weiß, dass man weder zu viel noch zu wenig gegeben hat, in denen also ein perfektes Gleichgewicht herrscht. Sondern es sind genau die Momente, in denen einer der Partner mehr gibt, als er eigentlich müsste.

Wenn der Liebste, genauso todmüde wie man selbst, sagt: „Nimm dir ein Buch, setz dich hin, ich mach das Abendessen.“ Oder wenn einer die Kinder einpackt und einen Ausflug macht, obwohl doch der andere mit Kinderhüten dran wäre. Neurobiologen haben herausgefunden, dass das Belohnungszentrum im Gehirn anspringt, wenn wir anderen Menschen etwas geben können. Deshalb fühlt Liebe sich nicht dann am besten an, wenn man den größtmöglichen Profit aus ihr zieht. Sondern wenn man sie freigebig gibt. Einfach so, ohne Strichliste.

Text: Theresa Bäuerlein

Kommentare (4)

Kommentare (4)

  • itter01
    itter01
    Dieses berühmte Aufrechnen! Es ist das absolute Gift in allen Belangen! Oder hat sich schon mal jemand die Frage gestellt was ein echter Freund bedeutet? Diese Beziehungen zwischen zwei Menschen, völlig isoliert betrachtet vom Geschlecht, verlaufen gänzlich anders. Da gibt es die Sandkisten-Beziehungen. Das heisst zwei Menschen kennen sich ein Leben lang und werden nie gegeneinander aufrechnen, wieviele Burgen zerstört oder Murmeln vergraben wurden. Man kennt sich einfach und kann sich sogar alles an den Kopf werfen. Früher war es bloß eine Hand voll Sand, später Argumente über irgendwelche Themen. Alle Freiheiten gibt es in diesem Milieu. Und niemand ist dem anderen deswegen böse. Ja, meistens sogar noch dankbar, weil sich dabei so mancher Knoten in Krisen dabei auflöst. Wie anders ist es in Partnerschaften:Am Anfang werden die verrücktesten Liebesschwüre geleistet, völlige Selbstaufgabe versprochen und die Zukunft in den schönsten Farben gemalt. Und irgendwann gibt es das alles nicht mehr. Plötzlich wird aus dem Alltag ein Horrorszenario. Jede Kleinigkeit nervt, führt zu Diskussionen und Vorwürfen und endet in: Hochrechnungen. Alles bekommt dann einen Wert: Wie oft die Wäsche gewaschen wurde, wer wie oft gekocht hat, den Mülleimer geleert und die Wohnung gesaugt hat. Wer finanziell so manche Probleme geregelt hat (wohlgemerkt: wer nicht mehr beide), wer der aktivere Partner gewesen ist, die Worte "ich liebe dich (trotzdem)" öfter über die Lippen brachte usw. Es gibt diese geistige Strichliste mit plus und minus. Und genau diese ist das Grab einer jeden gewünscht harmonischen aber letztendlich doch nur mehr verkrampften Beziehung. Verwundert stellt man nach solchen Ausbrüchen fest, dass die Menschen in der näheren Ümgebung offenbar einen besseren Konsens gefunden haben. Es fällt auf, dass die Nachbarn schon lange Zeit zusammen sind, viel länger als die eigene Beziehung besteht. Hallo?Wie gibt es das?
  • itter01
    itter01
    Naja, dann merkt man doch nach einiger Zeit, dass auch dort nicht alles nach Wunsch verläuft. Wirtshausabende werden länger, Ausflüge finden nicht mehr gemeinsam statt und schließlich gibt es dann doch als Überraschung eine neueBegleitung.
    Diese Beobachtung möchte ich nicht als Neid verstanden wissen. Sie entwickelt sich oft in der Verzweiflung. Was hätte man besser machen können. Rätseln über jene Stationen, die die Gräben aufbrechen liessen. Gab es die Chance mit anderen Worten oder Taten diese wieder zuzuschütten. Nicht bloss zu Weihnachten oder zum Geburtstag in Begleitung eines Geschenks, verbunden mit der Hoffnung, dass damit wieder Frieden einkehrt. Es bleibt leider bei der Hoffnung, denn die Rechnung ist zu diesem Zeitpunkt doch nur eine Rechnung mit Zwischenergebnis und wird fortgesetzt.
    Denn die Fragestellung bleibt die gleiche: Was habe ich davon? Anstatt einzuhaken und die Philosophie der Form umzugestalten: Was haben w i r davon. Muss alles einen Wert haben? Was bedeutet die Sichtweise ICH und UNS. Werde ich ausgenutzt oder helfen und nützen wir uns zusammen. Kompromisse: Ja, aber bitte keine faulen. Wer aber bemisst ob etwas faul ist oder nicht. Wir oder ich. Diesen Weg zu finden und zu beschreiten ist nicht einfach, aber auch nicht gänzlich unmöglich. So wie ganz am Beginn als Selbstaufgabe bei der Werbung um den Partner selbstverständlich war. Zu diesem Zeitpunkt war man sich einig alle Hindernisse aus diesem traumhaft schönen Erlebnispfad sofort aus dem Weg zu räumen. Hindernisse? Aber nicht doch zwischen uns!
    Bis zu dem Zeitpunkt, wo gerechnet wird: Wieviele Hindernisse hast du im vergleich zu mir beiseite geräumt. Jetzt stehen wir vor einer Mauer. Und diesmal nicht auf der selben Seite. Alles klar?
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Nochmal zum Thema, dass Frauen von früher angeblich glücklicher gewesen sein sollen, hier noch (wahrscheinlich unvollständiger) Versuch, Unglücksfaktoren von heute zusammenzustellen:

    - die Flexibilisierung der Arbeitswelt

    - gestiegene Leistungsanforderungen in der Arbeitswelt bei gleichzeitiger geringerer Bezahlung und Jobunsicherheit

    - gestiegene Leistungsanforderungen bei der Kindererziehung

    - gestiegene Anforderung, immer perfekt auszusehen, schlank und gesund zu sein

    - der Wunsch, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen, der mit vielen Männern nicht zu verwirklichen ist...



    und und und. Also daraus jetzt noch den Frauen den Vorwurf zu drehen, sie seien halt zu anspruchsvoll, finde ich schon ein starkes Stück...

    Und unter diesen Umständen finde ich es schon verständlich, wenn man etwas genauer hinschaut, ob in der Beziehung die Waage stimmt. Das hat auch etwas mit Selbstsorge zu tun und davon könnten viele Frauen sich ruhig mehr gönnen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich finde es gesund, dass Frauen heute mehr mitrechnen in Beziehungen und dass sie überhaupt die Möglichkeit dazu haben. Und selbst dann sind es doch meistens immernoch die Frauen, die die Beziehungsarbeit und die "Drecksarbeit" wie Haushalt und alles Lästige an der Kindererziehung übernehmen. Aus der heutigen Position heraus hat Frau halt zum Glück auch die Möglichkeit, sich zu trennen, wenn es ihr zu blöd wird - und das ist gut so und wird ja auch rege genutzt! Sicher ist es interessant, Beziehungen unter den genannten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten zu betrachten und ich glaube auch, dass wir heute anspruchsvoller sind. Manche Menschen finden dann letztlich niemanden, weil sie immer nach der*dem noch perfekteren Partner*in suchen. Aber lieber so als so wie früher. Woher wollen die Autorinnen denn wissen, dass die Frauen von heute unglücklicher sein sollen? Das kann doch an allem möglichen liegen und auf welche Studien greifen sie zurück?

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