Patchworkfamilie: So klappt's

Schon klar, jede Patchworkfamilie ist anders. Trotzdem beschäftigen sich viele Patchworker mit den gleichen Fragen. Zehn davon haben wir für Sie von Profis beantworten lassen.

1. "Ich ertrage es kaum, dass die neue Frau meines Ex so gut mit unseren Kindern kann. Wie bekomme ich meine Eifersucht in den Griff?"

"Eifersucht deutet auf Ängste hin. Bin ich so sehr verletzt worden bei der Trennung, dass ich nun Angst habe, auch noch mein Kind zu verlieren? Habe ich Angst, als Mutter ersetzt zu werden? Im Gespräch mit Freunden und Therapeuten können Sie herausfinden, inwieweit Ihre Ängste berechtigt sind und inwieweit Sie überreagieren.

Versuchen Sie, die Betreuung des Kindes klar zu regeln. Das hilft Ihnen, die Neue als Bezugsperson zu akzeptieren. Bemühen Sie sich um den Blickwinkel des Kindes: Bei der anderen geht es ihm gut, so wie es ihm zum Beispiel bei einer Tagesmutter gutgeht. Sie brauchen keine Angst zu haben, dass Sie 'verraten' werden. Von sich aus wird das Kind nie zu der Neuen sagen 'Sing doch bitte noch das Lied mit dem Schaf', wenn das zu den absoluten 'Mama-Ritualen' gehört."

Katharina Grünewald, Diplom-Psychologin und Patchwork-Expertin, Köln (www.patchworkfamilien.com)

2. "Meine Tochter wirft mir vor, dass mein neuer Freund mir wichtiger sei als sie, und will nicht, dass er bei uns einzieht. Soll ich nachgeben?"

"Selbstverständlich sollten Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder berücksichtigen, aber wenn die Mutter möchte, dass der Freund einzieht, sollte sie das durchsetzen. Sie hat über ihr Leben zu entscheiden, nicht das Kind. Versuchen Sie, ihm immer wieder zu vermitteln: 'Ich habe dich sehr, sehr lieb, aber du kannst nicht erwarten, dass du der einzige wichtige Mensch bist. Ich verlange ja auch nicht von dir, dass du dein Leben lang nur mich liebst.'

Wenn das Kind sich trotzdem sehr dagegen wehrt, können Sie anbieten, den Einzug aufzuschieben und bis dahin regelmäßig zu dritt über die Bedürfnisse und Ängste aller Beteiligten zu sprechen. Einen Einzug auf Probe halte ich allerdings nicht für sinnvoll: Der Partner lebt dann in einer dauernden Rausschmiss-Situation - für das Kind unter Umständen die Aufforderung, möglichst viel Stress zu machen."

, Psychotherapeutin für analytische Kinder- und Jugendlichen- Psychotherapie, Weil der Stadt

3. "Die Söhne meines Freundes sind oft bei uns. Ich kann mit ihnen nicht viel anfangen und fühle mich oft ausgeschlossen. Soll ich mich aus dem Staub machen, wenn sie kommen?"

"Es wäre ungesund, wenn Sie das nicht täten. Sagen Sie Ihrem Partner, warum Sie sich ausgeschlossen fühlen und wie viel Zeit Sie gemeinsam verbringen wollen. Eine Friede-Freude-Eierkuchen-Familie vorzuspielen wäre in jedem Fall falsch. Falls Ihr Partner Ihnen das zum Vorwurf macht, sollten Sie ihn fragen, was er insgeheim befürchtet, und ihm klarmachen: Liebes- und Eltern-Kind-Beziehungen sind zweierlei. Sie lieben ihn als Mann, vielleicht gerade weil er sich rührend um seine Kinder kümmert. Das bedeutet nicht, dass Sie alles tun und mitmachen müssen, was er sich vorstellt.

Sie sollten offen miteinander aushandeln, welche gegenseitigen Erwartungen und Wünsche Sie erfüllen können und welche nicht. Akzeptanz und Respekt gegenüber den Kindern Ihres Partners sollten vorhanden sein. Aber Liebe stellt sich nicht automatisch ein, nur weil Sie den Vater lieben."

Dr. Doris Früh-Naumann, Diplom-Pädagogin, Gehrden (www.naumann-praxis.de) Buch: "Im Schatten der Ersten. Wie Partnerschaft mit einem geschiedenen Mann gelingen kann" (mvg-Verlag, 8,90 Euro)

4. "Wenn die Kinder meines Freundes und meine eigenen aufeinandertreffen, fliegen jedes Mal die Fetzen. Was können wir dagegen tun?"

"Kleinere Konflikte sollten Kinder untereinander lösen. Notfalls kann man die einen mal zur Oma schicken, wenn die anderen zu Besuch kommen. Schließlich muss keine Familie immer alles gemeinsam machen. Solche Vermeidungsstrategien sind allerdings nur vorübergehend sinnvoll. Regelmäßige Familienkonferenzen können dauerhaft helfen: Sie öffnen den Blick für die unterschiedlichen Perspektiven aller Beteiligten - auch die des Dreijährigen.

Klare Absprachen wie 'Montagabend ist Paarabend, freitags unternimmt jeder was mit den leiblichen Kindern, am Sonntag frühstücken wir alle zusammen' helfen gegen Angst vor Zurücksetzung und Eifersucht. Trotzdem: Streit gehört dazu. Wenn die Erwachsenen konstruktiv streiten und die Kinder daran beteiligen, werden auch sie besser mit Konflikten untereinander umgehen können."

Wilfried Griebel, Dipl.-Psychologe, Pädagoge und Familienforscher am Staatsinstitut für Frühpädagogik, München (www.ifp.bayern.de)

5. "Mein neuer Partner hat ein Kind. Ich möchte so gern, dass es mich mag. Wie schaffe ich es, seine Zuneigung zu gewinnen?"

"Als neue Partnerin sollte ich davon ausgehen, dass die Kinder meines Partners mich nicht wollen. Das tut weh, ist hart, aber wahr - alles andere kommt nur in Hollywood- Filmen vor. Kinder suchen keine neue Mutter, also sollte ich diese Rolle auch nicht für mich beanspruchen. Der erste Schritt zur Akzeptanz liegt darin, an den Interessen des Kindes teilzuhaben, auch wenn man sie langweilig findet: zum Beispiel beim Videospiel über die Schulter gucken, mit zur Ballettaufführung oder zum Fußballspiel gehen.

Ebenso wichtig ist es, die eigenen Interessen für das Kind spannend zu machen, es teilhaben zu lassen an Aktivitäten, die für das Kind neu sind. Ein Kochrezept gemeinsam auszuprobieren bietet vielleicht die Möglichkeit zu einem guten Gespräch. Die Patchworkfamilie bringt eine Vielzahl von Konflikten mit sich - auch Konflikte zwischen Stiefeltern und -kindern. Es ist wichtig, aktuelle Probleme des Zusammenlebens mit dem Kind direkt anzusprechen und nicht den Umweg über den Partner zu gehen. Dazu gehört Mut.

Aber auch die Rolle als Respektsperson ist ein Schlüssel zur Zuneigung des Kindes. Ohne Frage, bei elementaren Themen müssen alle Beteiligten an den Tisch - dann sollte eine 'Familienkonferenz' einberufen werden, bei der jeder angstfrei äußern kann, was ihn stört, und gemeinsam nach Lösungswegen gesucht wird. Als neue Partnerin sollte ich authentisch bleiben und mich nicht verbiegen, denn letztendlich lässt sich die Zuneigung des Kindes nicht erzwingen."

Dorothea Behrmann, systemische Paar- und Familientherapeutin, Hamburg (www.dorothea-behrmann.de)

6. "Mein Ex macht meinen neuen Partner vor den Kindern schlecht. Wie verhalte ich mich?"

"Klar ist: Das ist nicht in Ordnung! Solch ein Verhalten setzt die Kinder einer belastenden Situation aus. Häufig liegt die Ursache darin, dass der Vater sich durch die Beziehung der Exfrau zum neuen Partner abgewertet und gekränkt fühlt. Wütende Gegenreaktionen helfen, trotz des verständlichen Ärgers, allerdings wenig. Die größte Falle: ein gegenseitiger Schlagabtausch, der die Kinder einer wahrscheinlich altbekannten, schwer erträglichen Streitsituation aussetzt. Es ist sinnvoll, die eigenen Emotionen so gut es geht herauszunehmen, auf den Vater selbst - zum Beispiel in Übergabesituationen - wenig zu reagieren und damit seinen Äußerungen nicht zu viel Raum zu geben. Wichtig ist es, mit den Kindern ihrem Alter entsprechend zu reden: ihnen zu erklären, wie schwer die Situation der Trennung für alle Beteiligten ist und dass dann manches gesagt wird, was nicht richtig ist.

Kinder verdienen einen großen Vertrauensvorschuss in ihre Fähigkeit, Informationen von Emotionen zu trennen und sich so ein eigenes Bild von dem 'Neuen' zu machen. Mit Kindern zu reden, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, darauf kommt es an. Kinder brauchen die Gelegenheit, 'Doofes' und 'Gutes' aussprechen zu können, ohne dass etwas von den Erwachsenen schöngeredet oder bewertet wird. Der Expartner sollte von Ihnen unter vier Augen informiert werden, dass er die Kinder mit seinem Verhalten verunsichert. Ist das nur schwer möglich, ist es sinnvoll, ein gemeinsames klärendes Gespräch an neutraler Stelle, zum Beispiel in einer Beratungsstelle, zu führen."

Jutta Landwehr, Diplompädagogin, Frauenberatungsstelle "Biff", Hamburg-Winterhude (www.bifff.de)

7. "Ich hätte so gern wieder eine richtige Familie. Mein neuer Partner spielt zwar mit meinen Kindern, erziehen muss ich sie aber allein."

"Viele Patchworkfamilien haben den Wunsch, wieder eine 'richtige' oder gar 'bessere' Familie zu sein, und orientieren sich dabei oft am Modell der so genannten 'Normalfamilie'. Um ihrer Herausforderung gewachsen zu sein, ist es wichtig, die Besonderheiten der neuen Lebensform wahrzunehmen und wertzuschätzen. Zusammengesetzte Familien können nicht auf herkömmliche Rollenverständnisse zurückgreifen: Beziehungen und Aufgaben müssen erst neu definiert und eigene Gewohnheiten und Verhaltensregeln entwickelt werden, damit das Zusammenleben gelingt.

Um die Kinder nicht in Loyalitätskonflikte zu bringen, ist es wichtig, dass der Stiefelternteil nicht die Rolle des Erziehungsberechtigten einnimmt, sondern dass sich für die Erziehung der leibliche Elternteil - in diesem Fall die Mutter - ganz verantwortlich fühlt. Möglich ist eine Unterstützung, indem der Partner konkrete Erziehungsaufgaben übernimmt, um die ihn die Mutter bittet. Wichtig ist es, dies offen vor den Kindern zu kommunizieren. Sie müssen wissen, dass der Partner von der Mutter darum gebeten wurde, damit sie ihn in der Vertretungsfunktion akzeptieren können. Der Partner muss die Freiheit haben, sich gegen bestimmte Erziehungsaufgaben zu entscheiden. Immer bleibt für die Mutter die Möglichkeit, mit dem neuen Partner ihre Sorgen im Gespräch zu teilen, um sich nicht allein gelassen zu fühlen. Wenn der Partner eine freundschaftliche Beziehung zu den Kindern aufbaut und mit ihnen spielt, ist dies eine gute Voraussetzung für ein gelingendes Miteinander."

Margit Löchte, systemische Therapeutin/ Familientherapeutin (DGSF), Konstanz (www.systemtherapie-konstanz.de)

8. "Mein Partner und ich haben jeweils Kinder aus erster Ehe - und zwei völlig unterschiedliche Erziehungsstile. Das führt regelmäßig zu Streit. Was können wir tun?"

"Familie ist ein Ort des Lernens, an dem Kinder möglichst stark gemacht werden sollten für das weitere Leben. Dazu gehört auch die Fähigkeit, mit Verschiedenheiten umgehen zu können. Problematisch ist es also nicht, wenn der Patchwork-Vater einen anderen Standpunkt vertritt als die Patchwork-Mutter - das kommt auch in Erst-Familien vor: Entscheidend ist, wie sie damit umgehen. Während ein Paar mit gemeinsamem Kind die Möglichkeit hat, im Laufe der Zeit eine gemeinsame Geschichte, familiäre Gewohnheiten und Werte zu entwickeln, prallen in Patchworkfamilien häufig ganz unterschiedliche erzieherische Konzepte aufeinander: Das Paar hatte keine Gelegenheit, eine gemeinsame Geschichte zu entwickeln, bevor Kinder geboren wurden.

Das bedeutet: Erstens sollten Sie und Ihr Partner sich neben Ihren Familienaufgaben ganz bewusst viel Zeit füreinander nehmen, um als Paar zusammenzuwachsen. Denn je stabiler Ihre Partnerschaft, desto besser funktionieren Sie auch als Eltern, die das Fundament für die neue Familie bilden. Zweitens ist es für Patchworkfamilien überlebenswichtig, eine Kultur des Verhandelns fest in den Alltag zu etablieren - zum Beispiel als regelmäßigen runden Tisch, an dem alle Familienmitglieder Konflikte offen aussprechen und gemeinsam Kompromisse aushandeln können, denn das Gespräch hält das Patchwork zusammen. Dabei muss immer auch die Position der außerhalb stehenden Elternteile berücksichtigt werden."

Thomas Gerling-Nörenberg, systemischer Paar- und Familientherapeut, Münster ( www.patchworkfamilie-beratung.de)

9. "Ich würde meine Stiefkinder gern so lieben wie meine eigenen, aber ich schaff das einfach nicht. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?"

Geht es Ihnen um Liebe oder um Gerechtigkeit? Es ist völlig normal, wenn sich die Liebe zu den Stiefkindern 'weniger' anfühlt. Und das kann sogar gut sein, weil es Loyalitätskonflikte verhindert. Die Kinder haben ja schon Eltern und versuchen, die Beziehung zu ihnen zu schützen, auch vor neuer Liebe. Deshalb wird nicht nur Ihre Liebe zu den Stiefkindern anders sein, sondern auch die der Stiefkinder Ihnen gegenüber. Es fehlt die gemeinsame Geschichte von Geburt und Stillzeit bis zum Vorlesen und Einschlaf- Ankuscheln.

Gewissensbisse sollte nur haben, wer seine Liebe absichtlich ungerecht verteilt, wer sich auf diese Weise Erziehungsmacht und Einfluss sichert, wer die Stiefkinder gegen die leiblichen ausspielt. Aber: 'Schaffen' muss man in der Liebe gar nichts, nur aufmerksam bleiben. Gegen fehlende Intimität können gemeinsame Rituale helfen."

Christel Haufe, Diplompädagogin und Psychotherapeutin, Hamburg

10. "Mein Partner und ich haben jeweils eigene Kinder. Würde ein gemeinsames Kind den Familienzusammenhalt stärken, oder wird dann alles noch komplizierter?"

"Entscheidend ist die Frage: Will das Paar noch ein Kind? Wenn sich die Partner nicht einig sind, sollten Zweifel benannt und Ängste offen ausgesprochen werden. Ist die Entscheidung für ein Kind gefallen, sollte bei beiden das Gefühl vorherrschen: 'Wir stemmen das!' - allerdings ohne Anspruch auf Perfektion. Je sicherer die Eltern auftreten, desto besser werden auch die Kinder das neue Geschwisterchen akzeptieren.

Eifersucht gehört dazu, das kommt auch bei leiblichen Geschwistern vor und ist eine ganz normale Reaktion. Es sollte kein Kriterium sein, kein weiteres Kind zu bekommen. Sie als Paar entscheiden über Ihren Kinderwunsch, nicht die vorhandenen Kinder."

Birgit Schardt, Paar- und Familientherapeutin, Wiesbaden (www.schardt.de)

Patchworkfamilien sind das große Thema im Dossier der BRIGITTE 9, die Sie ab 7. April am Kiosk kaufen können.

Darin lesen Sie:

Aller Anfang ist schwer: Wenn man als Mutter allein zu Hause sitzt, während der Ex das erste Wochenenden mit seiner Neuen und dem eigenen Kind verbringt

Das passt perfekt: Alleinerziehende Frau verliebt sich in geschiedenen Vater

Geliebtes Stiefkind: Ein Stiefvater blickt zurück auf einen schmerzhaften Abschied

"Darf ich Oma sagen?": Patchworkfamilien stellen auch Großeltern vor eine Herausforderung

Eine fast normale Familie: Acht Erwachsene und fünf Kinder - und alle sind irgendwie miteinander verbunden

Recherche: Gabriele Meister Foto: Getty Images Illustrationen: Ann-Kathrin Rebock Produktion: Bärbel Recktenwald Ein Artikel aus der BRIGITTE 09/09

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Patchwork ist die neue Kernfamilie. Hier steht sogar, dass es bis zum Jahr 2050 mehr Patchwork, als Kernfamilien gibt: http://wir-sind-alleinerziehend.de/alleinerziehende-in-deutschland/ - finde ich ja schon krass...

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