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Seitensprung: Affäre ohne Sex

Fremdgehen fängt nicht erst im Bett an. Beim "Emotional Cheating" - in den USA ein geläufiger Begriff - haben zwei Menschen eine Affäre, aber keinen Sex. Wie funktioniert so ein Seitensprung?

Frag mich nicht", sagt sie. "Ich kann es nicht erklären. Er ist gar nicht mein Typ, ich weiß nicht mehr, was ich so toll an ihm fand." Sie drückt den Schwamm über der Spüle aus, während sie darüber nachdenkt, was da war zwischen ihr und Hannes, wischt imaginäre Krümel zusammen, so wie sie es immer tut, wenn wir in ihrer Küche sind, so als würde sie die glatten Flächen viel mehr streicheln als säubern, ich beim Kaffee und sie, die Hundertprozentige, beim Instandhalten ihrer makellosen Welt. "Ich war ein Jahr lang wie besessen von ihm", sagt sie. "Aber es ist vorbei."

Meine Schwester war ohne Familie nach Berlin gekommen. Sie hatte sich schon Wochen vorher auf diese Hochzeitsfeier gefreut, darauf, mich zu treffen, aber vor allem, weil so viele Leute da sein würden, die sie aus den Augen verloren hatte. Wir lagen uns in den Armen, aber dann war sie weg, und als ich sie das nächste Mal sah, stand Hannes schon ganz dicht neben ihr, sie lachte, obwohl er ihr sichtbar auf die Pelle gerückt war, seine Hand auf ihrer Schulter, es schien sie nicht zu stören.

Hannes war distanzlos, war es immer schon gewesen, er hatte mir die Luft zum Atmen genommen, als er vor vielen Jahren mal mein Liebhaber gewesen war. Zu viel Körperkontakt, zu viele Fragen, zu viele Übergriffe, es durfte nichts geben neben ihm, was wichtig war, das habe ich nicht lange ertragen. Inzwischen war er verheiratet, er hatte drei Söhne, wir hatten lose Kontakt gehalten, ich wusste, dass er nicht besonders treu war, und jetzt hatte er Juliane in seinen Fängen.

Auf der nächsten Seite: Das Handy als Schlüssel zu einer anderen Welt

Später sah ich sie tanzen, und dann, als die meisten schon gegangen waren, standen sie knutschend auf der Terrasse. Ich dachte: Wie schön, dass du dich so gut amüsierst. Und: Was zum Teufel tust du da? Du hast alles, einen hinreißend netten Mann, die Zwillinge, einen tollen Job, ein großes Haus, ein großes Auto, einen großen Hund, du bist die zufriedenste Frau, die ich kenne, und jetzt knutschst du mit diesem Maniac.

"Es fing an wie ein Spiel", sagt Juliane, "ein Abend, an dem ich spüren wollte, ob ich überhaupt noch auf Männer wirke. Mir war nicht klar, dass es dabei nicht bleiben würde." Noch in derselben Nacht ging es los, kaum hatten sie sich getrennt, piepte ihr Handy, Hannes wollte sie wiedersehen, jetzt oder morgen, ob sie sich vorstellen könnte, seine Geliebte zu werden, lass uns verreisen, das ganze Programm. Sie trafen sich zum Frühstück, dann musste Juliane zum Zug, das Handy legte sie vier Stunden nicht aus der Hand, er tippte sich die Finger wund, er wollte sie haben.

"Es war die Sache mit dem Handy", sagt Juliane. "Bis zu diesem Tag hatte ich noch nie eine SMS geschrieben, nur Tim und die Zwillinge hatten die Nummer, und wenn es mal klingelte, zuckte ich zusammen, das hieß immer Notfall." Plötzlich wurde dieses kleine nützliche Ding der Schlüssel zu einer anderen Welt. Juliane, die schon immer alles Verborgene geliebt hat, die als Kind verschließbare Schächtelchen gesammelt hatte, die sündhaft teure Kleider allein wegen ihres schönen Futters kaufte, hatte plötzlich ein kleines schillerndes Geheimnis, das sie ständig bei sich trug.

Auf der nächsten Seite: Er drängte sie, mit ihm zu schlafen

"Dieses ständige Piepen, jede neue SMS, das war mein Pulsbeschleuniger", sagt sie. Das Handy katapultierte sie aus ihrem Alltag, wenn Tim und die Kinder in der Nähe waren, verschwand sie auf die Toilette, "ich war süchtig nach seinen Nachrichten und panisch, weil ich nicht wusste, ob meine auf der Telefonrechnung auftauchen würden". Der Inhalt der Kurznachrichten - Variationen der immer gleichen Themen: wie toll sie sich finden, ob sie sich sehen, was sie miteinander machen, wenn sie sich sehen. "Das Verrückte war: Die SMS zu schreiben hat viel mehr Spaß gemacht, als ihn zu treffen, ich bin abhängig davon geworden, ein SMS-Junkie."

Die Treffen selbst waren anstrengend, sie saßen an verregneten Tagen in fremden Städten in Cafés, verbrachten Nächte in Bars, er drängte sie, mit ihm zu schlafen, sie sagte: Niemals, sie spielte damit, er sagte: Ich krieg dich schon rum. Jedes Mal, wenn ich mit Juliane telefonierte, gab es nur dieses eine Thema. Wie sehr Hannes sie begehrte, wie sehr sie seine Begierde liebte, dass er schwierig war, aber dass sie an nichts anderes mehr denken konnte. Es irritierte mich maßlos.

Vielleicht war ich neidisch. Meine Schwester mit meinem verflossenen Liebhaber. Sie, die alles hatte, hatte jetzt auch noch dieses wahnsinnige Geheimnis. In meinem Leben gab es nichts dergleichen, nur einen Mann, Kinder habe ich nicht. Vielleicht war ich nur besorgt. Weil sie alles aufs Spiel setzte, weil ich Tim wirklich mochte. Wie gut kann eine Beziehung sein, wenn einer in Gedanken ständig woanders ist, wenn alle Sehnsucht, alles Glück, alle Intimität jemand anderem gilt? Tim würde es merken, ihm wurde was genommen, das hatte er nicht verdient. Sie habe ihm nichts genommen, sagt Juliane, im Gegenteil, die Sache mit Hannes habe ihre Ehe extrem beflügelt.

Auf der nächsten Seite: Ihr Mann freute sich über den "netten Kollegen" seiner Frau

"Du bist ständig high, dopamingeschwängert, voller Begierde - und irgendwo musst du ja hin mit deiner Lust." Sie hatte immer schon gern mit Tim geschlafen, jetzt tat sie es fast täglich, und natürlich, er fand es großartig. Sie erzählte ihm von Hannes, er sei ein neuer Kollege, sehr witzig, ein bisschen durchgeknallt, dass sie ihn ab und zu treffe. Und liebte Tim dafür, dass er sich für sie freute. "Das ist eine wahnsinnige Qualität in unserer Beziehung: Tim weiß, dass ich Menschen um mich brauche, die anders denken, anders leben als er. Und er respektiert es. Das hat ihn für mich noch wertvoller gemacht." Natürlich hatte sie Skrupel, aber dann beschloss sie, dass das eine Freiheit ist, die sie für sich in Anspruch nimmt. "Was sich in meinen Gedanken abspielt, ist meins, es hat nur mit mir zu tun. Das hat gereicht, um mich zu beruhigen."

Ob sie nun endlich mit Hannes im Bett war, es war meine erste Frage, jedes Mal, wenn wir uns sprachen, es lag in der Luft, ich fand es absurd, dass das, was eine Affäre ausmacht, in dieser Affäre nicht vorkam. Wenn man irgendwas vermisst in einer langen Beziehung, dann die sexuelle Ekstase des Anfangs, ich bin seit acht Jahren verheiratet und weiß genau, was mir fehlt. "Klar war Sex ein Thema, was denkst du denn?", sagt Juliane. Sex stand im Raum, wenn sie getrunken hatten, und wenn sie sich sahen, tranken sie bis zur Besinnungslosigkeit. Juliane, die Mutter und Anwältin, hing mit Hannes in Bars und düsteren Nachtclubs rum, es war ein einziger Exzess, sie tanzten, kippten Drinks, rauchten Kette, sie landeten nicht im Bett, weil sie nicht ins Bett gingen, endlose Nächte, in denen sie sich umkreisten, sich heiß machten, ihr Begehren feierten, ohne es einzulösen.

"Du kennst ihn ja, Hannes ist keiner, der sich wirklich für dich interessiert", sagt Juliane. "Es war etwas anderes, was Archaisches, ich fühlte mich beschützt." Hannes hat Geld, es spielt keine Rolle, er bestellt Wodka und Champagner nur flaschenweise, in jeder Hinsicht ein Versorger. Und wenn ihm jemand dumm kommt, schlägt er ihm in die Fresse, so einfach.

Auf der nächsten Seite: Hannes begann, bei ihr zuhause anzurufen

"Ich habe mit Hannes meine dunkle Seite entdeckt", sagt Juliane, "etwas, das in meinem Leben nicht stattgefunden hat." Aber Sex und Exzess, ist das nicht untrennbar miteinander verbunden, wie kann man dem einen entkommen, wenn man das andere bis zum Äußersten treibt? "Es hätte unsere Beziehung verändert", sagt sie, er hätte dann mehr von ihr erwartet, er ist ein haltloser Mensch, er steht immer am Abgrund, fast schon Hysterie, die ihn am Laufen hält, er hätte sich an sie gekrallt, an ihr schönes intaktes Leben, um das er sie beneidete, sie wollte nichts aufs Spiel setzen.

Einmal passiert es ihr, dass sie an Hannes denkt, als sie mit Tim schläft. Es machte ihr Angst und schlimme Schuldgefühle. Dann fängt Hannes an, bei ihr zu Hause anzurufen, es gehe ihm schlecht, er halte es nicht länger aus, müsse sie sehen, sofort. Sein Abgrund wird zu ihrem, Juliane kann nicht mehr schlafen, sie magert ab, Tim merkt nichts. "Das war das Absurde", sagt sie, "plötzlich nahm meine Beziehung Schaden. Nicht, weil Tim misstrauisch wurde, sondern weil ich mich im Stich gelassen fühlte." Warum sprach er sie nicht an, sagte: Was ist los, ich sehe doch, dass es dir nicht gutgeht.

Aber wie konnte sie erwarten, dass er tat, was sie selber seit Monaten nicht hinkriegte? Da zu sein. Aufmerksam und zugewandt. Er lebte sein Leben, sie lebte ihres, sie sprachen über die Kinder, das war der Stand. Und Juliane wollte das nicht mehr. Sie wollte ihr altes Leben zurück. Sie hatte Angst davor, Hannes zu verlieren, aber dann ging alles ganz einfach. Sie sei viel unterwegs, sagte sie ihm, keine Zeit, die Kinder krank, neue Klienten, wir können uns nicht sehen. Wenn er anrief, ging sie nicht ran, wenn er SMS schickte, beantwortete sie nur jede fünfte. Irgendwann hatte er verstanden.

Auf der nächsten Seite: "Meine Affäre war das Werkzeug zu meiner Befreiung"

"Ich habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, Tim zu verlassen", sagt Juliane, sie setzt sich neben mich an den Küchentisch und trinkt endlich einen Kaffee. Die Hochzeit damals in Berlin, das sei für sie eine Initialzündung gewesen, der Aufbruch in ihr eigenes Leben. Bis dahin hatte es zehn Jahre lang nur die Kinder gegeben, klar, auch den Job, aber vor allem die Familie, sie war darin aufgegangen, aber diese Phase war nun vorbei. "Ich musste anfangen, mich wieder um mich selbst zu kümmern.

Hannes war mein Tool, das Werkzeug zu meiner Befreiung", sagt sie. Er war die Antwort auf alles, was ihr gefehlt hatte: Aufregung, Abenteuer, Exzess. Er sei in eine Lücke gesprungen, sagt sie, und das ist wohl auch der Grund, warum sie niemals miteinander geschlafen haben. "Sex war keine Lücke. Ich hatte immer großartigen Sex, ich habe nichts vermisst." Vermutlich wusste Hannes das: Wenn er mit ihr geschlafen hätte, hätte er nur verlieren können.

BRIGITTE 18/08 Text: Susanne Mangold

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