Christoph Kröger, Psychologe an der Technischen Universität Braunschweig, leitet die Verhaltenstherapie für Seitensprung.
BRIGITTE: Ist ein Seitensprung immer ein Symptom für eine marode Beziehung?
Christoph Kröger: Nein. Oft haben sich die Partner zwar auseinander gelebt, es gibt sexuelle Probleme oder sie sind damit überfordert, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Aber Seitensprünge passieren auch in Beziehungen, deren Basis im Kern gut ist. Allerdings können in manchen Lebenssituationen aus Schwachstellen echte Konfliktherde entstehen. Zum Beispiel weil Paare es nicht schaffen, in einer Wochenendbeziehung auch während der Trennungszeit Nähe herzustellen. Sie pflegen selten eine leidenschaftliche Sprache, und selbst wenn sie regelmäßig telefonieren, reden sie eher über Alltagsdinge statt über ihre Bedürfnisse und Träume. Wenn sich das einschleicht, mangelt es schließlich an Nähe, Anerkennung und emotionaler Unterstützung. Überwindet ein Paar diese Kommunikationsprobleme nicht, nagen sie natürlich langfristig an der Beziehung. Und wenn jetzt enge Team-Arbeit im Job dieses Defizit ausgleicht, kann es passieren, dass einer von beiden sich in einen Kollegen oder eine Kollegin verliebt.
BRIGITTE: Grundlage für Ihr neues Therapiekonzept ist ein amerikanisches Programm. Was ist daran das Besondere?
Christoph Kröger: Statt der sonst üblichen analytischen und ursachenorientierten Therapien setzen wir auf eine reine Verhaltenstherapie. Das Konzept baut auf der Annahme auf, dass ein Seitensprung traumatisierend wirkt. Deswegen nutzen wir Elemente aus der Trauma-Therapie. Und messen den Erfolg parallel in einer Studie, erste Ergebnisse soll es im nächsten Sommer geben.
BRIGITTE: Gibt es einen anderen Weg als Streit und Vorwürfe?
Christoph Kröger: Die Anmeldung bei einer Paarberatung. Denn die wenigsten können sich jetzt ineinander einfühlen und miteinander reden. Das ist aber die Voraussetzung, um die Beziehung zu retten. Weil die Partner jedoch nicht mehr entspannt miteinander umgehen können, verwickeln sie sich in Vorwürfe. Wer betrügt, fühlt sich schuldig, zweifelt an der Beziehung und ist vielleicht verliebt in den "Seitensprung". Der oder die "Betrogene" reagiert oft mit Depression, Angst, Vorwürfen und Kontrollen. Und ist zum Teil stündlich wechselnden Gefühlen von Wut, Hass, Trauer, Verzweiflung und Angst ausgeliefert.
BRIGITTE: Wie kommt das Paar aus diesem Kreislauf wieder raus?
Christoph Kröger: Anfangs werden Regeln für den Umgang aufgestellt, um weitere Verletzungen zu vermeiden: So muss z. B. die Affäre beendet werden, und der "Betrogene" versucht, nicht immerzu Vorwürfe zu machen; auch vereinbart das Paar ein Codewort, das einen Streit stoppen soll, bevor er eskaliert. Anschließend geht es darum, die Situation zu verstehen und Schritt für Schritt aufeinander zuzugehen. Dabei kommen beide Partner zu Wort - einer nimmt jeweils die Zuhörerposition ein. So erzählen sie sich zum Beispiel, wie sie ihre Beziehung empfanden, als der Seitensprung passierte, und wie sie jetzt die Partnerschaft empfinden. In diesem Prozess wird oft erst klar, warum die Affäre möglich war. Auch klären sich Missverständnisse, und die Auseinandersetzung damit verhindert, dass die Partner sich weiter distanzieren. Abgeschlossen wird diese Phase damit, dass die Partner ihre Perspektive in einem Brief an den anderen formulieren. Erst dann können beide entscheiden, ob sie zusammenbleiben möchten. Das klappt auf Dauer nur, wenn beide bereit sind, einander zu vergeben.














