Ulrich Clement: "Einen Seitensprung nicht persönlich nehmen"

Ein Gespräch mit dem renommierten Paar- und Sexualtherapeuten Ulrich Clement über die Faszination von Seitensprüngen, respektvollen Betrug und falsche Schuldgefühle.

  • 46 Kommentare
  •  
  •  

Foto: nicolasberlin/ photocase.com

Ulrich Clement, 58, ist einer der führenden deutschen und international renommierten Paar- und Sexualtherapeuten. Er ist Mitbegründer und Leiter des Instituts für Sexualtherapie Aachen/Heidelberg, Professor für medizinische Psychologie in Heidelberg und arbeitet als Dozent, Coach und Psychotherapeut.

Ulrich Clement

BRIGITTE.de: Herr Professor Clement, hat Ehrlichkeit in Liebesbeziehungen ausgedient?

Ulrich Clement: Nein.

BRIGITTE.de: In Ihrem neuen Buch "Wenn Liebe fremdgeht" geht es ums Fremdgehen. Sie schreiben: "Man muss nicht lügen. Aber wenn schon, dann richtig". Klingt nicht besonders ehrlich.

Ulrich Clement: Wer sich auf eine Affäre einlässt, muss abwägen: Einerseits ist da die Ehrlichkeit, zweifellos ein wertvolles Gut: Soll ich meinem Partner von der Affäre erzählen, weil ich ihn nicht belügen möchte? Auf der anderen Seite steht der Schutz des Partners: Soll ich meinem Partner die Affäre verschweigen, weil die Wahrheit ihm wehtun wird? Wer lügt, schützt auch sich selbst, weil man vielleicht noch gar nicht weiß, wohin die Affäre führt.

BRIGITTE.de: Ein sehr bequemes Hintertürchen: Klappt's nicht mit dem Geliebten, bleibe ich bei meinem Partner.

Ulrich Clement: Aus einer Affäre kann natürlich eine Beziehung werden. Das aber ist nicht der Kick. Weitaus häufiger passiert da was, von dem die oder der Untreue auch irgendwie überrollt wird: Sie fühlt sich von einem anderen Menschen fasziniert und angezogen, ist wie im Rausch. Wo die Affäre hinführt, ist ihr erst selber nicht klar. Legt sie nun die Affäre offen, ist diese so nicht weiterführbar. Die Affäre zu schützen halte ich deshalb für legitim. Ich weiß, moralisch kriegt man das nicht ganz sauber hin, schließlich hat man sich meist direkt oder indirekt auf Treue festgelegt.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  • Interview: Madlen Ottenschläger
    Fotos: nicolasberlin/photocase.com / Atelier Gös
  • 46 Kommentare
  •  
  •  
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen