Ulrich Clement: "Einen Seitensprung nicht persönlich nehmen"

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BRIGITTE.de: Warum lassen wir uns auf Affären ein?

Ulrich Clement: Wir folgen unserer Sehnsucht. Inhaltlich können das ganz unterschiedliche Sehnsüchte sein. Frauen sagen häufig: Endlich werde ich gesehen. Dieses Gesehenwerden kann sexueller Natur sein. Es kann aber auch intellektuell sein, geistig oder spirituell. Und alle Fremdgeher suchen Lebendigkeit. Sex ist Lebendigkeit pur: Ich spüre mich wieder, ich lebe, ein Glücksrausch, der mich alles vergessen lässt.

BRIGITTE.de: Bei so viel Glück: Muss ich meinem Partner gegenüber Schuldgefühle haben?

Ulrich Clement: Eine Affäre ist nicht nur wunderbar, sonst wäre es keine Affäre, Schuldgefühle gehören dazu, denn ich habe mich auf meinen festen Partner verpflichtet. Am meisten werden diejenigen von ihrem Gewissen geplagt, die denken: Eigentlich hat mein Partner nichts falsch gemacht, er ist okay und kümmert sich um mich. Kaum Gewissensbisse haben diejenigen, die sagen: Mein Partner vernachlässigt mich. Das ist übrigens eine Begründung, die von andern, im Freundeskreis etwa, leicht akzeptiert wird.

BRIGITTE.de: Und wenn mich das schlechte Gewissen nicht loslässt?

Ulrich Clement: Dann habe ich wohl die Vorstellung, dass ich mich meinem Partner mit Haut und Haaren verpflichtet habe. Um es pointiert zu sagen: Mein Sexleben gehört dann meinem Partner, solche Eigentumsvorstellungen sind in meinen Augen mittelalterlich. Wenn wir über Schuldgefühle sprechen, sind wir auch wieder beim Thema Offenheit. Es gibt eine Offenheit, die nicht fair ist: Das ist die selbstgerechte Variante der Offenheit, die die eigenen Schuldgefühle dem Partner zuspielt, übrigens eine Variante, die ich in der Paartherapie sehr häufig erlebe. Der Untreue sagt: Was willst du denn noch, ich habe dir doch alles erzählt, jetzt ist auch mal gut. Und da steht dann der Betrogene und muss mit einer Offenheit fertig werden, um die er gar nicht gebeten hat. Die Schuldgefühle werden bei ihm abgeladen, er muss schlucken und schlucken und soll am Besten alles hinnehmen und die Beziehung weiterführen. Da ist das Geständnis ein Wolf im Schafspelz. Zur Offenheit gehören zwei Seiten, das übersieht man leicht. Wir müssen auch denjenigen bedenken, der die Offenheit ertragen muss.

BRIGITTE.de: Wie macht man es besser?

Ulrich Clement: Der Betrogene muss wissen: Ist die Affäre eine Alternative zu unserer Beziehung? Was er nicht wissen muss sind alle Details der Außenbeziehung. Männer fragen gleich: Vögelt der besser, wie genau habt ihr es denn gemacht? Dahinter steckt die Idee: Wenn ich alles weiß, eigne ich mir meine Partnerin wieder an. Das ist aber falsch und kann nach hinten losgehen. Das verletzt nur den Betrogenen, er quält sich selbst. Und er quält auch seine Partnerin, die gezwungen ist, etwas preiszugeben, das ihr wertvoll war: Sie muss ein Geheimnis nackt machen, sich bewerten, auch abwerten lassen. Solche Gespräche führen leicht dazu, dass es zwei Verlierer gibt. Ich empfehle sehr, das bleiben zu lassen. Die oder der Betrogene sollte sich lieber fragen: Was muss ich wirklich wissen? Und auch die oder der Untreue muss eine Entscheidung treffen: Was ist wichtig, was muss mein Partner über die Affäre wissen? Wer fremdgegangen ist, sitzt ja nicht nur auf der Verhörbank. Möglicherweise ist in der Außenbeziehung etwas passiert, er hat etwas erlebt, das ihn zentral berührt hat und auf das er nicht mehr verzichten möchte. Dabei geht es nicht nur um Sex, sondern darum, sich wieder lebendig und gewollt zu fühlen.

Wenn Liebe fremdgeht
Vom richtigen Umgang mit Affären
Ulrich Clement
Verlag: Marion von Schröder
240 Seiten
16,90 Euro
ab dem 7. April im Handel

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  • Artikel vom 01.04.2009
  • Interview: Madlen Ottenschläger
    Fotos: nicolasberlin/photocase.com / Atelier Gös
Letzte Kommentare
  • Fortschritt
    am 08.03.12 um 09:01
    Gut, dass den Menschen so langsam die Augen aufgehen. Es kann alles viel schöner sein, wenn man nicht irgendwelche Hollywood Märchen als Wegweiser für eine perfekte Beziehung heranzieht. Hoffentlich hört das Gerede von wegen "Betrug!" dann auch mal auf und wird durch das in diesem Zusammenhang passende Wort "Bedürfnis" ersetzt...
  • Katja
    am 19.10.11 um 15:07
    Das Thema ist extrem emotional. Das Buch habe ich zweimal gelesen, beim ersten Mal hatte ich Wut im Bauch, beim zweiten Mal habe ich es beser verstanden. Wenn Paare Herr Clements Sprechstunde aufsuchen, dann nicht, weil sie über "gut" und "böse" diskutieren möchten, sondern offenbar mit dem Ziel, die Ehe/Partnerbeziehung trotz einer Affäre zu retten. Wenn man sich nicht Gedanken darüber machen dürfte, was dafür vielleicht noch im Toleranzbereich liegen und akzeptabel sein kann, wäre die Sprechstunde bei Herrn C. sinnlos. Dennoch: Einige Argumente von Herrn C. kann ich auch aus diesem Blickwinkel nur schwer verstehen. Falls er sie deshalb bringt, um durch gegenseitiges Verstehen aller Beteiligten Reparaturversuche zu ermöglichen, hätte er dies mehrfach deutlicher von einer scheinbaren (oder doch gewollten???) Affären-Befürwortung abgrenzen sollen. Der hohe Preis, der für Affären zu zahlen ist (extremer Kummer und viel Leid), wird ihm eine stets volle Praxis sichern.
  • sonne
    am 19.10.11 um 11:12
    Ich habe ein Problem und weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Ich habe den Mann einer Freundin schon zwei mal in Leverkusen einmal knutschend im Auto (sein Auto ist sofort zu erkennen, auffällig- deshalb ich ich aufmerksam geworden) und einmal als er mit der gleichen Frau, glaube ich, mittags in ein billig Hotel geganen ist. Ich bin durch Zufall mit dem Auto vorbeigefahren (ganz belebte Straße, will er das es rauskommt?) zwischen meinen Beobachtungen lagen bestimmt 8 Monate, scheint mir eine Affäre zu sein. Michael ist ansonsten ein sehr netter, freundlicher Mensch, dem man das nicht zutraut, aber ich bin mit seiner Frau befreundet und wenn ich schon davon weiß wer sonst noch. Soll ich seiner Frau was sagen, oder lieber schweigen? Am liebsten wäre es mir ich würde nichts davon wissen, soll ich schweigen?
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