Darf man sich in die Trennung der anderen einmischen?

Die Trennung der anderen - schwieriges Thema als Freundin. Darf man sich einmischen? Ja, sagt die Paar- und Familientherapeutin Gisela Hötker-Ponath. Es kommt allerdings darauf an, wie wir das machen.

BRIGITTE: Warum bleiben zwei Menschen zusammen, die sich eigentlich besser trennen sollten?

Gisela Hötker-Ponath: Es gibt viele Gründe, die wir von außen nicht sehen: Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug, auch wenn es so wirkt. Der Gewinn zu bleiben ist immer noch größer als der zu gehen. Oder man will es besser machen als die eigenen Eltern, die sich vielleicht getrennt hatten. Umgekehrt: Man bleibt trotz großer Probleme, weil einem das als Kind so vorgelebt wurde. Unbewusste Wiederholungsmuster machen es uns also schwer, neue Wege zu gehen. Außerdem sind da noch die Ängste. Wie werden die Kinder die Trennung verkraften? Halte ich es aus, allein zu leben? Und, was ich immer wieder besonders bei Frauen über 35 erlebe: Sie haben Angst, niemanden mehr zu finden, mit dem sie glücklich sein werden. Wir leben ja fast alle nach wie vor das romantische Modell, das erschwert die Vorstellung, dass es so etwas Einzigartiges noch einmal geben kann. Zu erkennen, dass Trennung auch Befreiung sein kann, das dauert eine ganze Weile.

Es gibt Paare, die sind eigentlich getrennt, leben aber weiterhin zusammen, um den Schein zu wahren oder - das betrifft besonders Frauen - den materiellen Wohlstand nicht zu verlieren. Kann das funktionieren?

Das ist auf die Dauer kein gesundes Leben. Die Möglichkeit, dass man dabei depressiv wird oder psychosomatische Erkrankungen erleidet, ist relativ hoch. Weil es keine selbstgewählte Lebensform ist - auch wenn man sich das vielleicht einredet - sondern nur eine erduldete. Da treten dann beispielsweise Kopfschmerzen und Essstörungen auf, meistens als ein "Zu-viel-Essen". Und eine depressive Entwicklung führt dazu, dass sich jemand noch schlechter trennen kann, es fehlt ihm an Initiative, Mut und Selbstvertrauen, zu gehen.

Darf ich mich als Außenstehende in die Beziehung von Freunden einmischen?

Ja, aber es ist eine Frage des Wie. Wenn ich die Position einnehme "Du musst dich trennen", entsteht im anderen automatisch ein "Ja, aber". Ich dränge den anderen unwillkürlich dazu, die andere Seite, die des Bleibens, zu übernehmen. Dazu kommt, dass es von außen nicht nur schwierig, sondern auch vermessen ist zu erkennen, ob jetzt gerade wirklich der richtige Zeitpunkt der Trennung ist.

Wie formuliere ich meine Meinung dann also am besten?

Erstens: keine Ratschläge erteilen, wenn sie nicht erfragt werden. Man kann ja erst einmal die Frage stellen: Möchtest du reden, hast du Lust? Das machen wir zu selten. Wir gehen zu oft direkt in dieses Thema, weil es uns selbst bewegt. Wir haben auch ganz klar ein egoistisches Bedürfnis, darüber zu reden. Denn jeder, der in einer Beziehung lebt, hat doch selbst schon mal Trennungsambivalenzen gehabt, will es aber eigentlich nicht wahrhaben und arbeitet an den Themen des anderen dann seine eigene Angst und Problematik mit ab.

Und zweitens?

Zweitens sollte man die Trennung nicht als ultimative Lösung ansprechen, sondern eher "Angenommen, es wäre so"-Fragen stellen. Damit lässt man dem anderen Spielraum, zeigt, dass man weitere Möglichkeiten mitdenkt, und man hilft ihm gleichzeitig, ein Bild von der Zukunft zu entwickeln. Also Fragen wie: Angenommen, du würdest dich trennen, wie würde dein Leben weitergehen? Kennst du Frauen, die sich getrennt haben? Was siehst du positiv bei denen? Wovor hättest du Angst? Oder: Angenommen, du würdest bleiben, wie sähe dein Leben in fünf Jahren aus? Ich kann mich auch vorbereiten, indem ich überlege: Wie würde es mir in so einer Situation gehen? Wie könnte meine Freundin mich ermutigen, darüber zu sprechen?

Ist die engste Freundin die beste Gesprächspartnerin für so eine Situation?

Nicht immer. Sie kann zu nah dran sein und sich mit der Freundin identifizieren. Sie möchte nicht, dass es ihr schlecht geht, und geht damit zu sehr auf eine Seite. Das ist für die Freundin nicht wirklich hilfreich, um zu einer eigenen Entscheidung zu kommen. Natürlich sollte sie mit ihrer Freundin sprechen, aber auch mit der Idee, der Freundin vorzuschlagen, sich woanders Hilfe zu holen, z. B. bei einer Beratungsstelle oder Therapeutin. Denn wenn in einer Freundschaft über einen längeren Zeitraum nur noch über Trennung und Zweifel gesprochen wird, belastet das die Freundschaft.

Ist Schweigen die bessere Lösung, um die Freundschaft nicht zu gefährden?

Schweigen sagt eher etwas über uns selbst aus. Vielleicht schweigen wir, weil wir fürchten, in so einem Gespräch könnte bei uns selber etwas hochgehen an Unzufriedenheit in der eigenen Beziehung. Wir haben Angst, dass wir bei uns und unserer Partnerschaft plötzlich auch klarer hinsehen müssen.

Ich habe der Freundin gesagt, sie sollte sich besser von diesem Mann trennen, aber die beiden bleiben schließlich doch zusammen. Was bedeutet das für unsere Freundschaft?

Damit sollte man offen umgehen, indem man sagt: Ich dachte wirklich, es wäre vorbei mit euch, jetzt habt ihr euch anders entschieden, ich habe mich also getäuscht. Vielleicht habt ihr euch auch getäuscht - sehen wir, wie's weitergeht.

Damit deute ich doch aber an, dass ich an einen Erfolg nicht glaube.

Damit bleiben Sie authentisch. Und Ihre Zweifel sind berechtigt. Es gibt viele Menschen, die brauchen einige Runden, um sich zu trennen. Man könnte sagen, das sind Menschen, die nehmen es wirklich ernst miteinander und dem Versuch, die Beziehung zu retten. Oder es sind Abhängigkeitsspiralen, das bedeutet, sie haben große Probleme, sich zu lösen. Viele Frauen geben sich oft auch selbst die Schuld am Scheitern. Deswegen gibt es auch die vielen Versuche, es doch noch einmal hinzubekommen.

Reagieren Männer eigentlich anders auf schwierige Paare?

Das sieht man in dem einen Fall, in dem die Frau von ihrem Mann während des Abendessens massiv abgewertet wird. Ein Mann hätte da gesagt: "Hey, wie redest du mit deiner Frau?" Er macht sich nicht wie die Freundin Gedanken über den Beziehungskonflikt, sondern über das direkt sichtbare Symptom, die abfälligen Sätze. Meine Erfahrung ist: Männer beschäftigen sich auf längere Sicht weniger mit dem Großen und Ganzen einer Beziehung. Männer reagieren eher punktuell.

Interview: Beatrix Gerstberger

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Danke, das ist ein sehr gelungenes Interview mit vielen hilfreichen Hinweisen!

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