Schule in der Krise: Wie werden alle Kinder schlau?
BRIGITTE: Ihre Forschungen beruhen auf Daten aus internationalen Studien, Sie berufen sich also auf statistische Mittelwerte. Aber in jedem Land herrschen unterschiedliche Gegebenheiten. Finnland zum Beispiel hat viel weniger Einwohner und einen deutlich niedrigeren Ausländeranteil. Wie kommen Sie darauf, dass sich Ihre Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen lassen?
Ludger Wößmann: Dass hierzulande alles anders ist als woanders, ist noch so ein Argument, das ständig vorgeschoben wird von jenen, denen es in den Kram passt. Effekte wie unterschiedliche Ausländeranteile und vieles mehr haben wir in unseren wissenschaftlichen Analysen herausgerechnet, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Außerdem: Alles, was ich bisher erwähnt habe, lässt sich genauso innerhalb Deutschlands im Vergleich zwischen den Bundesländern nachweisen. Berlin und Brandenburg zum Beispiel haben eine sechsjährige Grundschulzeit. In diesen Ländern ist die Chancengleichheit größer als in allen anderen Bundesländern. Dies sieht man ganz besonders, wenn man wiederum Einflussfaktoren wie Wirtschaftskraft und soziale Ungleichheit der jeweiligen Bevölkerung herausrechnet, um die Testergebnisse mit Bayern oder Hamburg seriös vergleichen zu können.
BRIGITTE: Aber niemand will Berlins oder Brandenburgs PISA-Rang, alle wollen dorthin, wo Bayern ist.
Ludger Wößmann: Bayern hat ein Zentral-Abitur, das ist ein wesentlicher Grund für seinen Erfolg. Außerdem hat Bayern die meisten Privatschulen - macht also vieles besser. Wenn man die Ergebnisse vergleichbar macht, indem man diese Unterschiede ebenso berücksichtigt wie die bessere ökonomische Situation Süddeutschlands, dann kommt heraus, dass es keine Unterschiede hinsichtlich des Leistungsniveaus zwischen Bundesländern mit vier und solchen mit sechs Jahren Grundschulzeit gibt, aber eben eine größere Chancengleichheit. Dasselbe gilt für die Bundesländer mit weniger Schultypen. Auch eine andere Zahl hört das bayerische Kultusministerium nicht gern: In Bayern schaffen nur 19 Prozent eines Jahrgangs das Abitur. Das genau darf nicht das Ziel sein: dass nur wenige durchkommen. Wenn wir insgesamt ein höheres Bildungsniveau wollen, müssen wir es schaffen, möglichst vielen Kindern möglichst hohe Kompetenzen zu vermitteln.
BRIGITTE: Ihr Buch heißt "Letzte Chance für gute Schulen". Wenn sich nichts Entscheidendes ändert, wie steht es Ihrer Prognose nach um Deutschland in 30 Jahren?
Ludger Wößmann: Unser Wirtschaftswachstum, das bereits hinter dem anderer entwickelter Staaten hinterherhinkt, wird sich weiter verringern. Das Wohlstandsniveau wird stagnieren oder sinken, es wird noch größere soziale Ungleichheit geben, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Geringqualifizierte haben schon heute kaum Chancen auf einen Job, in dem sie genug verdienen, um davon zu leben. Dieser Trend wird sich zuspitzen: Menschen ohne gute Ausbildung werden auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft kaum mehr teilnehmen, sie werden die Sozial- und Rentensysteme noch stärker belasten und keine Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. All jene, die heute behaupten, Bildung sei ein zu hehres Ziel, um es in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu betrachten, sind mitverantwortlich dafür, wenn die nächste Generation unter solchen Bedingungen leben muss.
Der Volkswirtschaftler Prof. Dr. Ludger Wößmann ist Experte für Bildungsökonomik und gilt als einer der führenden deutschen Bildungsforscher. Wößmann leitet die Abteilung Humankapital und Innovation am renommierten Ifo Institut für Wirtschaftsforschung. Er hält einen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilian-Universität München und ist Vater von zwei Kindern.
Sein Buch "Letzte Chance für gute Schulen. Die zwölf Irrtümer und was wir wirklich ändern müssen" ist im Verlag Zabert Sandmann erschienen und kostet 16,95 Euro.










