Erziehung: Wie viel Krippe ist gut für unsere Kinder?

Alle fordern mehr Kita-Plätze, doch viele berufstätige Frauen hadern mit ihrem schlechten Gewissen. Sollten kleine Kinder lieber nur bei den Eltern aufwachsen als in der Krippe? Nein, meint der Kinderarzt Remo H. Largo.

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Die Kita-Streiks haben ein Ende: Nach monatelangem Streit einigten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber heute darauf, dass Erzieherinnen und Erzieher künftig Anspruch auf durchschnittlich 120 Euro mehr Gehalt und einen besseren Gesundheitsschutz bekommen. Damit ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer besseren Kinderbetreuung getan. Eigentlich ein Grund zur Freude für die berufstätigen Mütter in Deutschland. Und trotzdem haben viele Frauen, die ihre Kinder fremd betreuen lassen, immer noch ein schlechtes Gewissen. Warum das wirklich unbegründet ist, erklärt der renommierte Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo.

Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, ist emeritierter Professor für Kinderheilkunde. Er leitete die Abteilung für Wachstum und Entwicklung des Kinderspitals Zürich und schrieb verschiedene Bücher, darunter der Bestseller "Babyjahre"

BRIGITTE.de: Herr Professor Largo, warum sind Krippen so gut?

Remo H. Largo : Weil ein Kind für seine soziale Entwicklung nicht nur eine, sondern mehrere Bezugspersonen braucht. Und es braucht vor allem andere Kinder - jeden Tag für mehrere Stunden. Kleinkinder spielen gemeinsam das Leben durch, das ist ihre Hauptbeschäftigung. Das kann auch die beste Mutter nicht leisten. Wenn man sich die Situation zu Hause vergegenwärtigt, ich karikiere jetzt, dann hat man da eine Kleinfamilie mit ein bis zwei Kindern. Die Mutter ist die einzige Bezugsperson, der Vater kaum verfügbar. Kinder kommunizieren aber bereits im zweiten Lebensjahr sehr viel und richten sich aufeinander aus. Wir Eltern wünschen uns, dass sich unsere Kinder empathisch verhalten. Empathie aber können Kinder nur im Umgang mit anderen lernen. Wie wichtig eine kindgerechte Umgebung ist, zeigen neuere Studien deutlich: Die Kinder, die in eine gute Krippe gehen, sind mit fünf Jahren sprachlich und sozial weiter. Und eine aktuelle Untersuchung, die Schweizer Forscher im Auftrag der Bertelsmann Stiftung in Deutschland durchgeführt haben, kommt zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Gymnasiasten bei Krippenkindern höher ist als bei den Kindern, die in der Familie aufwachsen. Es geht also nicht mehr nur um die Betreuung, sondern mindestens so sehr um die Entwicklungserfahrungen, die für ein Kind in den ersten Lebensjahren bereitgestellt werden. Und es geht um die Frage, ob mein Kind benachteiligt ist, wenn ich es zu Hause lasse - und nicht mehr um die Stellung der Mutter.

BRIGITTE.de: Und doch ist die Mutter die zentrale Figur: Krippengegner sagen, dass die Bindung des Kindes zur Mutter das Fundament seiner Persönlichkeitsentwicklung ist.

Remo H. Largo: Bindung ist eine Zeitfrage: Das Kind bindet sich an die Personen, die ihm vertraut sind und es versorgen, und nicht vorzugsweise an die Mutter - sonst wäre die Menschheit längst ausgestorben. Und Bindung hat wenig mit Qualität zu tun: Auch ein Kind, das vernachlässigt oder misshandelt wird, bindet sich an seine Bezugspersonen. Urvertrauen hingegen entsteht, wenn ein Kind Zuwendung bekommt und seine Bedürfnisse befriedigt werden, es also gestreichelt, gefüttert und gewickelt wird. Wenn sich seine Bezugspersonen feinfühlig verhalten, glaubt das Kind, dass diese Welt gut ist.

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  • Interview: Madlen Ottenschläger
    Fotos: iStockphoto.com, Piper-Verlag
Letzte Kommentare
  • Chris
    am 16.05.12 um 14:21
    Ich möchte doch mal gern diesen Artikel aus der Psychoanalyse als Gegenpol anbieten.
    "Krippenbetreuung als ambivalentes Unternehmen"Hier werden unliebsame Fakten einmal deutlich angesprochen.http://www.psychoanalyse-aktuell.de/kinder/fremdbetreuung.html
  • chri
    am 16.05.12 um 14:09
    Kinderkrippen sind eine Einrichtung für Erwachsene. Arbeitgeber möchten die Mütter frühzeitig zurückgewinnen und Mütter möchten (oder müssen) so bald wie möglich die Befriedigungen der Mutterschaft mit denen des Arbeitslebens verbinden. Kinderkrippen sind dazu da, Mütter von ihren Kindern früh zu trennen. Die Qualität der Krippenerfahrung hängt ganz entscheidend davon ab, wann und wie diese Trennungsaufgabe bewältigt und wie gut der Kummer durch verlässlichen Elternersatz gemildert wird. Vor der faktischen Trennung trennt sich die Mutter bereits in Gedanken, die innere Trennungsbereitschaft muss quasi auf Termin hin beschleunigt werden, eine gewisse Immunisierung gegen den beidseitigen Trennungsschrecken wird unvermeidbar. Die dieser frühen Mutter-Kind-Zeit evolutionär unveränderbar innewohnende Trennungsangst wird heute schnell zu einer Schwäche der Mutter, die nicht loslassen kann, umgedeutet.
  • Güngör Bayrak
    am 26.02.12 um 00:29
    Kinder entwickeln sich in frühen Jahren rasant schnell.
    Hierbei erfolgt die Kinderentwicklung in einzelnen Entwicklungsphasen.

    Für Eltern ist daher eine liebevolle Kindererziehung von besonderer Bedeutung.

    Die Nähe von Eltern sollte bee keiner Kindererziehung fehlen.

    Vielen Dank für diesen guten Artikel. Besuchen Sie mich auf meinem Blog:

    http://www.elternlebenleichter.com

    Liebe Grüße,

    Güngör

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