Stress in der Schule: So helfen Sie Ihrem Kind

Woran merke ich, dass mein Kind gestresst ist? Wie kann ich ihm helfen, sich zu entspannen? Tipps von Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

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Michael Schulte-Markwort

Michael Schulte-Markwort

BRIGITTE.de: Herr Schulte-Markwort, seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums klagen Eltern und Schüler über Stress und Leistungsdruck. Muten wir unseren Kindern zu viel zu?

Michael Schulte-Markwort: Ich bin kein Pädagoge, aber ich denke schon, dass man die Unterrichtspläne entrümpeln müsste. Doch wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht doppelzüngig argumentieren: Erst beklagen wir uns angesichts der PISA-Studie darüber, dass die Schulausbildung in Deutschland zu schlecht ist und zu lange dauert. Und kaum wird das Tempo angezogen, ist es uns auch nicht recht. Tatsache ist, dass es früher in den Schulen zu viele Leerläufe gab, die Schüler waren oft unterfordert. Ich beobachte immer wieder, dass die Kinder heute viel disziplinierter und ernsthafter bei der Sache sind. Sie wollen gefordert werden. Es gibt ja auch den positiven Stress, der anspornt und beflügelt.

BRIGITTE.de: Wie erkenne ich denn, dass mein Kind nicht positiv, sondern negativ gestresst ist?

Michael Schulte-Markwort: Da reagiert jedes Kind sehr individuell. Typische Anzeichen sind zum Beispiel dauerhafte Müdigkeit, Gereiztheit oder auch Überdrehtheit. Stress kann sich aber auch durch Schulunlust oder einen Leistungsabfall in der Schule äußern. Schlechte Zensuren sind keinesfalls immer ein Zeichen mangelnder Intelligenz.

BRIGITTE.de: Wie sollten Eltern darauf reagieren?

Michael Schulte-Markwort: Zunächst einmal gilt es, die aktuelle Situation zu analysieren: Was für eine Persönlichkeit hat mein Kind, wie ist sein Biorhythmus? Ist es eher vormittags aktiv oder am Nachmittag? Braucht es viele Ruhephasen? Dann sollte man schauen, ob der Wochenablauf dazu passt: Hat das Kind zu viele Termine? Kann man vielleicht ein Hobby streichen? Gibt es am Wochenende genug Raum für Erholung? Schläft das Kind genug, also mindestens neun Stunden am Tag? Gibt es gesunde Zwischenmahlzeiten, trinkt es ausreichend? Das ist gerade beim Lernen wichtig. Anhand dieser Fragen sollten sich die Eltern dann überlegen, wie die Tage für das Kind am besten gestaltet sein sollten. Ein fester Rhythmus spielt dabei eine große Rolle, Kinder brauchen regelmäßige Strukturen im Tagesablauf.

BRIGITTE.de: Erholung am Wochenende - da denke ich sofort an meine Couch... Wie erholen sich jedoch Kinder am besten?

Michael Schulte-Markwort: Sicher nicht, indem sie vor dem Fernseher sitzen. Fernsehen macht schlechte Laune. Am besten sind gemeinsame Aktivitäten mit der Familie und Freunden. Rausgehen, ins Schwimmbad, Radtouren, gemeinsam spielen, basteln etc. Wichtig ist dabei, dass es den Kindern auch wirklich Spaß macht. Wenn die Tochter nicht gerne wandert, sollte man das lieber lassen.

BRIGITTE.de: Sie haben sich nun vor allem auf das Familienleben bezogen. Wie können Eltern aber dem Stress entgegen wirken, der in der Schule erzeugt wird?

Michael Schulte-Markwort: Eltern sollten auf jeden Fall den Dialog mit den Lehrern suchen. Das ist meiner Meinung nach das größte Problem an unseren Schulen: Es gibt nicht genügend Austausch zwischen Lehrern und Eltern über die individuellen Leistungen und Bedürfnisse des Kindes und die Gestaltung des Unterrichts. Viele Lehrer neigen leider immer noch dazu, Schüler zu demotivieren, etwa durch schlechte Noten. Dabei ist der Ansporn durch eine gute Note viel größer. Über solche Dinge muss man reden. Es fehlt bei uns immer noch das Bewusstsein, dass die Schulen eine Dienstleistung erbringen. Dazu gehört auch Kritik. Aber natürlich sollten auch Eltern loben und nicht nur meckern.

BRIGITTE.de: Kann es für die Eltern auch sinnvoll sein, Hilfe von außen zu holen?

Michael Schulte-Markwort: In der Regel können Eltern ihre Kinder selbst am besten einschätzen. Aber wenn sie sich schwer tun mit der Anti-Stress-Strategie, kann ein Erziehungsberater weiterhelfen. Auch wenn die Kinder trotz aller Bemühungen weiter gestresst sind, womöglich Symptome einer Angststörung oder Depression zeigen, sollten die Eltern auf jeden Fall Fachleute zu Rate ziehen, in diesem Fall den Kinderpsychiater.

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  • Artikel vom 06.03.2008
  • Interview: Michèle Rothenberg