Debatte
Die Patchwork-Lüge: "Gute Scheidungen gibt es nicht"
Die Thesen von Melanie Mühl
(Hanser Verlag, 176 Seiten, 23,90 Euro)
Vorwurf 1: Das falsche Medienbild
"Die Medien feiern seit einigen Jahren das Patchworkmodell als Glücksversprechen, als eine neue Idee von Familie, die nichts Muffiges mehr umgibt, weil sie sich aus allen Zwängen befreit hat. (...) Das täuscht darüber hinweg, dass jedem Patchworkglück ein Familienunglück vorausgeht."
Vorwurf 2: Verzicht und Stabilität sind nicht mehr zeitgemäß
"Wir leben im Zeitalter der Unabhängigkeit, das verleiht uns ein großes Freiheitsgefühl. (...) 'Anything goes' ist zu unserem Leitspruch geworden. (...) Der Glaube, jede Phantasie sei realisierbar, versetzt uns in einen permanenten Unruhe-, in einen Sehnsuchtszustand: Wartet nicht ein besseres Leben auf mich? Warum bin ich aus meinem noch nicht ausgebrochen?... Aber die Familie steht für alles Unzeitgemäße: Stabilität, Bedingungslosigkeit; Loyalität, Verzicht, Nähe."
Vorwurf 3: Die eigenen Gefühle stehen über allem
"Die gute Nachricht lautet, dass die Ehe nicht an Bedeutung verloren hat. Was verloren gegangen ist, ist ihr institutioneller Charakter. Das ist die schlechte Nachricht. Im Mittelpunkt stehen die eigenen Gefühle, die wir permanent beobachten: Tut mir der andere gut? Bin ich glücklich? Kompromissen gegenüber sind wir skeptisch und ziehen es vor, unsere Liebespartner mit Erwartungen zu überfrachten, als sei der andere nur deshalb auf der Welt, um uns glücklich zu machen. (...) Vermutlich haben wir in einem viel größeren Ausmaß, als wir glauben, die Fähigkeit verloren, Auseinandersetzungen in einer Beziehung für normal zu halten. Doch ohne Auseinandersetzungen sind Beziehungen zum Scheitern verurteilt."
Vorwurf 4: Die Familie als Statist
"Die Familie spielt in dieser Gesellschaft eine Statistenrolle. Jugendämter, Beratungsstellen, Scheidungsanwälte. (...) sollen die Zerrüttungsfolgen auffangen. Das können sie aber nicht."
Vorwurf 5: Jede Scheidung ist eine Tragödie
"Die Behauptung, es gebe auch gute Scheidungen, ist absurd. Für Kinder ist eine Scheidung eine Tragödie. (...) Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. (...) Scheidungskinder neigen stärker zu Depressionen und Jugendkriminalität, die Missbrauchsgefahr von Nikotin, Alkohol und Drogen ist größer. (...) Auch die Suizidgefahr ist bei Scheidungskindern erhöht. (...) Scheidungskinder wissen nicht, wie Familie funktioniert, wie sich Zusammengehörigkeit anfühlt, was eine Schicksalsgemeinschaft ist, sie haben es nie gelernt. Die logische Konsequenz, die Scheidungskinder aus ihren Erfahrungen ziehen, ist, dass sie seltener heiraten und Kinder bekommen."
Vorwurf 6: Scheidungskinder als tickende Zeitbomben
"Wir sprechen nicht über ein paar Kindheitstraumata, die nur die Persönlichkeit Einzelner betreffen, wir sprechen über nicht weniger als den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Kinder, die in unverbindlichen Sozialkonstruktionen aufwachsen, die sich selbst überlassen werden, verlieren jedes Gefühl für Bindungen, für Freundschaften, Liebe und Solidarität. Sie sind Vagabundierende, an keinem Ort verankert, ohne feste Beziehungen, nicht einmal zum eignen Ich. Das macht sie zu tickenden Zeitbomben."
Forum: Was denken Sie? Ist etwas dran an der "Patchwork-Lüge"?














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am um
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LilliF
am 17.02.12 um 11:07
Dieses Buch interessiert mich sehr. Endlich jemand der die Wahrheit ausspricht. In den Filmen werden Patchwork-Familien oft als was ganz tolles gezeigt, aber ich glaube nicht das es die Realität ist. Und Ehen die lange halten, werden als langweilig und spißieg dargestellt. Das nervt total.
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Elizabeth
am 02.12.11 um 20:15
Ich finde langjährige Beziehungen werden viel zu schnell aufgegeben. Kinder zu erziehen ist über weite Strecken einfach zu langweilig. In unserer Eventgesellschaft sind Ausdauer und Beständigkeit nicht mehr gefragt. Den Kindern geht es meiner Meinung nach dann gut, wenn zumindest ein Elternteil auf dem Boden bleibt, wenn beide in Richtung Selbstfindung abheben wirds echt kritisch. Außerdem was alle machen wird auch irgendwann uncool so gesehen wirds bald aus sein mit dem Patchworkwahn
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Beate
am 18.10.11 um 11:41
Ich bin ganz erstaunt, wie Frau M. Scheidungskinder beschreibt. Sie ist ja selber eins und hat trotz ihrer eigenen Beschreibung von sich selbst "....der tickenden Zeitbomben, ohne feste Beziehungen etc." einen lukrativen Job bei der FAZ erhalten? Erstaunlich.
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AE-Mama
am 13.10.11 um 11:37
Scheidungskinder sind tickende Zeitbomben?
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Mentalista
am 12.10.11 um 12:05
Um was geht es eigentlich?
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Kevin Miller
am 08.09.11 um 12:33
Selbst wenn man Frau Mühl nicht zustimmt, so enden doch 30% aller Trennungen mit Kind im Dauerstreit und in 50% aller Trennungen sieht nach einiger Zeit der abgetrennte Elternteil das Kind nicht mehr. Man muss gar nicht alle Trennungen als Problem sehen, bereits diese Zahlen reichen aus, dass es ein Riesenproblem für die Kinder ist mit Folgen, wie sie Frau Mühl beschreibt.
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Alma
am 07.09.11 um 16:23
Selbstverstaendlich ist es besser eine Situation zu beenden in der alle Beteiligten leiden. Falls eine Ehe derart dahin ist, dass die Eltern nicht mehr in der Lage sind ein stressfreies Mitander hinzubekommen ist es besser die Sache zu beenden, Kindern schadet eine dauernde Konfliktsituation ebenso und sie kriegen die Spannung zwischen den Eltern durchaus mit.
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Susanne1954
am 06.09.11 um 15:25
Frau Mühl hat aus ihrer Sicht, als betroffenes Kind die Scheidungssituation beschrieben. In meiner Arbeit mit jungen Menschen begegnet mir oft die Scheidungsrealität aus Sicht der betroffenen Kindern und ich kann nur Frau Mühl bestätigen in ihren Ansichten. Dieses Buch ist keine Streitschrift sondern gibt die Realität vieler Kinder wieder. Die Wahrnehmung und Bedeutung einer Scheidung ist für Kinder und Eltern oft diametral entgegengesetzt und eine andere. Natürlich will kein Mensch die lebenslange Zwangsehe zurück. Aber lebenslang zwischen getrennten Eltern hin- und herzupendeln - oft zerstritten, oft verletzt, oft nicht mehr bereit eine Ausbildung zu finanzieren, selten in der Lage, das Erleben der Kinder nachzuvollziehen - ist und bleibt eine Belastung für die meisten Scheidungskinder!
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Pilates2011
am 02.09.11 um 18:50
Mag sein, dass auch eine einvernehmliche Scheidung (wie bei mir) keine gute Scheidung ist, aber es hat allen Beteiligten sehr geholfen.. Mag auch sein, dass die Nestwärme in einer Patchwork-Familie nicht so ausgeprägt ist wie in einer funktionierenden Ehe. Und dennoch, die meisten lassen sich sicher nicht zu schnell scheiden; sehr oft geht ein langer Leidensweg voraus. Was man dann aus der Patchwork-(oder Klein-)Familie macht, liegt ganz an den Beteiligten. Es erfordert mit Sicherheit von den allein Erziehenden mehr soziale Kompetenz und Einfühlungsvermögen als in einer "normalen" Ehe, was jedoch im Umkehrschluss genauso den Kindern, bzw. Jugendlichen zugute kommt; meine Kinder (inzwischen 21 und 17) haben die Trennung und Scheidung beide als Erleichterung empfunden, haben ein gutes Verhältnis zum Vater und erleben mich als ausgeglichen und stark; als Frau, die auch gerne arbeiten geht und trotzdem immer für sie da ist, und beide sind 2 tolle junge Menschen geworden, was will man
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Behappy
am 01.09.11 um 07:45
Wieder mal ein Ratgeber... Da wünsch ich Frau Mühl ein gutes Residualeinkommen! Ansonsten bleibt für mich immer wieder das gleiche zu sagen:
mehr (16)Beschreibt sich die Frau M. da vielleicht selber?
Sie ist also auch eine Vagabundierende, die kein persönliches Ich hat, ohne feste Beziehungen, ohne Gefühl für Liebe, Freundschaft, Solidarität usw. ?
Sorry, ich kann ein so provokatives Buch von einem Mensch, der eigentlich mit seiner eigenen Aussage sich selber als tickende Zeitbombe beschreibt, nicht ernstnehmen.
Wie soll das gehen?
Um vermeidbare Scheidungen oder um Patchwork-Familien?
Mir scheint eher, dass es der Frau M. geht, ihre eigene Kindheit mittels eines provokativen Buches therapeutisch aufzuarbeiten und gutes Geld damit zu verdienen. Clever ist sie, dass muss man ihr lassen.
Sie beschreibt ihr Schicksal und überträgt ihre Erfahrungen auf die heutige Zeit, was man m.E. nicht tun kann.
Richtig ist, dass viele Scheidungen zu früh eingereicht werden. Richtig ist, dass die Eltern mehr an sich arbeiten müssten, vor allen Dingen die Männer, aber richtig ist auch, dass viele Frauen ohne die Männer besser dran sind, weil leider viel zu viele Männer nicht die emotionale Reife mitbringen, um ein guter und belastbarer Vater zu werden.
Wir sollten lieber hinschauen, warum genau die Ehen scheitern und ob es die gleichen Gründe sind, dass auch Patchwork-Familien scheitern können!
Leider ernährt sich eine gut verdienende Helferindustrie von Trennungen, Deutschland leistet sich eine der höchsten Richter- und Anwaltsdichten und eine der personenstärkste Behörden, das Jugendamt. Die Ergebnisse dieser "Profi-Trennungsbegleiter" sind so elend schlecht, dass wohl eine Reform nicht mehr ausreichen würde, sondern eine grundlegende Neuausrichtung mit radikalen Veränderungen. Was wohl nicht passieren wird, stattdessen jährliche Jammereien über die Geburtenrate und stetige Zunahme von Problemkindern.
Aber dh noch lange nicht dass die Nachscheidungssituation von den Kindern mit viel Freude erlebt wird. Eltern die mit sich selbst beschaeftigt sind um ihr Leben neu zu ordnen, neue Lebenssituationen mit Stiefeltern und Stiefgeschwistern sind nicht immer einfach zu verarbeiten und fuehren oft zu anderen Problemen.
Daher ist es nicht schlecht mal von einem anderen Stanpunkt darueber zu reden.
Das Rad der Zeit laesst sich nicht zurueckdrehen und sollte es auch nicht aber wie so oft hat jede Neuerung zwei Seiten, die man wenn man ehrlich ist beruecksichtigen sollte gerade wenn es um Kinder geht, die sich nicht wehren koennen
Wann trauen wir wieder unserer eigenen Wahrnehmung? Statistiken helfen nicht weiter, denn jeder von uns ist immer 100%! Alles, was uns begegnet ist 100%!
Unsere Aufgabe ist es hin zu schauen, hin zu hören und mit Gefühl und Liebe zu reagieren und zwar gegenüber uns selbst und den 100% die uns begegnen. Da gibts kein "falsch" oder "schlecht". Da gibt es nur das Leben, das von uns gelebt werden will.
Noch ein schöner Spruch zum Schluss den ich vor kurzem gelesen habe, sinngemäß:
Man soll sich solange nicht über etwas beklagen, bis man nicht absolut sicher ist, dass es doch für etwas gut ist. Grüße eines Scheidungskindes und Patchworkmama in Personalunion