Verlassene Eltern: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen

Ihre Kinder wollen sie nicht mehr sehen, gehen nicht ans Telefon, schicken Briefe ungeöffnet zurück: Verlassene Eltern wissen häufig nicht einmal, warum ihre Kinder den Kontakt abbrechen - und müssen trotzdem damit leben.

Forum: Hier können Sie sich zu diesem Thema austauschen

  • 293 Kommentare
  •  
  •  

Vom eigenen Sohn abserviert

Foto: LuchtPomp/photocase.com

Ich fühle mich unwohl innerhalb dieser Familie", lautete der erste Satz. Eine Anrede fehlte. Kein "Liebe Mama", nicht einmal ein "Hallo" stand über dem Text, den Petra Baumann* als den "Brief ihres Lebens" bezeichnet. Es ist der Brief, mit dem Stefan*, 28, den Kontakt zu seiner Mutter beendet. Was genau Petra Baumann falsch gemacht hat, schreibt er nicht.

"Ich bin in meinem Schmerz, meinem Kummer ertrunken", sagt die Frau mit den warmen braunen Augen und den schulterlangen blonden Haaren. Sie sitzt in ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand von Berlin und raucht. Kaum hat sie eine Zigarette im Aschenbecher zerdrückt, zündet sie sich die nächste an. Seit dem Kontaktabbruch ihres Sohnes sind neun Jahre vergangen, und noch heute quält es sie, den Brief zu lesen. Ihre Stimme wird leiser, und die 58-Jährige sinkt beim Lesen in sich zusammen.

Zwischen sie und ihre beiden Söhne passe kein Blatt Papier - das hatte sie früher immer gedacht. Besonders Stefan stand der alleinerziehenden Mutter nahe, auch als er schon lange in einer eigenen Wohnung lebte. Ihr Sohn Jan*, zu dem Stefan ebenfalls den Kontakt abgebrochen hat, ist elf Jahre jünger. "Stefan war mein Vertrauter, jemand, mit dem ich über alle Probleme gesprochen habe", sagt sie. Niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass er sich von ihr abwenden würde.

Wie viele Kinder in Deutschland den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen - darüber gibt es keine Zahlen. Doch wer in das Gästebuch der Selbsthilfegruppe "Verlassene Eltern" schaut, der auch Petra Baumann beigetreten ist, erkennt: Es sind viele. Bis zu 10.000 Menschen besuchen die Internetseite im Monat. Inzwischen gibt es Zweigstellen der Selbsthilfegruppe in Hilden, Freiburg, Kiel, Hofheim, Berlin und Luzern. "Am schlimmsten ist der Gedanke, das eigene Kind sein ganzes Leben nie mehr zu sehen und zu hören - keinen Kontakt mehr zu haben. Diese Überlegung tut fast körperlich weh. Das Gefühl, für immer abgeschrieben zu sein", schreibt eine Mutter.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  • * alle Namen von der Redaktion geändert

    Text: Katrin Schmiedekampf
    Foto: LuchtPomp / photocase.com
    Ein Artikel aus Heft 12/2010
Letzte Kommentare
  • Alexandra*
    am 19.05.12 um 16:58
    Es ist Missbrauch, wenn ich als Mutter mit meinem Kind meine Probleme besprechen würde. So etwas würde ich niemals tun, dann würde ich meinem erwachsenen Kind wertvolle Zeit und Lebensqualität wegnehmen.

    Diese Selbsthilfegruppe finde ich fragwürdig wegen 1.) der beiden Sätze unter dem Bild auf deren Homepage und 2.) des Schreibens an das Familienministerium (ja, ich bin entsetzt wegen des Schreibens).

    Auf MICH wirkt die Selbsthilfegruppe so, als wenn 1.) verlassene Eltern nicht akzeptieren können, dass ihre Kinder nun erwachsen sind und selbst bestimmen dürfen, welche Menschen ihnen gut tun und welche nicht, 2.) sie ihren Kindern überhaupt kein eigenes Leben zugestehen wollen und 3.) es den Eltern nur um sie selbst geht wegen späterer Pflege und Unterkunft (als wenn die Kinder sie später pflegen sollen, und nur ja nicht das eigene Leben genießen sollen).

    Kinder sind aber kein Eigentum. Und das ist gut so.

  • tja
    am 19.05.12 um 14:35
    hm, mal überlegen... vielleicht eine reaktion auf die berühmt-berüchtigte kindesmisshandlung?
  • Rosl
    am 14.05.12 um 09:29
    liebe 4fachGlucke

    Guten Morgen,
    Wenn man ihre Familientragödie liest, tut es mir auch sehr weh. Obwohlich ich euch net kenne.
    Es ist für eine Mutter ganz bitter, wenn sich die Kinder untereinander zerstreiten. Hier in dem Fall hat ja die Oma ihren Enkel mit zur Geburtstagsfeier eingeladen. Kann man denn dies nicht akzeptieren? Tja.
    Trösten Sie sich mit mir, meine Tochter meidet uns schon Jahren!
    Ich bin aber froh und glücklich , dass uns wenigstens unsere Enkel bis jetzt noch achten.

    liebe Grüße

mehr (293)
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * Andere Zeichenfolge
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.
BRIGITTE im ABO