Kinder & Eltern
Verlassene Eltern: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen

Die Eltern sitzen hier, weil sie allein nicht mehr weiterkommen

Weil es so viele Fragen gibt, die sie quälen und auf die ihnen niemand eine Antwort geben kann. Haben sie ihr Kind zu viel geliebt oder zu wenig? Haben sie es verhätschelt, ihm zu viel durchgehen lassen? Haben sie sich zu sehr in das Leben ihres Kindes eingemischt? Oder hat der neue Partner des Kindes gegen die Eltern gehetzt?

In der Selbsthilfegruppe haben sie den Mut, über diese Fragen zu sprechen. Hier macht ihnen niemand Vorwürfe. Die Mütter und Väter erzählen reihum, wie sie sich gerade fühlen. "Früher war ich ein lustiges Kerlchen", sagt Peter Grunewald*. Aber die Theaterbesuche und Treffen mit Freunden, an denen er sich einmal freuen konnte, gehen heute an ihm vorbei. "Es ist, als ob ich im Zug sitze und aus dem Fenster schaue. Ich betrachte das Leben da draußen, als sei ich selbst nicht mehr beteiligt." Er und die anderen Eltern im Raum denken bis heute mehrmals am Tag an ihre Kinder.

"Halt, bei mir ist das nicht so", sagt Ruth Gerling*, zehn Jahre nach dem Kontaktabbruch habe sie sich das endlich abgewöhnt. "Ich schaffe es, mal ein oder zwei Tage nicht an meine Kinder und Enkelkinder zu denken", sagt sie. Trauer, Wut, Hoffnung, Selbstvorwürfe - Ruth Gerling hat viele Phasen durchlebt, bis sie endlich zu diesem Punkt gekommen ist. Sie hat gelernt, ohne Kinder und Enkelkinder glücklich zu sein. Sie arbeitet, geht reiten, kümmert sich um das Kind einer Freundin. "Es ist ein tolles Gefühl, gebraucht zu werden", sagt sie.

Es wirkt, als wären die anderen Eltern neidisch. Auch sie möchten endlich nach vorn zu schauen. Doch sie können sich nicht davon abhalten, ihre Kinder zwischendurch zu googeln, um herauszufinden, in welcher Stadt der Sohn gerade lebt oder was die Tochter beruflich macht. Sie überlegen, ob sie noch einmal einen Anruf wagen oder eine Weihnachtskarte schreiben sollen, die ihr Kind vielleicht ungelesen in den Müll werfen wird. Manchmal denken sie sogar darüber nach, ihren Kindern die Meinung zu sagen, ihnen vorzuhalten, wie unmöglich es ist, einfach abzuhauen. "Mein Sohn stellt Leute ein und entlässt welche. So hat er auch seine Eltern eines Tages entlassen", sagt ein Vater, dessen Sohn vor dreieinhalb Jahren den Hörer aufgelegt und nie wieder abgehoben hat. Eine Mutter überlegt laut, ob sie sich nicht mit einem Schild in den Vorgarten ihrer Tochter stellen soll, auf dem geschrieben steht: "Hier wohnen meine Enkelkinder, aber ich darf sie nicht sehen."

Ihre Tochter ist nach fast vier Jahren zurückgekommen

Sie wissen, dass sie all dies besser nicht tun sollten. Aber ihre Gefühle sind stärker. Der Wunsch, den Kindern irgendwie nahezukommen. Obwohl manche Eltern schon seit über zehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, fühlen sie sich eng mit ihnen verbunden. "Das Band zwischen uns und unserem Sohn ist zwar ausgeleiert, weil es stark strapaziert worden ist", sagt Peter Grunewald, "aber es ist noch immer da." Als eine Mutter einwendet: "Aber wenn es ein Gummiband ist, dann flitscht es doch irgendwann wieder zurück, und dein Sohn ist wieder da", lacht die ganze Runde.

Das, was sich die 15 Eltern in Hilden wünschen, ist bei Gabriele Grüner* inzwischen eingetreten: Ihre Tochter Sarah* ist nach fast vier Jahren zurückgekommen. "Kurz bevor sie 18 Jahre alt war, heiratete sie einen Mann, mit dem ich nicht einverstanden war. Er hatte elf Vorstrafen", sagt Grüner. Außerdem zeigte Sarah sie wegen 5000 Euro an, die ihr die Mutter angeblich unterschlagen habe. Danach brach sie den Kontakt ab. Gabriele Grüner machte eine Therapie und verstand plötzlich: Für ihre Tochter war sie immer eine Übermutter gewesen. Eine Frau, die Chinesisch lernt, ins Fitnessstudio geht, mit ihrer Tochter Sekt trinkt und gern reist. Die alles weiß und alles kann. Und von der es daher schwer ist, sich abzugrenzen. Auch Gabriele Grüner stieß auf die Selbsthilfegruppe "Verlassene Eltern" und begriff: "Entweder ich gehe daran zugrunde, oder ich baue mir ein neues Leben ohne meine Tochter auf." Sie entschied sich für die zweite Möglichkeit.

Auch wenn sie ständig an Sarah dachte, meldete sie sich nicht bei ihr. Einmal nur fuhr sie mit dem Auto zur Wohnung ihrer Tochter, stieg aber am Ende nicht aus. Dreieinhalb Jahre später stand Sarah plötzlich bei ihrer Mutter vor der Tür. Sie weinte und sagte: "Mama, ich kann gar nicht sagen, wie leid es mir tut." Ihre Mutter weinte nicht. Sie war vorsichtig, wusste nicht, wie sich der Kontakt zu ihrer Tochter entwickeln würde. Die beiden tasteten sich langsam wieder aneinander heran, bauten eine völlig neue Beziehung zueinander auf. Heute sehen sie sich jede Woche, gehen zusammen in die Stadt oder trinken Kaffee. "Die Auszeit hat uns beiden gutgetan. Wir haben ein viel besseres Verhältnis zueinander als früher", sagt Gabriele Grüner.

Der Mann, der er geworden ist, ist mir fremd. Und doch ist er mein Sohn.

Auch Petra Baumann aus Berlin sagt, dass der Kontaktabbruch ihres Sohnes trotz allem Schmerz gute Seiten habe. "Für Stefan war das damals die richtige und wichtige Entscheidung." Sie selbst habe sich durch den Weggang ihres Sohnes ebenfalls verändert. "Ich weiß jetzt, wer ich bin und wer mir wirklich wichtig ist in meinem Leben." Dafür sei sie - so absurd das auch klingen mag - dankbar. Doch nach wie vor kann sie nachts nicht schlafen. Sie spricht dann in Gedanken mit Stefan. Entschuldigt sich dafür, dass sie in seinen Augen nicht die Mutter war, die er sich gewünscht hat. Bittet ihn um ein Gespräch. Obwohl sie weiß: Selbst wenn sie seine Nummer hätte, würde sie ihren Sohn nicht anrufen.

Petra Baumann hat seine Entscheidung akzeptiert. "Ich brauche ihm nicht zu sagen, dass die Tür immer offen steht, denn ich denke, das weiß er." Insgeheim hofft sie weiterhin, ihm eines Tages wieder näherzukommen. "Der Mann, der er geworden ist, ist mir fremd. Und doch ist er mein Sohn. Und ich möchte ihn gern kennen lernen."

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  • * alle Namen von der Redaktion geändert

    Text: Katrin Schmiedekampf

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