Kinder & Eltern
Verlassene Eltern: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen

  • 872 Kommentare
  •  
  •  

Die Eltern sitzen hier, weil sie allein nicht mehr weiterkommen. Weil es so viele Fragen gibt, die sie quälen und auf die ihnen niemand eine Antwort geben kann. Haben sie ihr Kind zu viel geliebt oder zu wenig? Haben sie es verhätschelt, ihm zu viel durchgehen lassen? Haben sie sich zu sehr in das Leben ihres Kindes eingemischt? Oder hat der neue Partner des Kindes gegen die Eltern gehetzt?

In der Selbsthilfegruppe haben sie den Mut, über diese Fragen zu sprechen. Hier macht ihnen niemand Vorwürfe. Die Mütter und Väter erzählen reihum, wie sie sich gerade fühlen. "Früher war ich ein lustiges Kerlchen", sagt Peter Grunewald*. Aber die Theaterbesuche und Treffen mit Freunden, an denen er sich einmal freuen konnte, gehen heute an ihm vorbei. "Es ist, als ob ich im Zug sitze und aus dem Fenster schaue. Ich betrachte das Leben da draußen, als sei ich selbst nicht mehr beteiligt." Er und die anderen Eltern im Raum denken bis heute mehrmals am Tag an ihre Kinder.

"Halt, bei mir ist das nicht so", sagt Ruth Gerling*, zehn Jahre nach dem Kontaktabbruch habe sie sich das endlich abgewöhnt. "Ich schaffe es, mal ein oder zwei Tage nicht an meine Kinder und Enkelkinder zu denken", sagt sie. Trauer, Wut, Hoffnung, Selbstvorwürfe - Ruth Gerling hat viele Phasen durchlebt, bis sie endlich zu diesem Punkt gekommen ist. Sie hat gelernt, ohne Kinder und Enkelkinder glücklich zu sein. Sie arbeitet, geht reiten, kümmert sich um das Kind einer Freundin. "Es ist ein tolles Gefühl, gebraucht zu werden", sagt sie.

Es wirkt, als wären die anderen Eltern neidisch. Auch sie möchten endlich nach vorn zu schauen. Doch sie können sich nicht davon abhalten, ihre Kinder zwischendurch zu googeln, um herauszufinden, in welcher Stadt der Sohn gerade lebt oder was die Tochter beruflich macht. Sie überlegen, ob sie noch einmal einen Anruf wagen oder eine Weihnachtskarte schreiben sollen, die ihr Kind vielleicht ungelesen in den Müll werfen wird. Manchmal denken sie sogar darüber nach, ihren Kindern die Meinung zu sagen, ihnen vorzuhalten, wie unmöglich es ist, einfach abzuhauen. "Mein Sohn stellt Leute ein und entlässt welche. So hat er auch seine Eltern eines Tages entlassen", sagt ein Vater, dessen Sohn vor dreieinhalb Jahren den Hörer aufgelegt und nie wieder abgehoben hat. Eine Mutter überlegt laut, ob sie sich nicht mit einem Schild in den Vorgarten ihrer Tochter stellen soll, auf dem geschrieben steht: "Hier wohnen meine Enkelkinder, aber ich darf sie nicht sehen."

  • * alle Namen von der Redaktion geändert

    Text: Katrin Schmiedekampf
    Foto: LuchtPomp / photocase.com
  • 872 Kommentare
  •  
  •  
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen