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"Ich will nicht mehr so empfindlich sein"

Katja Lehr ist Malerin, erfolgreich und beliebt. Doch immer wieder bremst sie sich selbst aus, weil sie jede Kritik persönlich nimmt. Ihr sehnlicher Wunsch: "Ich will nicht mehr so empfindlich sein"

Die Ausgangssituation

Katja Lehr Künstlerin, 41, aus Hamburg Katja ist eine humorvolle und kontaktfreudige Frau mit einem feinen Gespür für Farben und Stil - und für Menschen. Sie hat einen großen Freundeskreis, mit ihren Bildern und der Malschule in Hamburg ist sie sehr erfolgreich, mit ihren drei Söhnen läuft alles prima. Viele Gründe, stolz auf sich zu sein. Doch fast jede auch noch so kleine Kritik trifft sie mitten ins Herz.

Sagt zum Beispiel beim Tennis eine Frau zu ihr "Es ist ganz anders, nicht mit seinem gewohnten Partner zu spielen", dann fühlt sie sich sofort unerwünscht. Wird in abendlicher Runde erwähnt, "Wir treffen uns bald wieder" fragt sie sich: War ich auch gemeint?

Auch beruflich lässt sie sich trotz erfolgreicher Ausstellungen leicht verunsichern, wenn jemand ihren Stil kritisiert oder die Zusammenstellung der Bilder hinterfragt. Mutter und Freundinnen raten, nicht immer alles auf die Goldwaage zu legen. Und doch gelingt es Katja nicht, die Bemerkungen weniger persönlich zu nehmen. Katja sagt: "Ich glaube, dass viele Dinge anders gemeint sind, als sie bei mir ankommen, aber abstellen kann ich meine Gefühle deshalb trotzdem nicht. Ich wünsche mir weniger Selbstzweifel und ein dickeres Fell!"

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Die Psychologin

Dipl.-Psychologin Barbara Gmöhling, Psychodynamisches Coaching, Kempten im Allgäu, www.wellnesspsychologie.de

Wenn Katja sich durch scheinbar harmlose Äußerungen gekränkt fühlt, erinnert sie sich oft unbewusst an Situationen, die sie schon früher als verletzend empfand. Sätze wie: "Das kannst du nicht, ich mach das für dich" können das Selbstwertgefühl mindern, auch, wenn sie gut gemeint sind. Erkennt Katja, wann ihre Vergangenheit in die Gegenwart hineinspielt, fällt es ihr leichter, belastende Verhaltensmuster auszusortieren. Als Schutzfilter dient der Satz: "Ich bin mir wertvoll, das genügt mir." Damit kann Katja in akuten Situationen auf Distanz gehen. Zudem kann sie überdenken, ob sie tatsächlich von jedem geliebt werden muss, um glücklich zu sein. Hilfreich ist auch, im engen Freundeskreis verletzte Gefühle mal anzusprechen. So kann sie in einer ihr wohlgesonnenen Umgebung die Kränkungen mit der tatsächlichen Absicht abgleichen. Das gibt ihr ein realistischeres Bild und lässt Katja im Kontakt zu anderen reifen.

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Der Box-Trainer

Dirk Müller, Box-Workout und Selbstverteidigung, Hamburg, www.box-workout.com

Wer boxt, bekommt langfristig eine Körperhaltung, die signalisiert: Ich lass mich nicht kleinmachen! Katja wird dadurch weniger verbale Angriffe kassieren und Kritik gegenüber unempfindlicher. Denn stecke ich im Training einen Treffer ein, stelle ich mich auch nicht hin, jaule und nehme es persönlich, sondern arbeite an meiner Abwehr. Katja lernt beim Boxen, sich zu behaupten, und "entschlackt" seelisch, indem sie Dampf ablässt. Katjas Übung für zu Hause: Bei Musik mit vielen Beats vor einen Spiegel stellen, Beine schulterbreit in leichter Schrittstellung, beide Hände vor dem Körper in Kinnhöhe. Aus dieser Position heraus im Takt oder im eigenen Rhythmus mit den Fäusten etwa zehn Minuten mit zunehmendem Tempo wechselweise in Richtung Spiegelbild schlagen.

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Die Astrologin

Rosa Griesbeck, Astrologin und Heilpädagogin, München, www.sternen-rosa.de

Katja interessiert sich sehr für Astrologie. Sie sollte aber bedenken, dass Anlagen im Horoskop keine Vorbestimmung sind, sondern eine Art genetischer Abdruck. Sie sind hilfreich, um sich selber zu erkennen und weiterzuentwickeln. Das Geburtshoroskop von Katja zeigt, dass sie eine sehr gefühlvolle, intuitive und fantasievolle Frau ist. Diese Talente nutzt sie als Malerin. Ihr Aszendent Jungfrau führt dazu, dass sie einen extrem hohen Anspruch an sich hat, außerdem ist sie sehr sensibel und verletzlich. Katja bekommt die Aufgabe, eine Woche lang alle positiven Rückmeldungen des Tages zu notieren. Außerdem kann sie sich vornehmen, ein Mal am Tag klar Nein zu sagen. Das hilft ihr, im Gespräch mit anderen auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Indem sie merkt, wie gut sie trotz dieser Abgrenzung bei ihren Freunden ankommt, wird sie lernen, sich nicht länger zu bekämpfen, sondern Ja zu sich selbst zu sagen.

...und das hat's gebracht:

Nach einer Woche Puh, das sind ja ganz schön viele Impulse auf einmal. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das alles in meinem Alltag unterbringen soll. Das erste Boxtraining war auch prompt total anstrengend. Obwohl ich sportlich bin, war ich hinterher extrem erschöpft, aber auch beglückt, weil es doch viel Spaß gemacht hat, an meine körperlichen Grenzen zu gehen.

Die Astrologin hat mir verdeutlicht, dass ich oft das Haar in der Suppe suche. Ich brauche scheinbar sehr viel Anerkennung. Deshalb schreibe ich jetzt täglich auf, was gut gelaufen ist. Mich erstaunt, wie viel Positives mir tagtäglich gesagt wird. Das habe ich bislang anscheinend kaum gehört - und nur bemerkt, was die Leute alles nicht gesagt haben.

Ich schaffe es jetzt auch schon, mich innerlich nicht mehr so stark zu kritisieren. Ich sehe zum Beispiel, dass meine aktuelle Ausstellung gut gelaufen ist - und Punkt. Früher hätte ich mich mit dem Gedanken gequält, dass ich doch hätte mehr verkaufen können.

Verblüffend war das Gespräch mit der Psychologin. Ich bin erstaunt, wie sehr die Kindheit in meine heutigen Gefühle hineinspielt. Ich war ein sehr umhegtes Wunschkind. Aber zu viel Fürsorge erzeugt anscheinend das Gleiche wie Vernachlässigung. Mir wurde immer viel abgenommen und oft gesagt, ich solle nicht so empfindlich sein. Deshalb traue ich meinen Gefühlen bis heute nicht so ganz. Ich bin unsicher und lasse mich von der kleinsten Kritik umhauen. Das weiß ich nun. Immerhin. Ich bin gespannt, ob ich das in den Griff bekomme.

Nach einem Monat Die Coachings haben wirklich viel gebracht: Ich lasse mich inzwischen nicht mehr von Kleinigkeiten beeinflussen, und wenn ich mal etwas persönlich nehme, ziehe ich mich nicht gekränkt zurück, sondern versuche herauszufiltern, wie was tatsächlich gemeint war.

Meine Empfindsamkeit wird bleiben, aber das ist für mich auch in Ordnung. Ich weiß jetzt, dass ich mit dieser Anlage bereits geboren wurde - die Analyse der Astrologin hat mich da sehr entspannt. Ich spüre endlich, dass ich so, wie ich bin, genau richtig bin. Der Satz "Ich bin wertvoll, das genügt mir" hat mir extrem geholfen - in meiner eigenen Wertschätzung und in der Abgrenzung anderen gegenüber.

Das Boxen war eine tolle Idee! Als Mutter bin ich stets beherrscht, ruhig und ausgleichend. Ich unterdrücke meine Aggressionen und erlaube mir keine Ausraster. Beim Boxen konnte ich nun endlich mal draufhauen und mich mit dem Gefühl "Jetzt gebe ich es allen" so richtig auspowern. Das war herrlich befreiend, weil ich viel aufgestaute Wut losgeworden bin. Jeder Experte hat mir auf seine Weise gezeigt, welches Potenzial in mir steckt. Dachte ich vor Kurzem noch, ich schaffe zu wenig und verzettele mich schnell, weiß ich nun, ich regele auch viel und mache meine Sache gut. Bemängeln meine großen Jungs, dass es nichts zum Mittag gibt, sage ich, ihr seid 16 und 19 und wisst, wo die Nudeln liegen.

Ich lerne, dass ich nicht in jedem Moment von allen geliebt werden muss. Inzwischen sage ich einer Freundin ab, wenn ich zu müde bin. Das habe ich mich bislang nicht getraut, und es fühlt sich fremd an, aber auch so, als ob ich damit akzeptiert und geachtet würde. Ich löse mich aus der Rolle der schwebenden Fee, die überall Gutes tut, und sorge für mich in dem aufkeimenden Vertrauen: Die Menschen, die mir wirklich wichtig sind, mögen mich so, wie ich bin. Streift mich dennoch einer dieser Seelenhiebe, arbeite ich an meiner Abwehr!

Fotos: iStockphoto, Max Massal, Privat Text: Stefanie Wiggenhorn BRIGITTE BALANCE Heft 4/2008

Wer hier schreibt:

Stefanie Wiggenhorn

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