Einsamkeit: "Eine Partnerschaft ist keine Erlösung"
Ursula Wagner
Foto: Reinhardt Görner
Brigitte.de: Es gibt immer mehr Menschen, die keinen Partner haben. Weshalb erleben so viele von ihnen das Alleinsein als Versagen?
Ursula Wagner: In unserer Gesellschaft gilt das Leben als gestaltbar, jeder ist individuell dafür verantwortlich. Das heißt, alles, was nicht so gut läuft, erzeugt Schuldgefühle. Hier liegt ein Missverständnis von Selbstverantwortung vor. Alles beeinflussen zu können, ist eine Illusion.
Brigitte.de: Trotzdem hadern viele Singles mit der Frage, warum sie allein sind.
Ursula Wagner: Die Frage "Warum bin ich persönlich allein?" ist eine wichtige Frage, wenn man sie nicht mit der Schuldfrage verknüpft. Wer sich selbst beschimpft, geht belastet in die Zukunft. Man fühlt sich selbst schnell beziehungsunfähig, das ist wenig hilfreich. Besser ist es genau hinzusehen, an welchen Punkten Sie ansetzen können.
Brigitte.de: Haben Sie einen konkreten Tipp dafür?
Ursula Wagner: Schreiben Sie auf einem Blatt Papier auf, jeweils in einer Spalte, was Sie in einer Beziehung bekommen und was nicht bekommen haben, und was Sie gegeben und nicht gegeben haben. Hier können Sie Muster erkennen und eventuell psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Brigitte.de: Was kann ich selbst tun?
Ursula Wagner: Ich kann mich fragen: Wonach habe ich jetzt Sehnsucht? Gibt es Bedürfnisse, die ich selbst erfüllen kann und muss? Vielleicht bin ich auch im Job unzufrieden, und diese Unzufriedenheit kann kein Partner vollständig wettmachen. 'Ich fühle mich nicht vollständig', dieses Gefühl, nicht liebenswürdig und wertvoll zu sein, kann ich auch in einer Beziehung haben. Mein Partner kann mich nicht von mir selbst erlösen. Auch wenn die Partnerschaft einem vieles gibt, was man als Single nicht bekommt. Wichtig ist es, sich nicht die Schuld dafür zu geben, dass es einem schlecht geht.
Brigitte.de: Was sind denn erste, einfache Schritte, um sich als Single besser zu fühlen?
Ursula Wagner: Wacher werden, sich umschauen in der Welt, Farben, Formen, Gerüche wieder wahrnehmen, sich Zeit dafür nehmen. Gar nicht gezielt, sondern einfach sinnlicher werden für das, was um einen herum so passiert. Und wenn Sie jemandem begegnen, denken Sie nicht gleich, 'da muss jetzt was draus werden'. Verbieten Sie sich die Sehnsucht nach einem Partner natürlich auch nicht. Versuchen Sie, das Leben mit mehr Freude zu füllen.
Brigitte.de: Viele Übungen in Ihrem Buch sind auf den Körper ausgerichtet. Warum spielt er beim Thema Einsamkeit so eine große Rolle?
Ursula Wagner: Wir speichern im Körper alle positiven und negativen Gefühle. Schlechte Gefühle tragen dazu bei, dass wir uns weniger spüren wollen. Oft vermeiden Einsame, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen, weil es das Gefühl des Alleinseins verstärkt. Doch es ist erwiesen, dass aktive Bewegung sehr dazu beiträgt, sich im eigenen Körper wohler zu fühlen. Das wirkt auch auf die Ausstrahlung. Und Partnersuche läuft sehr stark über körperliche Ausstrahlung. Es lohnt sich also, den Körper zu beleben.
Brigitte.de: Und wie geht man mit der Angst um, keinen Partner mehr zu finden? Das hängt ja nicht nur mit dem körperlichen Wohlbefinden zusammen.
Ursula Wagner: Ich war selbst über Jahre allein und kannte neben den zufriedenen Phasen auch diese Angst. Das Schlimme ist, dass sie so diffus ist. Wichtig ist es, der Angst wirklich in die Augen zu sehen. Fragen Sie sich 'an was erinnert mich das? Habe ich das schon früher gehört?' Schauen Sie, was Sie dem Gefühl zu entgegnen haben. Begeben Sie sich ins "Worst-Case"-Szenario: Wie lebe ich, wenn ich keinen Mann mehr finde? Das kann schließlich passieren. Und auch dann gäbe es für mich ein sinnvolles Leben.













