Angst ist der Motor für Erfolg

BRIGITTE: Und was soll das bringen?

Borwin Bandelow: Sie schaffen sich so ein kleines, überschaubares Übungsgelände für Ihre Angst. Auf ungefährlichem Terrain lernen Sie, mit ihr umzugehen und sie zu besiegen.

BRIGITTE: Das hilft, wenn es ans Eingemachte geht?

Borwin Bandelow: Es geht darum, die innere Struktur in Balance zu halten. Wir haben ein Angstsystem, ein Vernunftsystem und ein Belohnungssystem. Tritt der Schaden, den das Angstsystem befürchtet hat, nicht ein, belohnt uns unser Gehirn mit einer Ausschüttung von Wohlfühlhormonen. Angst hat also auch etwas sehr Positives, das übersehen aber die meisten Menschen. Winston Churchill sagte einmal: "Es gibt nichts Schöneres, als beschossen und nicht getroffen zu werden."

"Die Vernunft sagt: Das wird schon wieder. Die Angst sagt: Pustekuchen!"

BRIGITTE: Sie leiten seit 20 Jahren die Angstambulanz in Göttingen. Rennen Ihnen die Leute jetzt, in Zeiten der Krise, die Tür ein?

Borwin Bandelow: Nein, nicht mehr als sonst. Angstpatienten kommen wegen ganz unrealistischer Befürchtungen. Die haben Angst vor Fußgängerzonen und Fahrstühlen oder bekommen ganz plötzliche Panikattacken. Bei mir in der Praxis war noch nie jemand wegen Terrordrohungen, Jobangst oder Geldsorgen.

BRIGITTE: Heißt das, dass wir Menschen mit den realen Bedrohungen im Grunde genommen ganz gut zurechtkommen?

Borwin Bandelow: Besser zumindest, als es manchmal nach außen hin den Anschein macht. Der Mensch ist dafür konstruiert, mit Sorgen umzugehen. Angst zu haben ist ganz normal.

BRIGITTE: Woran merke ich, ob ich mir nur Sorgen mache oder schon krank vor Angst bin?

Borwin Bandelow: Natürlich grübeln wir alle, haben Ängste, etwa davor, dass der Partner stirbt, man selbst krank werden könnte oder nicht gut genug für die Arbeitswelt ist. Als Faustregel gilt: Wer mehr als den halben Tag über seine Angst nachdenkt oder anfängt, berufliche oder private Entscheidungen nach seiner Angst auszurichten, wer zum Beispiel eine Beförderung ablehnt, weil er dann so viel mit fremden Leuten sprechen müsste, oder sich ohne den Partner nicht mehr in den Supermarkt traut, der sollte zum Psychiater gehen. Das hat nichts mehr mit gesunder Angst zu tun.

  • Interview: Georg Cadeggianini
    Foto: Flashfoto
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 07/09

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