Angst ist der Motor für Erfolg

Wer Panikattacken hat, braucht Hilfe. Ansonsten gibt es viele gute Gründe, sich mit seinen Ängsten anzufreunden, sagt Angstforscher Borwin Bandelow. Ein Gespräch über Angst, Jobsorgen und Wohlfühl-Hormone.

BRIGITTE: Herr Professor Bandelow, derzeit haben viele Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit. Was hilft, wenn Sorgen überhandnehmen und wir uns nur noch fragen: Bin ich eigentlich gut genug für den Job?

Borwin Bandelow: Ich empfehle eine Realitätsprüfung: Überlegen Sie, ob Sie von allen Mitarbeitern wirklich derjenige sind, der am pfuschigsten arbeitet. Gerade Frauen schätzen sich häufig falsch ein. Fast immer haben genau die Leute am meisten Angst, die beim Chef gar nicht auf der Liste stehen: die, die aus Angst vor Fehlern sowieso alles richtig machen.

BRIGITTE: Und wenn alle entlassen werden?

Borwin Bandelow: Ich rate zu einem wohldosierten Fatalismus. Wo meine Ängste nichts bewegen können, blockieren sie mich nur. Es macht keinen Sinn, sich darüber zu grämen. Angst ist ein guter Motor, aber ein schlechter Ratgeber. Wenn Sie tatsächlich gekündigt werden, überlegen Sie, ob das wirklich die ganz große Katastrophe ist. Wir neigen dazu, immer genau den Job toll und unersetzlich zu finden, den wir gerade haben, obwohl das objektiv vielleicht gar nicht zutrifft.

BRIGITTE: Ganz schön schwierig, so sachlich mit der eigenen Angst umzugehen.

Borwin Bandelow: Dann besorgen Sie sich ein paar neue Ängste.

BRIGITTE: Wie bitte?

Borwin Bandelow: Machen Sie, was Sie sich noch nie getraut haben: Tango tanzen, Skateboard fahren, einen Mann in der Kneipe ansprechen. Blamieren Sie sich. Haben Sie Angst! Ich bin neulich schlittschuhlaufen gegangen, obwohl ich das nicht kann. Immer schön nach vorn gebeugt, damit ich nicht auf den Hinterkopf falle.

BRIGITTE: Und was soll das bringen?

Borwin Bandelow: Sie schaffen sich so ein kleines, überschaubares Übungsgelände für Ihre Angst. Auf ungefährlichem Terrain lernen Sie, mit ihr umzugehen und sie zu besiegen.

BRIGITTE: Das hilft, wenn es ans Eingemachte geht?

Borwin Bandelow: Es geht darum, die innere Struktur in Balance zu halten. Wir haben ein Angstsystem, ein Vernunftsystem und ein Belohnungssystem. Tritt der Schaden, den das Angstsystem befürchtet hat, nicht ein, belohnt uns unser Gehirn mit einer Ausschüttung von Wohlfühlhormonen. Angst hat also auch etwas sehr Positives, das übersehen aber die meisten Menschen. Winston Churchill sagte einmal: "Es gibt nichts Schöneres, als beschossen und nicht getroffen zu werden."

"Die Vernunft sagt: Das wird schon wieder. Die Angst sagt: Pustekuchen!"

BRIGITTE: Sie leiten seit 20 Jahren die Angstambulanz in Göttingen. Rennen Ihnen die Leute jetzt, in Zeiten der Krise, die Tür ein?

Borwin Bandelow: Nein, nicht mehr als sonst. Angstpatienten kommen wegen ganz unrealistischer Befürchtungen. Die haben Angst vor Fußgängerzonen und Fahrstühlen oder bekommen ganz plötzliche Panikattacken. Bei mir in der Praxis war noch nie jemand wegen Terrordrohungen, Jobangst oder Geldsorgen.

BRIGITTE: Heißt das, dass wir Menschen mit den realen Bedrohungen im Grunde genommen ganz gut zurechtkommen?

Borwin Bandelow: Besser zumindest, als es manchmal nach außen hin den Anschein macht. Der Mensch ist dafür konstruiert, mit Sorgen umzugehen. Angst zu haben ist ganz normal.

BRIGITTE: Woran merke ich, ob ich mir nur Sorgen mache oder schon krank vor Angst bin?

Borwin Bandelow: Natürlich grübeln wir alle, haben Ängste, etwa davor, dass der Partner stirbt, man selbst krank werden könnte oder nicht gut genug für die Arbeitswelt ist. Als Faustregel gilt: Wer mehr als den halben Tag über seine Angst nachdenkt oder anfängt, berufliche oder private Entscheidungen nach seiner Angst auszurichten, wer zum Beispiel eine Beförderung ablehnt, weil er dann so viel mit fremden Leuten sprechen müsste, oder sich ohne den Partner nicht mehr in den Supermarkt traut, der sollte zum Psychiater gehen. Das hat nichts mehr mit gesunder Angst zu tun.

BRIGITTE: Wofür brauchen wir Angst überhaupt?

Borwin Bandelow: Unser Angstsystem hält uns davon ab, Dinge zu tun, die uns schaden, etwa den Chef zu beschimpfen oder mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren. Allerdings können sich Ängste auch verselbständigen und uns blockieren: Viele Menschen sind nur wegen ihrer immensen Trennungsangst einsam. Andere schreiben keine Bewerbungen, weil sie Angst vor den Absagen haben. Die Folge ist, dass ihnen alles Mögliche im Leben entgeht. In einer Art Enttäuschungsprophylaxe legen sie die Hände in den Schoß.

BRIGITTE: Wie schaffe ich es, mich in einer solchen Phase wieder dem Leben zuzuwenden?

Borwin Bandelow: Reden, Sie sollten reden.

BRIGITTE: Ist es wirklich immer gut, über seine Angst zu sprechen, oder steigert man sich dadurch nicht auch manchmal noch mehr rein?

Borwin Bandelow: Auf keinen Fall sollten Sie Angst verdrängen. Ich rate immer dazu, mit möglichst vielen Leuten darüber zu sprechen. Vielleicht nicht gerade mit der eigenen Chefin. Aber einer Freundin davon zu erzählen hilft ungemein. Die muss gar nicht viel sagen.

BRIGITTE: Warum fällt es uns so schwer, die Sorgenspirale zu durchbrechen?

Borwin Bandelow: Unser Angstsystem ist oft stärker als das Vernunftsystem. Es ist menschheitsgeschichtlich älter und biologisch höherstehend: Schließlich soll Angst unser Überleben sichern. Die Vernunft sagt dann: Das wird schon wieder. Die Angst sagt: Pustekuchen.

BRIGITTE: Wie überliste ich die Angst? Mit Entspannung, einer Auszeit in Übersee?

Borwin Bandelow: Das Gerede, man müsse nur den Stress abbauen, zehn Wochen Bahamas oder Hawaii, dann verflögen auch die Sorgen, halte ich für ziemlichen Blödsinn. Ich denke genau das Gegenteil: Stress kann gegen Angst helfen. Man muss nur den richtigen auswählen. In kleinen Etappen Siege erringen, sich auf Dinge konzentrieren, die einem Spaß machen, das Belohnungssystem ankurbeln: Das ist, was Sie brauchen. Da darf es ruhig stressig werden. Wenn ich zum Beispiel ein Buch schreibe, ist das für mich ein Höllenstress, aber eben ein guter. Wenn man erst einmal verstanden hat, wie der Körper funktioniert, kann man besser mit der Angst umgehen. Das kann sogar meine Angst vor Misserfolgen schmälern. Schließlich führen Misserfolge letztendlich auch nur zur Verstärkung des Glücks.

BRIGITTE: Bitte? Wie kann denn eine Bewerbungsabsage zu meinem Glück beitragen?

Borwin Bandelow: Das ist natürlich erst mal bitter. Trotzdem: Ein Affe, der jeden Tag einen Apfel bekommt, hat am Anfang täglich eine Ausschüttung im Belohnungssystem. Nach ein paar Tagen gewöhnt er sich an die Äpfel, und die Ausschüttung verebbt. Wenn man jetzt aber die Versuchsanordnung ändert und der Affe nach einem Zufallsprinzip nur noch in 50 Prozent der Fälle einen Apfel bekommt, springt das Belohnungssystem wieder an, obwohl er nur noch halb so viele Äpfel bekommt.

BRIGITTE: Das heißt: Der Affe Arbeitnehmer kann sich glücklich schätzen, ein paar Absagen zu kassieren, weil sie die Rampe für die große Ausschüttung sind, wenn es dann doch endlich mit dem Job klappt?

Borwin Bandelow: So ungefähr. Und außerdem ist eine Absage allemal besser, als die Hände in den Schoß zu legen und es erst gar nicht zu probieren.

BRIGITTE: Hilft es denn, jemandem, der sich nicht traut, zu sagen "Trau dich!"?

Borwin Bandelow: Das Problem ist unser Verhalten: Jedes Mal, wenn wir vor der Situation kneifen, vor der wir Angst haben, verstärkt sich die Angst. Marie Curie hat gesagt: "Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verste- hen." Ich habe mal eine Umfrage bei meinen Patienten gemacht. Neun Prozent haben gesagt, dass sie nie wieder in Behandlung gehen mussten, nachdem ihnen ein Arzt erklärt hat, wie eine Angststörung funktioniert.

BRIGITTE: Und, wie funktioniert sie?

Borwin Bandelow: Wir unterscheiden drei Formen von Angststörungen: die soziale Phobie, das ist eine Art extreme Schüchternheit, dann die generalisierte Angststörung, bei der theoretisch reale Gefahren als völlig übertrieben gefährlich angesehen werden, und die Panikstörung, bei der aus heiterem Himmel, ohne äußeren Grund, Angstreaktionen eintreten. Die Symptome sind bei allen Formen identisch: Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Schwindel.

BRIGITTE: Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Borwin Bandelow: 18,1 Prozent der Deutschen haben eine Angststörung.

"Zu viel Angst lähmt, zu wenig macht uns zum Schlendrian"

BRIGITTE: Kann das jeden erwischen?

Borwin Bandelow: Ja. Besonders betroffen sind jüngere Menschen, Angstpatienten sind im Durchschnitt 36 Jahre alt. Und wenn jemand erfolgreich ist, denke ich immer: Der oder die hat Angst.

BRIGITTE: Angst macht erfolgreich?

Borwin Bandelow: Sie ist der Raketenmotor für Erfolg. Erfolg bedeutet immer auch Arbeit. Und die Energie, die man dazu braucht, kommt meistens aus der Angst. Nehmen Sie zum Beispiel die Sozialphobiker: Die denken, dass sie von den anderen nicht anerkannt werden, und strengen sich deswegen besonders an.

BRIGITTE: Die Angst um den Arbeitsplatz, kann sie auch so ein Raketenantrieb sein?

Borwin Bandelow: Wer Angst hat, leidet. Das ist sehr unangenehm und darf nicht bagatellisiert werden. Trotzdem ist die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren, eine ganz wichtige Motivation. Das Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt eine Kurve, wonach die optimale Leistung unter mittlerem Angstlevel erbracht wird. Also: Zu viel paralysiert, zu wenig macht einen zum Schlendrian. Genauso, wie ein Auto vier Räder hat, muss der Mensch Angst haben.

Prof. Borwin Bandelow, 57, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Diplompsychologe und Psychotherapeut, ist Präsident der Gesellschaft für Angstforschung und leitet seit 20 Jahren die Angstambulanz in Göttingen. Sein populärwissenschaftliches Werk "Das Angstbuch: Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann" wurde zum Bestseller.

Mehr zum Thema "Angst" lesen Sie im Dossier der aktuellen BRIGITTE (ab 11. März am Kiosk). Darin:

Angst vor dem Partner? Eine Paarberaterin über die Ohnmacht der Frauen.

Bloß nichts Ungesundes: Warum es sich lohnt, sich um die Ernährung zu sorgen.

Und ein Interview mit Sarah Kuttner über ihr erstes Buch - inklusive Schweißausbrüchen und Herzrasen.

Exklusiv auf BRIGITTE.de beschreibt die Journalistin und Autorin Kathrin Passig, wie Sie ohne Selbstdisziplin und schlechtes Gewissen ihr Leben im Griff hat.

"Das Angstbuch: Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann" Borwin Bandelow Rowohlt Taschenbuch 384 Seiten 9,95 Euro

Interview: Georg Cadeggianini Foto: Flashfoto Ein Artikel aus der BRIGITTE 07/09

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