"Ich will schon wissen, wie Madonna aussieht"

Was bedeutet Schönheit für jemanden, der blind ist? Brigitte.de hat mit Simone Bettermann gesprochen. Die 38-Jährige hat vor mehr als 15 Jahren ihr Augenlicht verloren - infolge einer seltenen Krankheit.

Simone Bettermann arbeitet in der Hamburger Ausstellung "Dialog im Dunkeln", gibt dort Führungen, macht Workshops und Büroarbeit.

  • 0 Kommentare
  •  
  •  
Simone Bettermann

Simone Bettermann

Brigitte.de: Wie definieren Sie Schönheit?

Simone Bettermann: Weil ich blind bin, zählen bildliche Eindrücke natürlich weniger. Ich nehme Schönheit durch Ertasten und über Gerüche wahr. Weil ich früher Farben sehen konnte, kann ich mir Farben vorstellen und ergänze meine Wahrnehmung damit. Gestern zum Beispiel habe ich mir die Fingernägel von meiner Kosmetikerin machen lassen. Ich kann fühlen, ob die Form gut ist und ob sie das ordentlich gemacht hat, aber ich weiß auch, wie der Lack aussieht. Er ist Perlmuttfarben, weißlich mit einem leichten Silberglanz.

Brigitte.de: Haben Sie ein Bild von sich vor Ihrem inneren Auge?

Simone Bettermann: Nein, ich habe überhaupt kein Bild vor Augen, jedenfalls nicht automatisch. Ich muss mich im Gegensatz zu Menschen, die sehen können, sehr darauf konzentrieren. Wenn es die Situation erfordert, bin ich aber schon in der Lage, mir ein Bild von mir zu machen. Das basiert dann allerdings auf Erinnerungen, die mehr als 15 Jahre alt sind. Deshalb entspricht mein Bild nicht dem, das andere Leute von mir haben, aber das ist für mich in Ordnung.

Brigitte.de: Finden Sie sich schön?

Simone Bettermann: Manchmal mehr, manchmal weniger, aber im Großen und Ganzen schon.

Brigitte.de: Was genau finden Sie an sich schön?

Simone Bettermann: Meine Kleidung und meine Schuhe, meine Haare, meine Frisur und meine Hände.

Brigitte.de: Sie schminken sich.

Simone Bettermann: Ja, aber nur ganz leicht. Ich war schon immer ein Typ, der eher natürlich wirken möchte und deshalb mit Schminke dezent umgeht. Das hat also erst mal gar nichts mit dem Blindsein zu tun. Vielleicht würde ich mich heute mehr schminken, wenn ich mich sehen könnte, aber ich weiß es nicht. Ich verlasse mich auf mein Gefühl und versuche mir vorzustellen, was nett aussieht. Manchmal bekomme ich auch Rückmeldung, wie ich aussehe, von den Kollegen oder von meiner Familie, das gibt mir Sicherheit.

Brigitte.de: Sie haben gesagt, Sie mögen Ihre Schuhe und Ihre Kleidung. Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich neue Sachen kaufen?

Simone Bettermann: Ich muss vorher genau wissen, was ich will, also zum Beispiel braune Pumps oder schwarze Sandalen. Dann kann ich gezielt in den Schuhladen gehen und danach fragen. Die Verkäuferin sucht mir den Schuh raus, ich ziehe ihn an, achte darauf, ob er passt und wie er sich anfühlt. Die Farbe stelle ich mir vor. Das ist die eine Möglichkeit. Wenn ich etwas Extravagantes möchte, mit der Mode gehen und neue Sachen ausprobieren will, dann nehme ich jemanden mit, dem ich vertraue - und der meinen Geschmack und meinen Stil kennt.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  • Interview und Foto: Katharina Wantoch
Letzte Kommentare
  • Noch kein Kommentar vorhanden. Möchten Sie einen Kommentar schreiben? Das können Sie im Eingabefeld unten.
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * Andere Zeichenfolge
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.
BRIGITTE im ABO