Glauben

Brauchen wir eigentlich einen Gott?

Ein bisschen Yoga und Meditation, etwas Nächstenliebe, ein Schutzengel und das Notfall-Stoßgebet. Ist das schon Glaube und brauchen wir Gott? BRIGITTE-Autor Till Raether über unsere vielen selbst gebastelten Religionen - und die Sehnsucht nach einer übergeordneten Instanz.

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Foto: Vladischern/Fotolia.com

In diesem Jahr war ich auf einer Kommunion, und dort bin ich Gott begegnet. Peinlich, das zu erzählen; diese Art von Bekenntnis will man eigentlich nicht hören. Es war aber auch nur indirekt. Eigentlich gehe ich nicht in Gottesdienste, ich bin nicht mal evangelisch, geschweige denn katholisch; meine Eltern sind lange vor meiner Geburt aus der Kirche ausgetreten. Sie haben Wert darauf gelegt, dass wir als Kinder zum Religionsunterricht gingen und als Touristen in Kirchen, aber meine religiöse Prägung ist minimal: Unser Top-Weihnachtslied ist das eher areligiös zuversichtliche "O Tannenbaum". Ich würde sagen, dass es bei vielen Gästen der Kommunionsfeier ähnlich war: QuasiChristen, Halbchristen und Ex-Christen, die bestenfalls zu hohen Familienfesten in die Kirchen gehen. Da die Kommunion im Rahmen eines öffentlichen Gottesdienstes stattfand, saß neben mir in der Kirchenbank eine ältere Dame, die nicht zu unserer Festgesellschaft gehörte. Dies erkannte man nicht zuletzt daran, dass sie bei allen Liedern voll Inbrunst und mit zwar brüchiger, aber auch geübter Stimme mitsang. Und daran, wie innig und leidenschaftlich sie die mir fremden Gebete sprach.

Ich betrachtete sie aus dem Augenwinkel, während ich so tat, als würde ich mit den Händen, Knien und meiner Kopfhaltung etwas im weitesten Sinne Religiöses tun, und ich wurde bei ihrem Anblick von einer seltsamen Rührung überfallen: Wie schön musste es sein, so glauben zu können, so sehr Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst. Und wie schön es schon allein war zu sehen, wie jemand bereit war, mit Ritualen, Gesten und Gesang auszudrücken, dass es etwas gibt, was weit über all den vergänglichen Alltagskram hinausgeht. In mir mischten sich Gottes-Neid und Glaubensrespekt, und gegen Abend lösten sie sich auf in Richtung einer leichten Sehnsucht. Merkwürdig, wie selten wir Gott begegnen. Wir hören von ihm, wenn Fanatiker in seinem Namen Unheil stiften, oder wenn wir ihn und seinen Sohn zu Weihnachten geistesabwesend besingen, ohne groß auf den Text zu achten, weil alle in Gedanken beim Essen oder beim Familienstreit sind. Aber so wie vor einem halben Jahr bei dieser Kommunion: So nah bin ich Gott vielleicht noch nie gewesen. Weil ich so selten in der Nähe von Menschen bin, die vorbehaltlos und voll Hingabe glauben.

Die Menschen, die ich kenne, haben eher eine vage Sehnsucht, an so etwas wie eine überirdische Instanz zu glauben. Vielleicht im Sinne des englischen Schriftstellers Julian Barnes, der gesagt hat: "Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn." Viele Freunde und Kolleginnen, mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe, sagen aber auch, sie würden "an Gott glauben" oder "an einen Gott" oder "irgendwie schon irgendwas glauben", niemand davon gehört aber aktiv zu einer christlichen oder anderen Religionsgemeinschaft; die meisten Menschen aus meiner Welt leben mit einer Art selbst gemachtem Kinderglauben. Darum eins gleich vorweg: Wenn Sie glücklich glaubendes Mitglied einer Religionsgemeinschaft sind, werden Sie möglicherweise wenig Verständnis dafür haben, wenn jemand wie ich zu Gott in prosaischen Momenten die gleiche Einstellung hat wie zu Hühneraugenpflastern: Im Moment brauche ich Gott nicht, aber es ist gut zu wissen, dass es ihn gibt.

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  • Text: Till Raether
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