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Guter Mensch oder schlechtes Gewissen?

Natürlich machen wir alle mal was falsch, lassen uns Schwächen durchgehen und suchen Ausreden, statt uns zu engagieren. Aber ist das wirklich so schlimm? Fünf Menschen reden über ihr schlechtes Gewissen.

Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, Herr von Schulthess?

Der Schauspieler Philipp von Schulthess, 35, ist der Enkel des Hitler-Attentäters Stauffenberg. Was wohl sein Großvater über ihn dächte?

"Ich hatte nie das Gefühl, Enkel zu sein führt zu etwas Besonderem. Als ich in Zürich zur Schule ging, hat überhaupt niemand gewusst, dass Graf von Stauffenberg mein Opa war. Das war in der Schweiz nicht so von Bedeutung. Und ich habe es nicht erzählt. Dass ich nicht Stauffenberg heiße, war für mich eigentlich immer hilfreich. Außer bei diesem Telefongespräch vor gut zwei Jahren: Mir hatte jemand erzählt, dass die in Hollywood einen Film über meinen Großvater drehen wollen. Da habe ich bei dem Produktionsstudio in L. A. angerufen - ich wollte zum Film. Einen No-Name namens Philipp von Schulthess haben die natürlich höflich abgewimmelt. Dann habe ich noch mal angerufen und erzählt, dass ich der Enkel von Stauffenberg bin. Das ist ja nicht verwerflich, sondern auch ein Geschenk meines Opas.

Nach dem Casting, in dem ich schließlich zeigen musste, ob ich Talent habe, bekam ich die Rolle als Tresckows Adjutant in Tom Cruises ,Walküre'. Ich würde nie von mir behaupten, dass ich gut oder böse oder sonst was bin. Das, was ich tue, versuche ich gut zu tun. Aber wo soll man da anfangen? Es gibt so viel zu tun und so viele Hilfsprojekte: Wale retten, Kranke in Afrika heilen, Obdachlosen helfen. Durch die Globalisierung haben wir den Bezug verloren - in einem Dorf, in dem ich jeden kenne, wüsste ich doch genau, wem ich helfen muss.

Trotzdem engagiere ich mich in unterschiedlichen Projekten. Leute, die Kinder haben, erzählen von dieser alles überragenden Liebe. Wenn man tatsächlich so empfindet, dann würde ich doch niemals das Leben meiner Kinder riskieren. Mein Großvater hat das getan. Das finde ich schon hart. Was dächte mein Großvater wohl über meine Zeit, über mich? Er hatte hohe Erwartungen an Menschen. Von denjenigen, die die Mitarbeit am Attentat ablehnten, war er sehr enttäuscht. Vielleicht würde er sagen: ,Hör mal, Philipp, du musst schon ein bisschen mehr für andere Menschen tun!'"

Philipp von Schulthess, aufgewachsen in Zürich, studierte in London Volkswirtschaftslehre und arbeitete im Investment- Banking, bevor er schließlich Schauspieler wurde. Er ist der Enkel des NS-Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg

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Warum ist Ihnen alles zu viel, Frau Bleuel?

BRIGITTE-Autorin Nataly Bleuel, 40, möchte eine gute Freundin sein. Aber ihr kommt immer was dazwischen.

"Allmählich wird mir klar, dass ich mich immer getäuscht habe. Nicht in anderen, sondern in mir selbst. Es war neulich abends, da kam meine Freundin Kerstin zu spät zu unserer Verabredung, weil sie einem kranken Freund noch eben einen Tee aus der Apotheke gebracht hatte. Ich habe sie fassungslos angestarrt und dann voller Bewunderung gerufen: ,Wahnsinn, bist du eine gute Freundin! Eine, die da ist, wenn man sie braucht, die echt hilft und anpackt. Statt nur zu reden, so wie ich.' Lange habe ich mir eingebildet, ich sei eine gute Freundin. Weil ich zuhöre, nachfrage und alles Mögliche verstehe und das Unmögliche auch. Sobald man aber Taten sprechen lassen könnte . . . habe ich irre viel zu tun.

Mit Job, Kindern, Mann, Eltern, anderen Freunden. Vor einiger Zeit bin ich nicht mal über die Straße gegangen, als Kerstin elend im Bett lag - um ihr einen Tee zu machen oder die Hand zu halten. Der Gedanke kam mir zwar, aber auch der, dass ihre Übelkeit schon auch so verflöge. Ich bin auch nicht nach Frankfurt gefahren, als meine Freundin am Telefon weinte, weil sie sich so einsam fühlte, ohne Freunde in einer fremden Stadt. Wir können ja morgen wieder telefonieren, habe ich gesagt und: ,Wie blöd, dass ich gerade so im Stress bin.' Als ich später erfuhr, dass eine andere Freundin, alleinerziehend sogar, sofort in den Zug gestiegen war, habe ich mich geschämt. Und gedacht: Ist mir halt alles zu viel. Und: Hilft mir ja auch keiner!

Als Kerstin mir neulich anbot, etwas vom Einkaufen mitzubringen, dachte ich erst: Wahnsinn! Danach: Was will sie dafür? Und dann: Die hat das halt gelernt, die kommt aus einer großen Familie. Ich hingegen war mir immer selbst am nächsten. Und vielleicht ging es mir auch immer gut genug. Mit meiner Einstellung hätten Trümmerfrauen nicht überlebt. Wer in Not ist, hilft auch anderen. Der Preis meines Wohlstands und meiner Unabhängigkeit ist, dass ich Nehmen und Geben verlernt habe. Ich sage: ,Ich schaff das schon.' Und will glauben: Die anderen dann auch. So werden wir verdammt schlechte Freunde."

Auf der nächsten Seite: Wie fühlt es sich an, für andere dagewesen zu sein?

Haben Sie sich was vorzuwerfen, Frau Rothmann?

Ingeburg Rothmann, 92, hat ihr Lebtag nicht an sich selbst gedacht. Gelebt hat sie für ihre Familie.

"Anders als die jungen Leute heute wurde ich nicht dazu erzogen, mich selbst zu hinterfragen, laut meine Meinung zu äußern oder über andere Menschen zu urteilen. Ich habe mir diese Zurückhaltung bis heute bewahrt und sehe nichts Schlechtes darin. Ich bin als Vierte von sechs Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ich hatte eine glückliche Kindheit, habe niemals Schläge bekommen. Doch die Regeln des Zusammenlebens standen fest: Ich habe von klein auf Kartoffeln gelesen, Rüben verzogen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich eine Arbeit jemals abgelehnt hätte. Ich habe meinen Eltern auch nie vorgeworfen, dass ich die Schule mit 16 Jahren abbrechen musste. Sicher, ich hätte gern studiert. Aber ich sehe noch meine Mutter vor mir, wie sie den ganzen Tag im Trab rannte. Wenn ich rebelliert hätte, täte es mir heute noch leid.

Im Krieg habe ich den Hof meines Mannes allein bewirtschaftet. Er war neun Jahre fort, erst an der Front, dann in Gefangenschaft. Die Schwiegereltern lebten schon auf dem Altenteil, schwierige Menschen, steif und unnahbar. Meine vier Kinder brachte ich bei meiner Mutter zur Welt. Wäre ich ganz zu ihr zurückgekehrt, hätte ich ein schöneres Leben gehabt. Für mich kam Weglaufen aber nicht in Frage. Ich hatte meinem Mann versprochen, dass ich bleibe. Wenn es mir schlechtging, versuchte ich, mich an meine Kinder zu halten und mich an ihrem Großwerden zu erfreuen. Ich weiß, heute ist es eher möglich, den Mann zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Gut finde ich das nicht. Man muss doch auch die Schwierigkeiten miteinander durchstehen! Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass ich in meinem Leben etwas verpasst hätte."

Auf der nächsten Seite: Warum ist Selbstkritik egoistisch?

Warum ist Selbstkritik egoistisch, Frau Chodron?

Thubten Chodron, 49, ist buddhistische Nonne. Sie sagt: Wer sich ständig über seine Defizite ärgert, kreist nur um sich selbst. Deshalb übt sie sich in Nachsicht. Nicht nur gegenüber ihren Nächsten.

BRIGITTE: Frau Chodron, Sie haben ein Buch* über den Ärger geschrieben. Warum fühlen wir uns oft so elend?

Thubten Chodron: Wir werden dazu erzogen. Wir sollen immer der oder die beste sein. Und landen oft in einer Sackgasse aus Selbstkritik und Vergleichen mit anderen. Dabei entsteht eine Menge Ärger.

BRIGITTE: Ist es dieser Ärger, der es uns so schwer macht, gut zu sein?

Thubten Chodron: Buddha sagt, Anhaftung, Ärger und Egozentrik sind die Ursachen von Leid.

BRIGITTE: Kreisen wir also einfach zu viel um uns selbst, auch wenn wir uns ärgern?

Thubten Chodron:

BRIGITTE: Ja, denn wir ärgern uns auch über uns selbst. Das hat etwas extrem Egozentrisches: Ich bin so schlecht, ich kann so viel Schlechtes tun.

Thubten Chodron:

BRIGITTE: Sie sprechen regelmäßig mit Strafgefangenen.

Thubten Chodron: Bei denen ist es oft extrem. Sie versuchen, sich möglichst viel Schuld aufzuladen.

BRIGITTE: Um mit sich selbst ins Reine zu kommen?

Thubten Chodron: Genau. Sie vergraben sich in Groll über sich selbst, machen alles an sich schlecht. Und hoffen so, mit sich selbst quitt zu werden.

BRIGITTE: Das funktioniert aber nicht.

Thubten Chodron: Natürlich nicht. Ich sage ihnen, dass sie damit aufhören sollen. Ihre Tat war schlimm, deshalb muss aber nicht ihr ganzes Leben schlecht sein. Wer aufrichtig bedauert, kann sein positives Potenzial erkennen und seinem Leben einen Sinn geben. Ich habe das selbst erlebt.

BRIGITTE: Aber Sie waren doch nie im Gefängnis!

Thubten Chodron: Nein. Aber ich war selbstmitleidig, launisch, oft depressiv. Ich hatte alles, einen tollen Mann, einen guten Job, nette Freunde. Trotzdem war in mir eine tiefe Unzufriedenheit.

BRIGITTE: Und dann?

Thubten Chodron: Ging ich in einen Meditationskurs, drei Wochen lang. Danach ging ich nicht zurück in mein altes Leben. Ich gab meinen Job als Grundschullehrerin auf und reiste nach Nepal. Mein Mann ließ mich ziehen, meine Mutter hat ihm eine neue Frau vorgestellt, mit der er drei Kinder hat. Heute sind wir Freunde. Ich habe so viel gelernt und lerne immer noch. Ich schaffe es inzwischen, Ärger nicht mehr so oft aufkommen zu lassen. Früher dachte ich, dass es eine reinigende Wirkung hätte, wenn ich meinem Ärger Raum gebe. Ich dachte, dass Ärger mich beschützt.

* Thubten Chodron: "Es ist Dein Ärger - Methoden zum Umgang mit starken Gefühlen". 223 Seiten, 19,95 Euro, Theseus.

Auf der nächsten Seite: Warum retten Sie nicht mehr Menschen?

Warum retten Sie nicht mehr Menschen, Frau von Gordon?

Judith von Gordon, 52, ist Pressesprecherin des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Dessen Aids-Medikament Viramune kann sich nicht jeder leisten.

BRIGITTE: Das Pharmaunternehmen, für das Sie arbeiten, stellt Viramune her, ein Anti-Aids-Medikament. In Afrika leben 30 Millionen Infizierte, viele können es sich nicht leisten. Warum verschenkt Boehringer Ingelheim es nicht?

Judith von Gordon: Wir können Viramune nicht weltweit umsonst verteilen, daran ginge unser Unternehmen wirtschaftlich zugrunde. Sie müssen bedenken: ungefähr 95 Prozent des Bedarfs an Aids-Medikamenten haben wir in den Entwicklungsländern. Zur Behandlung von Aids müssen die Menschen ein Leben lang jeden Tag einen Cocktail von verschiedenen Medikamenten nehmen, das sind Mengen, die können wir nicht verschenken.

BRIGITTE: Also geht es um Profit...

Judith von Gordon: Jedes Unternehmen muss wirtschaftlich denken.

BRIGITTE: Beschäftigt Sie das?

Judith von Gordon: Ich denke schon darüber nach. Aber es geht nicht anders. Das muss ich mir jeden Tag klar machen: ein einzelnes Unternehmen kann nicht alle Probleme lösen. Und wir leisten unseren Beitrag: Wir haben den Preis von Viramune in Entwicklungsländern um 90 Prozent gesenkt. Das deckt die reinen Herstellungskosten, Gewinn machen wir damit nicht. Und eigentlich haben wir auf Viramune bis 2012 noch ein Patent, das heißt: Niemand darf es nachbauen und billiger verkaufen. Nur so können wir als Unternehmen das Geld verdienen, das wir für die Forschung von neuen Medikamenten brauchen. 2003 haben wir trotzdem freiwillig das Patent für Viramune aufgegeben und kostenlose Lizenzen an diverse Firmen vergeben. Dadurch wird das Medikament erheblich billiger. Schwangere Frauen bekommen Viramune umsonst, wir verschenken es an Organisationen wie Unicef oder das Rote Kreuz, die diese infizierten Frauen unterstützen. Wir haben uns nichts vorzuwerfen.

BRIGITTE: Sehen Sie Ihre Arbeit bei einem Pharmakonzern als Form der Hilfe an?

<antwort name="Judith von Gordon">Ja. Wir retten mit unseren Medikamenten Menschenleben. Und was Aids betrifft: Einige Pharmafirmen haben sich aus der Aids-Forschung zurückgezogen, weil es damit kein Geld zu verdienen gibt. Wir forschen trotzdem weiter, in der Hoffnung, eines Tages doch noch das Allheilmittel zu finden. Darauf bin ich stolz.</antwort> <frage name="BRIGITTE">Welche Bedeutung hat Helfen für Sie?</frage> <antwort name="Judith von Gordon">Es gibt die These, dass Menschen, die anderen helfen, es für sich selber tun, weil sie sich dann gut fühlen. Vielleicht ist Helfen also einfach ein egoistischer Akt. Mir nimmt es etwas von meinem schlechten Gewissen, das ich habe, weil ich, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, in glücklichen Umständen geboren wurde.</antwort>

Text: Nataly Bleuel, Ute Meckbach, Tinka Dippel, Nicol Ljubic Fotos: Nadja Klier, Birgitta Kowsky Ein Artikel aus der BRIGITTE 26/08

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