Ich esse meinem Kind die Süßigkeiten weg

BRIGITTE.de-Redakteurin Susanne Arndt kennt keine Skrupel, wenn es darum geht, an die Süßigkeiten ihres dreijährigen Sohnes zu kommen. Wenigstens glaubt sie, gute Gründe zu haben.

Susanne Arndt

Susanne Arndt

Mit einem Blick, der zwischen Abscheu und Amüsement oszilliert, nagelt sie mich an den Baum und ächzt: "Ich fass' es nicht, die Mutter isst ihrem Kind den Keks weg!" Ich schäme mich, beiße aber gleich noch mal herzhaft rein. Und noch mal. Und noch mal. Bis der ganze Keks weg ist. Lecker, Prinzenrolle!

Schmecken tut's mir heute aber nicht ganz so gut, weil ich so wütend bin. Nicht auf die Frau, die Fred den Keks gegeben hat und mich nun anstarrt, als wäre ich eine Kakerlake. Sondern auf Fred, der neben mir brüllt, als hätte ich ihm den Arm abgerissen und nicht nur den Keks aus der Hand.

Alles kam so: Wir sitzen mit ein paar Familien im Wald und picknicken. Fred schnorrt permanent von dieser Mutter, es ist mir unangenehm, vor allem, weil er immer sagt: "Ich will noch einen Keks!" statt "Kann ich bitte noch einen Keks haben?", wie ich es ihm 3000 Mal vorgemacht habe. Und dann sagt er nicht mal Danke, wenn er Beute gemacht hat. Es reicht!

Nachdem ich ihm beim siebten Keks vergeblich auffordere, sich zu bedanken, reiße ich ihm das Ding aus der Hand und beiße so oft rein, bis es weg ist. Schließlich muss das Kind lernen, dass sein Handeln, oder in diesem Falle Nichthandeln, Konsequenzen hat. Erziehung muss sein, wo kämen wir sonst hin.

Okay, neben dem pädagogischen Aspekt und der überwältigenden Sehnsucht nach Bestrafung war vor allem Gier der Grund für meine kulinarische Grausamkeit. Ich aß Fred den Keks vor der Nase weg, weil mir schon die ganze Zeit das Wasser im Mund zusammengelaufen war. Ich war fast wahnsinnig geworden vor Verlangen, ich wollte auch so einen Schokokeks haben! Hatte mich aber nicht getraut, die Mutter darum zu bitten, wo Fred sie schon die ganze Zeit so schamlos angebettelt hatte. Mit meinem Keksraub konnte ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erziehen und meinen unbändigen Naschhunger stillen.

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Ich esse meinem Kind die Süßigkeiten weg

Den stille ich fast immer auf Freds Kosten. Ich selbst habe nie Süßigkeiten im Haus, weil sie den Weg vom Laden in die Wohnung grundsätzlich nicht überleben. Außerdem bin ich zu dick, deshalb will ich eigentlich gar nichts naschen. Freds Vater macht sich nichts draus und so ist Fred der einzige in der Familie, der Süßes besitzt. Entweder bekommt er es von Oma, von Kellnern und Kassiererinnen oder von der Dame, die nebenan wohnt. Als Fred noch kleiner war, habe ich es fast immer geschafft, die ihm angebotenen Süßigkeiten mit einem freundlichen Lächeln abzufangen, bevor er überhaupt merkte, dass ihm etwas angeboten wurde. Und sie in meiner Tasche zu versenken. Mit zunehmendem Alter wurde das schwieriger, Fred ist wachsam geworden.

Deshalb muss ich heute zu noch unmoralischeren Methoden greifen: Ich lüge Fred ins Gesicht. Gesternabend knabberte ich an dem essbaren Armband, das er von einem Kindergeburtstag mitgebracht hatte. Hätte er gewusst, dass es essbar ist, hätte er es natürlich selbst längst verspeist. Ich hatte es ihm verschwiegen, darauf spekulierend, dass er irgendwann einschlafen würde und ich dann heimlich ein, zwei Zuckerperlen abknabbern könnte. Doch ehe ich es merkte, war das Armband aufgegessen, nur ein ausgeleiertes Gummiband hing noch feucht und einsam in meinen Zähnen.

Als Fred am nächsten Tag fragte: "Mama, wo ist mein Armband?", fragte ich scheinheilig zurück: "Welches Armband?". "Das da lahaag!", zickte er gereizt und zeigte auf den Schreibtisch. "Ach das", sagte ich eiskalt, "keine Ahnung, musst du halt suchen!"

Als ich mich wieder meinem Computer zuwandte, wurde ich von einer heißen Welle des Selbsthasses überrollt, die aber schnell abebbte. Schließlich habe ich Fred erspart, sich eine kariesfördernde, chemische Kalorienbombe einzuverleiben, die sicherlich diverse E's enthielt. Im Grunde meines Herzens bin ich eben doch eine gute Mutter.

Ich esse meinem Kind die Süßigkeiten weg

Noch mehr Fred-Geschichten von Susanne Arndt gibt's im BRIGITTE-Buch KiTa, Küche, Karriere - meine ersten achtzehn Monate mit Baby Fred (Diana Verlag).

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