Persönlichkeit
"Introvertierte Menschen empfinden Glück tiefer"

Wer laut ist, wird gehört: Extrovertiert steht für Erfolg. Doch gerade introvertierte Menschen haben Stärken, die wir dringend brauchen. Kommunikationscoach Sylvia Löhken ist Expertin für Introvertierte - und selbst eine von ihnen.

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Foto: PR

BRIGITTE: Frau Löhken, sind Sie selbst ein stiller Mensch?

Sylvia Löhken: Ja, ich war schon als Kind die Einzige, die mit einem Stapel Bücher im Kämmerchen saß und ganze Nachmittage mit Lesen verbrachte. Meine Mutter versuchte immer, mich hinauszuscheuchen. Später habe ich dann einige Zeit in Japan gelebt. Diese Jahre waren ein erstes großes Aha-Erlebnis, weil ich gesehen habe, es geht auch anders, es geht auch "leise" - und das ist in Ordnung.

BRIGITTE: Leben wir denn in einem zu lauten Land?

Sylvia Löhken: Wir leben zumindest in einer Kultur, in der das Laute immer noch mit Durchsetzungskraft und Erfolg assoziiert wird. Aber wie überall gibt es auch hier Menschen, die introvertiert und dabei sehr erfolgreich sind. Sie fallen nur weniger auf. Zum Glück haben wir hier noch keine Zustände wie in den USA, einer sehr extrovertierten Kultur, wo es passieren kann, dass Eltern ihre introvertierten Kinder zum Psychologen schleppen, damit der sie "repariert", etwa, weil sie angeblich nicht genug Freunde haben. In Deutschland scheint es eher akzeptabel zu sein, wenn ein Kind introvertiert ist.

BRIGITTE: Kommt man bereits introvertiert zur Welt, oder erlernt man es?

Sylvia Löhken: Wir werden alle mit der Anlage zur Intro- bzw. Extraversion geboren. Aber da ist unser Gehirn noch nicht fertig; wie sich unsere Persönlichkeit entwickelt, entscheidet sich auch an unseren Bezugspersonen und der Kultur, in der wir aufwachsen. Etwa die Hälfte unserer Persönlichkeitsausprägung ist unserer sozialen Umgebung geschuldet. Ich wurde früh ermutigt, mich auszutauschen, das konnte sich also bei mir ausprägen, weshalb ich auch heute gern als Vortragsrednerin und Coach arbeite. Introversion prägt uns zwar, aber sie legt uns nicht fest.

BRIGITTE: Aber als Eltern eines eher introvertierten Kindes befürchtet man dennoch oft, dass es in der Gesellschaft übersehen wird.

Sylvia Löhken: Wenn man als Elternteil seinem Kind vermittelt, dass es okay ist, wie es ist, auch wenn es nur ein oder zwei Freunde hat, kann sich das Kind prächtig entwickeln und guten Kontakt zu anderen aufbauen. Und es sollte Rückzugsräume haben, in der Schule, zu Hause. Oft hilft es auch, den Lehrern mitzuteilen, wenn das eigene Kind ein Intro ist. Und die Erkenntnis: Introvertierte Kinder werden anders Erfolg haben als extrovertierte. Aber sie werden Erfolg haben.

Introvertierte sind schneller überstimuliert

BRIGITTE: Wodurch unterscheiden sich Intros und Extros?

Sylvia Löhken: Extrovertierte brauchen Stimulation von außen. Sie ziehen die Energie aus dem Austausch mit anderen, aus neuen Eindrücken. Ihnen macht es nichts aus, wenn sie gerade an einer Sache arbeiten und das Telefon klingelt. Dann reden sie ein wenig und machen dort weiter, wo sie aufgehört haben. Bei leisen Menschen ist das anders. Introvertierte sind schneller überstimuliert, weil sie im Kopf eine höhere elektrische Aktivität aufweisen. Auch wenn sie scheinbar ganz ruhig und friedlich dasitzen, passiert in ihrem Kopf ständig mehr. Die meisten leisen Menschen können zu viele Eindrücke von außen nicht verkraften. Die Extros surfen auf Außenreizen, die Intros haben irgendwann genug. Dann werden sie leicht müde und gereizt.

BRIGITTE: Aber das kann doch auch nur von der Tagesform abhängen.

Sylvia Löhken: Es gibt da noch einen zweiten biologischen Unterschied - er liegt in den Botenstoffen im Gehirn. Diese transportieren Reize und sind bei Intros und Extros in unterschiedlicher Konzentration vorhanden. Der Psychiater C.G. Jung, der den Unterschied von Intro und Extro geprägt hat, hatte keine Ahnung, dass man heute, hundert Jahre später, seine These hirnphysiologisch beweisen kann. Extrovertierte haben viel Dopamin, das ist ein Belohnungsstoff, sie benötigen öfter einen Kick, sind risikofreudiger. Bei Introvertierten ist es vor allem der Neurotransmitter Acetylcholin, der ihr Temperament bestimmt. Der sorgt eher für ein Ruhebedürfnis und führt dazu, dass Intros sicherheitsorientierter denken.

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  • Interview: Merle Wuttke
    Teaserfoto: Stacey Newma/istockphoto.com
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