Gute Vorsätze

Kennt jeder: Wir fassen die allerbesten Vorsätze, um sie kurz darauf kleinlaut zu brechen. Wie wir gute Vorsätze leichter in die Tat umsetzen können.

Regelmäßige Körperertüchtigung scheint nicht meine Sache zu sein. Dies ist nicht das erste Mal, dass ich mir vorgenommen habe, fit und stromlinienförmig zu werden, um dann innerhalb kürzester Zeit kläglich zu versagen. Da war der Vorsatz, jeden Tag mit Yoga-Übungen zu beginnen. Dann hatte ich die Idee, meine Mittagspausen im Schwimmbad zu verbringen. Kurzfristig radelte ich nach dem Abendbrot eine Stunde lang durch den Stadtpark. Mein Rad rostet jetzt im Hinterhof.

Nicht nur beim Sport platzen meine guten Vorsätze wie Seifenblasen. Aus dem Stand erinnere ich mich an den Volkshochschulkurs "Spanisch intensiv", den ich nach Lektion vier abbrechen musste, weil es immer irgendetwas gab, das mich davon abhielt, Vokabeln zu lernen. Ganz zu schweigen vom Theater-Abo, das über eine ganze Saison für einen leeren Platz links vorn sorgte, weil es in diesem Herbst einfach furchtbar viel regnete. Oder von dem immergrünen Vorsatz, ab sofort nur noch gesund zu essen, der meist am gleichen Abend in der Tonne landet. Zusammen mit dem Karton der Tiefkühlpizza, die ich so schuldbewusst wie lethargisch in die Röhre schiebe.

Hätte ich nur die Hälfte meiner guten Vorsätze beibehalten, dann wäre ich heute wahrscheinlich eine giftstofffreie, Spanisch ratternde Schlangenfrau.

Warum werden wir schwach?

Warum bloß werden wir immer wieder schwach? Ganz offensichtlich, weil wir uns immer viel zu viel vorzunehmen. Zum Beispiel beim Sport: Da wollen wir gefälligst ruckzuck Ergebnisse sehen. In spätestens vier Wochen sollen die Oberschenkel straff, hat die Kondition gigantisch zu sein. Sonst ist es die Mühe nicht wert. Außerdem neigen wir dazu, uns in einer Art Selbstbestrafung für jahrelange Faulheit zu kasteien: Ab jetzt wird täglich eine Stunde gelaufen. Inklusive Wochenende. Basta. Klingt gut und funktioniert nie.

Der Zeitpunkt muss stimmen

Und dann ist da die Frage des richtigen Zeitpunkts. Gern gefasst werden gute Vorsätze bekanntlich zum neuen Jahr. Dabei hat man in den Wintermonaten, wenn's draußen regnet, schneit und dauernd dunkel ist, weder Lust, frühmorgens joggen zu gehen, noch, einmal wöchentlich mit Bus und S-Bahn ins Theater zu fahren. Und ist es sinnvoll, das abendliche Glas Rotwein ausgerechnet dann durch Kräutertee zu ersetzen, wenn es im Büro gerade ganz besonders stressig zugeht? Muss man sich das Spanischbuch unters Kopfkissen legen, wenn die eigenen Kinder den Begriff der "Trotzphase" in eine neue Dimension tragen? Jetzt diszipliniert und konsequent gute Vorsätze einzuführen ist wenig Erfolg versprechend. Weil aber Stress und Trotzphasen und schlechtes Wetter quasi der Dauerzustand im Leben eines normalen Menschen sind, haben gute Vorsätze eigentlich kaum eine Chance.

Kompromisse sind besser

Was also tun, um gute Vorsätze und ihre Durchführung über die ersten paar Wochen zu retten, damit sie den Hauch einer Chance bekommen, sich zu unverzichtbaren Ritualen zu entwickeln? Meist ist ein Kompromiss eine gute Lösung: Statt jeden Tag zu laufen, kann man vielleicht auch nur zweimal die Woche zwanzig Minuten joggen gehen - mit anschließendem Luxus-Bad. Statt des vierstündigen Spanisch-Intensivkurses tut's vielleicht auch der weniger anspruchsvolle Anfängerkurs, nach dem noch Zeit für einen Rioja in einer Tapas-Bar bleibt, was unseren denkfaulen Party-Teil bei Laune hält. Mit solchen Kompromissen erleben vorsätzliche Versager wie ich vielleicht bald den Triumph, zum ersten Mal im Leben einen guten Vorsatz langfristig durchgehalten zu haben.

Nicht lange überlegen

Ein anderer Weg wäre, seine inneren Widerstände zu überwinden. Dieser ist allerdings weit weniger demokratisch, erfordert ein Mindestmaß an Disziplin und lautet einfach: nicht groß überlegen, sondern handeln. Also gar nicht erst darauf warten, dass die Lust auf einen kleinen Dauerlauf einsetzt. Weder nach dem Wetter noch auf den Terminkalender schauen, sondern eine Uhrzeit setzen und loslaufen, nach dem Motto: Ich bin der Boss und entscheide, was gemacht wird. Die Lust stellt sich dann schon ein. Sagt jedenfalls der amerikanische Psychiater Dr. William Glasser, der mit seinem Aktionismus-Modell depressiven Patienten zu mehr Antrieb verhelfen will. Das Prinzip ist ziemlich alltagstauglich: Wenn man sich erst mal aufgerafft hat, ins Theater oder joggen zu gehen, gesund zu kochen oder sich an den Schreibtisch zu setzen, merkt man meistens schon nach kurzer Zeit: Mensch, macht doch Spaß, warum stell ich mich eigentlich immer so an? Dieses Glücksgefühl ist ausbaufähig, und im Idealfall wird aus der Pflichtübung irgendwann ein inneres Bedürfnis.

Bevor wir den nächsten Vorsatz fassen, sollten wir uns aber trotzdem fragen, ob unsere gute Absicht wirklich etwas mit uns zu tun hat. Ob beispielsweise Fitness in unserem Leben wirklich eine Rolle spielen kann und soll. Oder ob wir uns nicht einfach zugestehen, ein Genussmensch zu sein, der nicht in die Turnschuhe kommt. Vielleicht sind wir einfach keine Bildungsbürger, die es ständig ins Theater zieht, und sparen uns von nun an den Stress, eine gute Entschuldigung zu finden, statt dessen ins Kino zu gehen oder die Glotze anzuschalten. Bitte, dann ist es eben so.

Und wir fassen den letzten Vorsatz, ab jetzt einfach keine Vorsätze mehr zu fassen.

Text: Nadja Bossmann

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